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Eine Fru an Bord der Fischer

Greifswald Eine Fru an Bord der Fischer

Netze einholen, Hornfische pulen, Flunder retten – OZ-Journalistin Sybille Marx hat auf einem Wiecker Fischkutter mit angepackt

Greifswald. Seltsam schief sitzt dieser winzige Mund auf dem Fischkörper, öffnet und schließt sich wieder. Eine kleine Flunder hat sich an Bord unseres Kutters verirrt, jetzt ringt sie um ihr Leben! „Die werfen Sie mal wieder rein“, sagt Ulrich Drews. Echt?! Sekunden später lasse ich das flache Tier zurück in den Bodden gleiten, flink taucht es hinunter. Gerettet!

Glücksgefühle flackern durch meinen Bauch.

Dabei geht es heute gar nicht ums Lebensretten, eher ums Gegenteil: Mit Ulrich Drews, 57, Fischer der Wiecker Fischereigenossenschaft, bin ich um 5.30 Uhr an Bord der „Wieck 49“ gegangen. Unterhalb von Wampen wollen wir zwei Stellnetze einholen, Hornfische aus dem Bodden ziehen – diese langgezogenen Tiere mit den grünen Gräten. In den kleinen Läden der Genossenschaft sollen sie nachher über die Theke gehen, roh, geräuchert und gebraten. Meine Aufgabe: an Bord mit anpacken.

Kurz bevor wir auslaufen, taucht ein Polizist an der Kaikante auf. Im Salzboddengrund sei ein Segler über Stellnetze gefahren und habe sie beschädigt, ob das Drews Netze seien? Ne, Kopfschütteln.

Aber der Fischer verspricht, unter den acht Kollegen rumzufragen. „Guten Fang“, wünscht der Beamte noch. Drews lacht. „Ich habe doch heute schon einen guten Fang gemacht!“

Eine „junge Fru“ an Bord, das haben die Fischer nicht jeden Tag, ihre Branche ist von Männern dominiert, jung ist hier auch kaum einer mehr. „Den Beruf will ja keiner mehr machen, wie auch“, sagt Drews, während er mit dem Unterarm das Steuer bedient. Multinationale Konzerne, die die meisten Fische holten und die wenigsten Steuern zahlten, machten den Kleinen Konkurrenz. Fangquoten schmälerten die Gewinne. „Bald ist es wie in Westdeutschland“, glaubt er: „Da fischen in den Häfen nur noch Leute im Ruhestand.“ Von der Arbeit leben könne bald keiner mehr.

Und dann ist er da, dieser Moment, auf den ich leicht bangend gewartet habe: Einen Wust von Leinen und Nylonmaschen haben wir mit dem motorbetriebenen Netzholer über die Reling gezogen. Und darin zucken schillernde Fischleiber. Dieser stille Todeskampf berührt mich, gleichzeitig staune ich über die Schönheit der Hornfische: Vogelschnäbel haben sie und gefaltete Flossen, die wie Flügel von ihren Körpern abstehen! „Was glauben Sie, wie schnell die damit sind“, sagt Drews anerkennend.

Und ran an die Arbeit, Handschuhe an. Das Netz muss in eine Tonne, der Fisch in Kisten, beides ist wild ineinander verwickelt, „pulen“ steht an. Zentimeter für Zentimeter ziehen wir die Maschen durch die Hände – und stoppen, wann immer ein Hornfisch drin hängt oder Beifang: Plötze vor allem, ein paar Barsche, kleine Heringe, glänzende Sprotten, zweimal auch eine Krabbe . . .

Wir drehen und wenden das Netzgewirr, bis ein Fischleib fast schon frei liegt. Dann mit dem Kopf zuerst durch die Maschen schieben. Bei Drews geht das zackig, ich scheitere anfangs an der Angst, dem Tier weh zu tun. Doch meine Hände lernen schnell. Nur bei „Westpaketen“, wild verwickelten Hornfischen, haben sie ihre Mühe.

Gegen 8.30 Uhr bricht die Sonne durch einem Wolkenberg. Glitzerndes Wasser! Blauer Himmel! Beide Stellnetze haben wir inzwischen eingeholt, drei Kisten voller Hornfische stehen an Bord, das warme Licht fühlt sich an wie eine Belohnung. Und das Aufräumen fällt leicht. Algen, Seetang, schillernde Schuppen und Fischeier kehre ich von Bord. „Gucken Sie mal, eine Seenadel“, sagt Drews plötzlich und deutet auf ein regenwurmgroßes Fischlein. Ich hebe es auf, bewundere den dünnen Körper, der sich als Seegras-Halm tarnt, und die winzigen wachen Augen. Dann ab in den Bodden damit! Und zurück an die Arbeit.

Als ich gegen 9.15 Uhr wieder von Bord gehe, habe ich das Gefühl: Ich werde Fisch aus Wieck künftig anders essen. Mit mehr Respekt. Weil ich weiß, dass jedes einzelne Tier per Hand aus dem Netz gepult wurde. Und um sein Leben gekämpft hat.

Sybille Marx

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