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„Ich spürte sein Verzweiflung“

Greifswald „Ich spürte sein Verzweiflung“

Sexsüchtige, Krebskranke, Pädophile: Tausende verzweifelte Anrufer landen auf der Suche nach Verständnis bei den Telefonseelsorgern Vorpommern

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Wer sich traurig fühlt oder Sorgen hat, findet bei der Telefonseelsorge einen Ansprechpartner.

Quelle: Foto: Andrey Popov/fotolia

Greifswald. Um Sex ging es gleich im ersten Anruf. Ein Mann war am Apparat, der erzählte, wie stark sein Sexualtrieb sei. „So stark, dass er fast dauernd Geschlechtsverkehr haben wollte, deshalb Konflikte mit seiner Freundin hatte und in Therapie war“, erzählt Anja Grün* aus Greifswald. Sie selbst hatte damals, im Juni 2015, gerade ihre Ausbildung zur ehrenamtlichen Mitarbeiterin bei der Ökumenischen Telefonseelsorge Vorpommern absolviert. Nun saß sie zum ersten Mal für vier Stunden am Telefon.

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Sexsüchtige, Krebskranke, Pädophile: Tausende verzweifelte Anrufer landen auf der Suche nach Verständnis bei den Telefonseelsorgern Vorpommern

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„Sexualität war zum Glück ein Thema, mit dem wir uns in der Ausbildung intensiv beschäftigt haben“, sagt sie. Neben Liebe, Krankheit, Tod, Einsamkeit, Gesprächsführung und anderen. „Ich habe dann einfach gefragt, was der Therapeut denn sagt, habe viele offene Fragen gestellt.“ Denn darum gehe es ja: zuzuhören und nicht zu urteilen. „Ich sage eben nicht: Sie sind ja komisch. Ich gebe keine Ratschläge und bin natürlich auch keine Therapeutin.“ Aber Anteilnahme könne sie zeigen, dem Anrufer, der anonym bleiben darf, damit Entlastung anbieten. „Und man kann mit ihm gemeinsam ausloten, welche Möglichkeiten er hat.“

Rund 7000 Anrufe aus ganz Deutschland landen jedes Jahr bei den Ehrenamtlichen in Vorpommern, deutschlandweit gehen 1,6 Millionen Anrufe ein. „Viele sind einsam oder psychisch krank und brauchen akut jemanden zum Reden“, erzählt Anja Grün; gerade auch in Vorpommern, wo das Therapienetz so dünn sei. Sich auf diese Fremden einzustellen, sei gar nicht so schwer, mache oft sogar Spaß. „Und viele sagen am Ende: Danke, das hat mir gut getan.“

Aber natürlich gebe es auch Fälle, die an die eigenen Grenzen führten. „Einmal hat eine Frau angerufen, die eine schlimme Krebsdiagnose hatte“, erzählt Anja Grün. Ihr Körper war voller Metastasen, die Tochter erst vier Jahre alt. „Die Frau hatte für sich damit abgeschlossen, aber ihr Kind kam mit der Situation gar nicht zurecht.“ Anja Grün, die selbst eine Tochter hat, spürte, wie die Angst in ihr hochkroch: dass ihr so etwas auch passieren könnte. „Ich hatte dauernd den Impuls, das Gespräch zu beenden.“ Doch sie hielt durch – und beschäftigte sich später in der Supervision mit dem Fall.

Einmal im Monat kommen die fast 50 ehrenamtlichen Mitarbeiter der Telefonseelsorge Vorpommern in Gruppen zusammen, erzählen unter Anleitung einer Supervisorin, wie es ihnen geht, welche Fälle ihnen noch nachgehen; oder bitten schon vorher um Einzelgespräche.

Auch den Anruf eines Pädophilen trug Anja Grün in dieser Runde vor. „Mit dem kam ich überhaupt nicht klar“, erinnert sie sich. Der Mann aus Berlin habe erzählt, wie er Kinder in seine Wohnung locke mit dem Hinweis, er habe ein Kaninchen. „Ihm war klar, dass er pädophil ist, er hatte sich schon nach Therapien erkundigt, dann aber nie eine gemacht“, erzählt sie. Wie sollte sie dafür Verständnis entwickeln? „Ich habe schon gespürt, dass er verzweifelt ist und unter Druck steht.“ Wer pädophil sei, dürfe diesen Teil der Persönlichkeit ja nicht ausleben, „und eine Therapie zielt darauf ab, den Sexualtrieb zu unterdrücken.“Aber die Vorstellung, was daraus folgte, wenn er dazu nicht bereit sei... „Ich habe dann entschieden: Wenn er wieder bei mir landet, höre ich ihm noch zwei, drei mal zu.

Aber macht er dann keine Therapie, lehne ich es ab.“ Dieses Recht habe ein Telefonseelsorger schließlich, sagt Anja Grün. „Wir dürfen immer entscheiden: Das wird mir jetzt zu viel.“Auch mitten im Nacht- oder Tagesdienst sei eine Pause möglich, wenn nötig. „Dann werden die Anrufe zu anderen Ehrenamtlichen geleitet.“

Die Supervision fange aber vieles auf, sagt sie, „auch, weil wir eine so tolle Gruppe sind.“ In der Ausbildung, die sich über mehrere Monate zieht, lerne man sich viel intensiver kennen als in anderen Kontexten. „Die Themen werden ja alle in Beziehung gesetzt zur eigenen Biographie“, erzählt Anja Grün. Selbst Missbrauchs- oder Gewalterfahrungen würden geteilt. „Für mich war das eine tolle Zeit. Ich habe sehr viel gelernt.“ Genau, wie nachher am Telefon. „Früher fand ich es irgendwie selbstverständlich, dass alles im Leben glatt geht.“ Inzwischen sei ihr klar: Brüche und Krisen gehören dazu. Fast jeder muss da mal durch.

* Name von der Redaktion geändert

Anruf ist kostenlos – auch per Handy

Die TelefonSeelsorge ist ein Seelsorgeangebot der evangelischen und katholischen Kirchen. Sie ist kostenlos über das deutsche Festnetz und per Handy erreichbar unter den bundeseinheitlichen Rufnummern 0800/1110111 und 0800/1110222 rund um die Uhr, gebührenfrei, vertraulich und anonym. Im Herbst beginnt bei der Ökumenischen TelefonSeelsorge Vorpommern ein neuer Ausbildungskurs für die ehrenamtliche Mitarbeit in Greifswald. Die Teilnehmer lernen unter anderem Gesprächsführung und den Umgang mit Konflikten. Die Ausbildung umfasst 130 Stunden an Wochenenden und Abenden und ist kostenlos. Mehr Infos unter 03834-897466,

buero@telefonseelsorge-vorpommern.de oder auf www.

telefonseelsorge-

vorpommern.de. Im Jahr 2016 wurden bei der Ökumenischen TelefonSeelsorge Vorpommern knapp 7000 Anrufe erfasst. Rund 50 Ehrenamtliche gehören derzeit zum Team in Vorpommern, etwa 20 weitere Mitarbeiter werden gesucht.

Sybille Marx

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