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Grimmen Ein Wiedersehen nach 72 Jahren
Vorpommern Grimmen Ein Wiedersehen nach 72 Jahren
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00:05 12.04.2017
Christel Ehrich (79) hat ihren Bruder Günter Peleikis nach 72 Jahren in Groß Bisdorf bei Grimmen wieder in die Arme schließen können. Die beiden waren zum Ende des 2. Weltkrieges in Memel, dem heutigen Klaipeda, getrennt worden. Quelle: Foto: Reinhard Amler

„Ich fühlte mich, als wenn in mir alles stillsteht“. So beschreibt Christel Ehrich aus Groß Bisdorf ihren Gemütszustand vom letzten Sonnabend. „Immer wieder bin ich zum Fenster. Aber es war kein Auto zu sehen. Und dann stand er plötzlich vor ihr: „Günter Peleikis, mein Bruder.“ Da gab es kein Halten mehr. Für die vielen Tränen. Auf beiden Seiten. „Wir haben uns nach 72 Jahren das erste Mal gesehen“, sagt die heute 79-Jährige Groß Bisdorferin. Sie wiederholt die Zahl 72, als könne sie das für sie Unfassbare noch immer nicht glauben.

Die Geschwister Christel Ehrich und Günter Peleikis waren 1944 in Memel getrennt worden

1944 verloren sich die Geschwister aus den Augen. In Memel, in Ostpreußen, dem damals östlichsten Zipfel Deutschlands geschah das. Der Krieg war hier bereits zu Ende, denn die Rote Armee hatte das heutige Klaipeda im Oktober 1944 besetzt. „Wir mussten jetzt raus“, sagt Christel Ehrich. Da die Mutter die Kinder weggegeben hatte, lebten sie in Pflegefamilien. Christel war damals sechs, ihr jüngerer Bruder keine zwei. Er war erst im Dezember 1942 zur Welt gekommen. Beide verließen Memel in ganz unterschiedliche Richtungen. Christel kam nach Lüssow bei Grimmen. „Es war am 18. November 1944 als wir hier eintrafen“, erinnert sie sich noch genau. „Damals lebte noch der Gutsbesitzer“.

Günter Pelekies verließ Memel am 20. Januar 1945 in einem extra zusammengestellten Kindertransport. Dessen Fahrt endete in Schwarzenberg im Erzgebirge. Dort wurde der Zweijährige in eine Klinik für Flüchtlinge eingeliefert.

„Das einzige, was ich von meinem Bruder besaß, war ein kleines Foto, auf dem er unscharf als Kleinkind zu erkennen ist“, erzählt die Schwester.

Ein Jahr war Günter in der Schwarzenberger Flüchtlingsklinik. Dann kam er in ein Krüppelheim. „Ja, das hieß damals wirklich so“, erklärt der Mann. „Ich bin nämlich leicht behindert, habe verkrüppelte Finger und Zehen“, fügt er hinzu.

Dass er leicht behindert war, wusste auch seine Schwester. Aber auch nicht mehr. Sie kannte nicht einmal seinen Namen, denn der war zwischenzeitlich von den Behörden abgeändert worden.

Günter wurde erneut in eine Pflegefamilie gegeben. Diesmal in Zwickau. „Das war im August 1947“, erzählt er. „Wir wohnten in einer ehemaligen SS-Kaserne, die zum Flüchtlingslager umfunktioniert wurde. Seine neuen Pflegeeltern kamen aus Breslau.

„Und hier wurde ich krank. Ich bekam Keuchhusten und Lungenentzündung, dazu schwere Schmerzen an der Wirbelsäule“, erzählt der Senior. Die Ärzte diagnostizierten Wirbelsäulen-TBC. Eine schwere Krankheit. Es folgten viele Behandlungen.

Im Gipskorsett kam der mittlerweile Achtjährige dann wieder nach Hause. „Als ich neun war, wurde für mich eine Schule gesucht. Das war nicht so einfach“, sagt Günter Peleikis, „denn sie musste einer Klinik angeschlossen sein.“ In Leipzig fand sie sich.

Günter Peleikis verbrachte hier die Jahre 1952 bis 1954. Danach ging es wieder zurück zur Pflegefamilie nach Zwickau. Die hatte inzwischen eine Wohnung.

Man glaubte mich aber wieder verschicken zu müssen, erzählt er. „So kam ich nach Ührenfeld im Harz. Angeblich zur Kur. Doch man hatte ihn in ein Heim abgeschoben. „Es war keine schöne Zeit. Ich tat deshalb auch alles, um aufzufallen, kümmerte mich nicht mehr um die Schule, gehorchte den Erziehern nicht“, sagt er.

Und dann erreichte ihn ein Brief seiner Fürsorgerin aus Zwickau, die wissen wollte, wie es ihm geht. „Schlecht, krakelte ich ihr zurück, denn richtig schreiben konnte ich noch gar nicht. Aber ich kam raus. Erneut zu den Pflegeeltern nach Zwickau.“ Doch das war nicht für lange, denn inzwischen war bei Günter Peleikis wieder die Krankheit ausgebrochen. Abermals wurde er in eine Leipziger Klinik eingeliefert, wo er dann seinen Schulabschluss machen konnte.

Als er das Zeugnis bekam, war er bereits 20 Jahre alt. Er kam anschließend in ein Rehabilitationszentrum nach Dresden und schloss dort im Februar 1967 eine Mechaniker-Ausbildung ab. „Danach baute ich an der TU Dresden an Apparaturen mit, die für die Forschung benötigt wurden. Aber das befriedigte mich nicht“, sagt er. „Ich wollte etwas Kreativeres machen“. So ging er in seinen ehemaligen Lehrbetrieb, wo er bis zum Eintritt in die Invalidenrente tätig war. „Günter Peleikis, der heute in Glauchau in Sachsen lebt, verheiratet ist und eine 37-jährige Tochter hat, sagt: „Ich habe immer versucht, meine Wurzeln zu finden. Ich wusste aber gar nicht, dass ich eine Schwester habe. Deshalb wollte ich herausfinden, wer meine Mutter war.“

Die war inzwischen auch nach Vorpommern umgesiedelt. „Im März 1945 kam sie nach Lüssow“, erzählt Christel Ehrich. „Sie hatte mich übers Rote Kreuz ausfindig gemacht.“

Christel Ehrich heiratete mit 18 Jahren und brachte vier Kinder zur Welt. Ihr Mann verstarb 2007. Sie lebt heute in einer neuen Beziehung.

„Viele Jahre habe ich bei Dannenberg im Geschäft in Grimmen gearbeitet, später bei der Post Briefe ausgetragen. Mich kennen daher viele hier in Groß Bisdorf, Lüssow oder Kandelin“, sagt sie.

„Uns hat immer bewegt, was wohl mit Günter ist. Im Kopf war er immer bei mir“, sagt die Schwester. Wir waren aber der Annahme, dass er tot sei. „ Denn das letzte, was wir gehört hatten, war, dass das Kinderheim in Memel bombardiert wurde.“ Es hieß, dass es keine Überlebenden gab. „Das wollten wir zwar nicht glauben, hatten aber keine anderen Informationen“, erklärt Christel Ehrich.

„Und dann passierte vor drei Wochen das schier Unfassbare“, ist die Schwester noch immer aufgewühlt. Vom Deutschen Roten Kreuz kam Post. Im Brief stand, dass ein Günter Peleikis aus Glauchau nach seinen Angehörigen sucht. „Noch am selben Tag haben wir telefoniert“, erklärt Christel Ehrich, die übers Internet schnell seine Telefonnummer gefunden hatte. „Die Freude war riesengroß“, sagt sie.

„Und jetzt haben wir uns getroffen. Nach 72 Jahren.“ „Ich glaube, ich habe noch nie soviel geweint wie am Sonnabend“, gesteht die 79-Jährige.

Reinhard Amler

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