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Grimmen „Hygiene ist wahnsinnig wichtig“
Vorpommern Grimmen „Hygiene ist wahnsinnig wichtig“
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00:00 12.04.2017
Patient Crispin-Peter Fordham und Stationsschwester Doreen Labahn mit dem Aufklärungspaket aus dem Ahoi-Projekt. Es enthält neben einem Informationsbuch und einem Fragebogen auch verschiedene Desinfektionsmittel. Quelle: Foto: Peter Binder

Im Kampf gegen multiresistene Keime war der Patient lange eine Lücke im System. Diese Lücke zu schließen, hat sich das Universitätsklinikum Greifswald auf die Fahnen geschrieben. Die extrem widerstandsfähigen Erreger nehmen weltweit zu und führen vor allem bei Patienten und Pflegebedürftigen zu Infektionen. Tausende enden tödlich.

Man kann so viel Krankenhaushygiene betreiben wie man will. Auch der Patient muss mitmachen. Nils-Olaf Hübner,Institut für Hygiene
Je mehr der Patient weiß, desto besser können wir uns beide schützen.Claus-Dieter Heidecke Ärztlicher Vorstand Unimedizin

Im aktuellen Forschungsprojekt „Ahoi“ der Greifswalder Wissenschaftler geht es darum, „Patienten, Angehörige, Besucher und pflegende Angehörige mit ins Boot zu nehmen“, erklärt Privatdozent Nils-Olaf Hübner vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin. „Seit einigen Jahren weiß man, dass der Patient eine große Rolle beim Infektionsschutz spielt“, so Hübner weiter. Es reicht nicht, wenn das Personal sich vor jedem Patientenkontakt die Hände desinfiziert, wenn der Patient selbst aber seine Keime im gesamten Klinikum verteilt. Denn der bewegt sich im Klinikum, geht in den Essensraum, fasst die Trinkwasserspender an, Türgriffe, benutzt die Toilette. Auf diesem Wege werden Keime verbreitet. „Deswegen schulen wir in unserem Ahoi-Projekt die Patienten, erklären ihnen, worauf sie selbst achten sollen und können“, sagt Professor Claus-Dieter Heidecke, Ärztlicher Vorstand der Unimedizin und Klinikdirektor der Allgemeinen Chirurgie. Besucher sollen sich nicht auf die Betten der Patienten setzen, Toilettensitz und Spülknopf sollen vor der Benutzung abgewischt werden. „Wir erklären den Patienten auch, was sie vom Personal erwarten können. Wir ermutigen sie, die Ärzte und Pflegekräfte offen anzusprechen, beispielsweise wenn diese vergessen sollten, sich die Hände zu desinfizieren oder die Schutzkappe beim Fieberthermometer aufzusetzen“, sagt Hübner.

Ahoi wird seit 2016 vom Bundesministerium für Gesundheit gefördert. Nachdem die 300000 Euro der ersten Phase nahezu aufgebraucht sind, wird derzeit der Folgeantrag erarbeitet. „Im ersten Jahr haben wir ein umfangreiches Maßnahmenpaket entwickelt und auf Machbarkeit getestet. Dabei haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. In den kommenden beiden Jahren wollen wir die Wirksamkeit nachweisen“, erklärt Hübner.

Seit mehr als zehn Jahren forschen Hygieniker, Chirurgen und Gesundheitsökonomen am Uniklinikum sehr erfolgreich zusammen in der Paul-Leopold-Friedrich-Arbeitsgruppe. Ziel ist es, die Patientensicherheit zu verbessern und die sogenannten Killerkeime zurückzudrängen. „Solche gemeinsamen Arbeitsgruppen gibt es nicht überall. Wir schwimmen mit unserer Forschung da international weit vorne mit“, sagt Hübner. In einer früheren Studie hat die Gruppe nachgewiesen, dass die Lappen bei der Reinigung der verschiedenen Räume im Klinikum nicht häufig genug gewechselt wurden. „Dadurch wurden die Keime weiterverbreitet statt entfernt“, sagt Heidecke. „Ohne die Hinweise von Patienten hätten wir das vielleicht nicht so schnell herausgefunden und abstellen können.“ Dadurch konnte die Verbreitung der multiresistenten Keime um 30 bis 50 Prozent zurückgedrängt werden.

„Wir merken, dass die Patienten uns genau beobachten und darauf achten, dass wir alle Vorschriften einhalten. Das ist gut so“, sagt Doreen Labahn, Stationsschwester auf der Chirurgie, wo das Projekt seit einem Jahr läuft. Sie musste noch von keinem Patienten darauf hingewiesen werden, dass sie keine Handschuhe trägt. Aber selbst wenn, ist Labahn überzeugt, dass das eine gute Sache ist. „Wir haben auch das Personal geschult, damit es mit möglicher Kritik gut umgehen kann und dadurch kein Misstrauensverhältnis entsteht“, sagt Hübner. Mehr als 70 Prozent des Personals haben an den Schulungen teilgenommen. „Es ist doch besser, wenn im Vorfeld ein Hinweis eines Patienten kommt, statt im Nachhinein womöglich ein Schaden und eine Klage“, sagt Hübner.

Mitarbeiter wie Patienten nehmen das Programm sehr gut an.„Ich bin wesentlich vorsichtiger geworden und setzte alles um, was ich durch das Projekt gelernt habe“, sagt Patient Crispin-Peter Fordham, der gebürtig aus Großbritannien kommt und seit neun Jahren in Mönkebude lebt. „Ich verdanke der Klinik mein Leben.“ Seine Geschichte ist tragisch: Vor über einem Jahr wurde bei ihm in einer anderen Klinik bei einem Routineeingriff ein Fehler gemacht. Erst als er später ins Universitätsklinikum Greifswald kam, wurde entdeckt, dass er von multiresistenten Bakterien befallen ist und wurde entsprechend behandelt. Heute weiß er: „Hygiene ist wahnsinnig wichtig.“ Dass die im Klinikum so groß geschrieben wird, gibt ihm ein gutes Gefühl. „Die passen hier extrem gut auf“, sagt Fordham.

Hygiene-Tipps für zu Hause:

Verzichten Sie auf das Händeschütteln.

Waschen oder desinfizieren Sie die Hände nach dem Heimkommen.

Wechseln Sie Schuhe und gegebenenfalls die Kleidung. Bieten Sie Besuchern Hausschuhe an.

Waschen Sie stets vor dem Essen die Hände.

Schließen Sie den Toilettendeckel vor dem Spülen und waschen Sie nach dem Toilettengang die Hände.

Lüften Sie mindestens dreimal am Tag für mindestens zehn Minuten.

Nutzen Sie für die Aufbereitung von Kontaktlinsen kein Leitungswasser.

Trocknen Sie Ihre Ohren immer gut ab.

Waschen Sie sämtliche Handtücher mindestens einmal pro Woche, Bettwäsche mindestens alle vier Wochen bei 60 Grad•.

Das Hygiene-Projekt „Ahoi“

„Ahoi – Patient im Boot“ steht für aufmerksam sein, hilfreich unterstützten, offen kommunizieren und innovativen Infektionsschutz. Projektpartner sind die Paul-Leopold-Friedrich-Arbeitsgruppe der Unimedizin Greifswald, bestehend aus dem Institut für Hygiene und Umweltmedizin sowie der Allgemeinen Chirurgie, dem Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitsmanagement und dem Verein Kompass. Gefördert wird das Projekt vom Patienten- und Pflegebeauftragten der Bundesregierung im Gesundheitsministerium, weil es einen innovativen Gesamtansatz zur Einbindung der Patienten bietet, der neben der Händedesinfektion auch das Verhalten in der Arztpraxis, im Sanitärbereich, die Hygiene in der Küche und Verhalten des Personals enthält.

Multiresistente Erreger sind Keime, die extrem widerstandsfähig sind und durch gängige Antibiotika nicht zerstört werden können. Hauptursachen für ihre steigende Verbreitung sind die häufige Verschreibung von Antibiotika und mangelhafte Hygiene. Deswegen lernen Keime immer besser, sich anzupassen und zu überleben. Ziel der Wissenschaftler ist es, die Verschreibung von Antibiotika zu reduzieren und bessere Hygienestandards umzusetzen.

Katharina Degrassi

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