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Grimmen „Einige Dörfer werden von der Landkarte verschwinden“
Vorpommern Grimmen „Einige Dörfer werden von der Landkarte verschwinden“
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00:00 18.03.2017

Wolfgang Weiß (62) ist Demograph und Geograph und war als solcher jahrelang als Privatdozent an der Universität Greifswald tätig. Heute sitzt er für die Linken im Landtag. Er lebt mit seiner Familie in einem kleinen Dorf bei Grimmen.

OZ: Herr Weiß, hat das Modell „Leben auf dem Land“ noch eine Zukunft?

Wolfgang Weiß: Natürlich, jedoch kann man die Zukunft nicht mit den Mitteln der Vergangenheit gestalten. Heute arbeitet im Vergleich zu vor 1990 nur noch ein Bruchteil der Menschen, die auf dem Land leben, in der Landwirtschaft. Stattdessen pendeln sie in die nächstgelegene Stadt, um zu arbeiten. Früher hat man sich auf seinem Grund und Boden noch nebenbei selbst ernährt. Auch das wird immer mehr wegfallen, dafür fehlt den Leuten einfach die Zeit. Das Leben auf dem Land hat sich also bereits grundlegend verändert. Um Ihre Frage zu beantworten: Wir befinden uns auf einer Straße, bei der wir noch nicht wissen, wohin sie führt.

Was kann ein Bürgermeister einer kleinen Gemeinde tun, damit die Menschen in seinem Dorf bleiben?

Genau genommen gar nichts. In eine Nachbargemeinde von Stralsund etwa ziehen die Menschen nicht, weil es dort einen cleveren Bürgermeister mit guten Ideen gibt. Sie ziehen dorthin, weil sie die Nähe zu Stralsund und gleichzeitig die ländliche Lebensqualität haben wollen. Es gibt räumliche Gesetze von Nähe und Distanz. Damit verbunden finden Prozesse statt, die nur mit größtem Aufwand verlangsamt oder beschleunigt werden können. Es gibt Dörfer, die werden irgendwann von der Landkarte verschwinden, weil die Distanz zu den Zentren zu groß ist.

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Einwohnerzahl und Lebensqualität?

Es ist ein Irrglaube, dass weniger Einwohner automatisch dazu führen, dass es den Menschen schlechter geht. Das beste Beispiel ist Schweden. Da leben im ganzen Land etwas mehr als neun Millionen Einwohner. Die Lebensqualität hängt von der Infrastruktur ab. Die Frage ist doch beispielsweise, ob sich eine Gemeinde einen Kindergarten leisten kann. Oder ob es Sinn macht, an Schulen eine Mindestanzahl an Schülern pro Klasse für einen Standort vorzuschreiben. So etwas zu verändern ist teuer, klar. Aber das Geld ist da, es wird nur falsch ausgegeben.

Also muss die Politik deutlich mehr Geld in den ländlichen Raum investieren, auch wenn dort langfristig nicht mehr Menschen leben werden?

Einerseits bin ich der Auffassung, dass allen Menschen im Land grundsätzlich die gleichen Chancen eingeräumt werden müssen. Allerdings ist es ein ökonomisches Gesetz, dass die Überwindung von Distanzen Zeit und Geld kostet. Wenn Sie eine Wasserleitung auf dem Land verlegen, erreichen Sie damit viel weniger Haushalte als mit dem gleichen Aufwand in der Stadt. Wir dürfen also die Ansprüche nicht überziehen bei der Frage, was wir der Gesellschaft aufbürden wollen. Man muss also genau abwägen: Wie können Fördergelder möglichst sinnvoll verteilt werden, um den ländlichen Raum zu unterstützen? Und wie weit kann man Bewohnern von Städten zumuten, dass ihre Steuergelder in Dörfern versenkt werden? Das ist ein schmaler Grat.

Sie leben mit Ihrer Frau in einem kleinen Dorf bei Grimmen. Warum sind Sie nicht längst weggezogen?

Wir fühlen uns hier wegen der Menschen wohl, haben viele Freunde gefunden. Und es gibt hier eine Reihe von Freiheiten. Trotzdem vermute ich, dass ich hier nicht alt werden kann. Wenn es hart auf hart kommt, wenn ich zum Beispiel plötzlich gesundheitliche Probleme bekomme, kann mir hier kaum einer helfen.

Interview: Alexander Müller

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