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Grimmen Einst wurde unter Linden getanzt
Vorpommern Grimmen Einst wurde unter Linden getanzt
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00:05 06.05.2017
Auf Veranlassung von Helene von Bismarck-Bohlen, der damaligen Kirchenpatronin, wurde St. Marien 1905 restauriert. Der Brandshagener Malermeister Max Rabe (M.) nahm sich mit seinen Gehilfen damals der Innenausmalung des Gotteshauses an. FOTOS (4)/REPRODUKTIONEN (3): CLAUDIA NOATNICK

Leise rauschten die Blätter der Linden im Sommerwind. „Wir haben draußen auf den Bänken gesessen und rote Fassbrause getrunken“, erinnert sich Gisela Matthias. Die wurde den Kindern wie auch das Eis, welches es im Gasthaus „Zur Linde“ zu kaufen gab, aus dem Fenster herausgereicht. „Und gefeiert wurde hier. Erntefeste, Tanzveranstaltungen. Alles vorbei“, sagt die Brandshagenerin wehmütig.

Im Brandshagener Gasthaus wurde viel gefeiert / Heute ist das Gebäude verfallen

Zwar gibt es die Linden heute noch, das ehemalige Gasthaus allerdings bietet einen traurigen Anblick: Die Fenster eingeschlagen, das Dach löchrig, die gesamte Bausubstanz marode. Gisela Matthias zuckt mit den Schultern. Das Gebäude gehöre einer Erbengemeinschaft, die über die ganze Welt verstreut sei. Einige würden das Gebäude gern komplett erwerben, könnten aber ohne die Zustimmung der übrigen nichts machen. Früher, da sei das Gasthaus ein Treffpunkt für die Brandshagener gewesen. „Im Gasthaus-Saal haben wir damals Sportunterricht gehabt“, erzählt Matthias lachend. Später dann wurde die „Linde“ BHG, beherbergte einen Konsum-Industriewarenladen und um die Jahrtausendwende war sie ein Küchenstudio. Doch nun stehe das Gebäude auf dem Kirchberg fast 17 Jahre leer und verfalle vor sich hin.

Es gibt weitere alte Häuser, die das Schicksal des ehemaligen Brandshagener Gasthauses teilen. Das einstige Lehrer- und Küsterwohnhaus in unmittelbarer Nachbarschaft sei zwar noch bewohnt, müsste jedoch dringend saniert werden. Ebenso traurig sieht das Klinkerhaus mit der Nummer 14 in der Dorfstraße aus. „Es ist schon schade. Wenn man durch Brandshagen fährt, fallen einem gerade diese Häuser ins Auge, sie befinden sich ja direkt an der Hauptstraße“, sagt Gisela Matthias.

Doch es gibt auch positive Beispiele im Ort, wo besonders wertvolle Gebäude liebevoll restauriert und erhalten werden. Das Seidelhaus gehört dazu. Das um etwa 1650 gebaute Haus ist vermutlich das älteste Wohnhaus Brandshagens. Während zur Straße hinaus die Bewohner ihre Wohn- und Schlafstuben hatten, war der hintere Teil dem Vieh vorbehalten. Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts war in dem kleinen Häuschen ein Landhandel untergebracht. Ein Anbau diente als Garage für die Kutsche. Heute dient das Seidel-Haus als Wohnhaus. Es ist mit allem Wohnkomfort des 21. Jahrhunderts wie Bad, Toilette und Zentralheizung ausgestattet, dabei aber doch in seiner Einzigartigkeit erhalten geblieben.

Auch das einstige Domizil des Sattlermeisters Hilbrich auf dem Kirchberg ist liebevoll restauriert worden. „Früher haben wir unsere Ranzen hierher zum Reparieren gebracht“, erinnert sich Gisela Matthias. Heute dient das Gebäude ebenso wie das benachbarte Haus des ehemaligen Malermeisters Max Rabe als Wohnhaus. „Max Rabe hat mit seinem Sohn Robert damals unsere Kirche vor dem Verfall gerettet. 1905 war das“, weiß die Brandshagenerin. Die Marienkirche, im 13. Jahrhundert gebaut, gehört zu den größten Dorfkirchen Norddeutschlands und hat ebenfalls den Status eines Baudenkmals.

Sie verfügt über eine reiche Ausstattung, unter anderem mit Fresken aus dem 13./14. Jahrhundert, der Barockaltar soll aus der Werkstatt des Stralsunders Max Broder von 1706/07 stammen. 1905/1906 fand auf Veranlassung der damaligen Kirchenpatronin Helene von Bismarck-Bohlen die letzte größere Renovierung statt. Der Brandshagener Malermeister Max Rabe sorgte dafür, dass die Malereien im Inneren der Kirche wieder sichtbar wurden. Auch die Orgel erhielt jüngst eine Generalüberholung durch den Orgelbauer Dagobert Liers aus Berlin.

Wissenswertes

1249 wurde Brandshagen erstmals urkundlich erwähnt.

Damals hieß der Ort Borantenhaghen, benannt nach Borante, Nachfahr der Rügenfürsten aus dem Haus Putbus.

Zu Kriegszeiten war der dicht vor dem militärisch wichtigen Stralsund liegende Ort oft von Leid geplagt: Im Dreißigjährigen Krieg lagerten hier Wallensteins Truppen, während der Napoleonischen Kriege wurde der Ort von Franzosen wie auch von Schills Truppen ausgeplündert.

Ende des Zweiten Weltkrieges wurden Brandshäger Männer zum Volkssturm eingezogen. Der vorrückenden Roten Armee gingen sie jedoch mit weißer Flagge entgegen.

Dietrich Metka, einstiger Regierungssprecher in Bonn und später wohnhaft in Brandshagen, verfasste anlässlich der 750-Jahrfeier des Ortes 1999 ein Gedicht mit den Titel „Brandshagener“: Wo die Prosnitzer Schantz den Sund verengt,

dort gegenüber, würd man sagen,

zwischen hohen Moränen gezwängt,

dort, landeiwärts liegt Brandshagen.

Es war der Brückenkopf des Borante,

als er den Fuß aufs Festland setzte und gegen den Herzog vom Pommernlande

heimlich die Messer wetzte.

Dort zog er hin mit Volk und Vieh

Und baute sich ein festes Haus,

und dort verwachsen, sitzen sie,

bis heutigen Tags, jahrein, jahraus.

Es sind die rügischen Fischköpp noch,

die trotzig im Wandel der Zeit

mit Eigensinn bestätigt, doch

schlitzohriger Offenheit.

Claudia Noatnick

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