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In Grimmen fehlen sieben Hausärzte

Grimmen In Grimmen fehlen sieben Hausärzte

Stadt gilt als Problemregion im MV / Viele Mediziner weisen bereits Patienten ab

Grimmen. Oliver Habel ist entsetzt. „In Grimmen“, sagt der Ortsgruppenchef der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG), „ist es außerordentlich kompliziert, einen Hausarzt zu finden, der noch Patienten annimmt.“ Und was der junge Mann noch viel schlimmer findet: Ärzte schicken Patienten weg, obwohl sie mit Schmerzen zu ihnen kommen. So sei es seinen Großeltern passiert. Beide sind vor kurzem von Schleswig-Holstein an die Trebel gezogen und suchen nun verständlicherweise einen Hausarzt vor Ort. In zwei Praxen wurde ihnen erklärt, dass es leider nicht möglich sei, neue Patienten aufzunehmen, weil die Kapazitätsgrenzen erreicht seien. Selbst als der Opa mit Rückenschmerzen bei einem weiteren Arzt vorsprach, wurde er abgewiesen. Er solle sich in Stralsund umsehen, bekam er als Ratschlag.

 

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Dr. Frank-Peter Giers betreibt seit 1993 in Grimmen seine eigene Praxis. „Wir schicken niemanden weg“, sagt er.

Quelle: Raik Mielke
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„Die Stadt Grimmen ist gewillt, junge Ärzte nach besten Kräften zu unterstützen.“Benno Rüster (CDU), Bürgermeister

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Grim- men ist mit Allgemein- medizinern unterdurch- schnittlich versorgt.“Markus Juhls, Sprecher der AOK in MV

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Dr. Frank-Peter Giers betreibt seit 1993 in Grimmen seine eigene Praxis. „Wir schicken niemanden weg“, sagt er.

Quelle: Raik Mielke
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„Die Stadt Grimmen ist gewillt, junge Ärzte nach besten Kräften zu unterstützen.“Benno Rüster (CDU), Bürgermeister

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Grim- men ist mit Allgemein- medizinern unterdurch- schnittlich versorgt.“Markus Juhls, Sprecher der AOK in MV

Oliver Habel nennt dies eine Zumutung, denn sein Großvater sei 91, die Oma 89 Jahre alt. Sie könnten wegen eines Arztes nicht mehr ständig nach Stralsund pendeln. Froh sei er deshalb, dass sie Dr. Frank-Peter Giers in der Borstschewstraße behandelt. Aber auch dessen Praxis sei komplett ausgelastet, weil sie bereits Patienten eines anderen Arztes übernimmt, der selber erkrankt ist.

„Wir schicken niemanden fort“, erklärt Frank-Peter Giers, obwohl er wegen des Patientenandrangs täglich einen Elf- bis Zwölf-Stunden-Tag hat. Denn auch Hausbesuche und die Betreuung im Kursana-Wohndomizil gehören zu seinem Pensum. „Man muss es mögen“, sagt er. Bereits jetzt habe er schon 130 Prozent der fürs Vierteljahr vorgesehenen Patienten behandelt.

Oliver Habel nennt diese Situation inakzeptabel. Der Grimmener sieht die Verantwortung bei der Stadt. Die müsse sich um eine vernünftige Infrastruktur kümmern, meint er. Schließlich buhle man doch um Zuzug.

Seit letztem Freitag dürfte sich die Situation noch weiter zugespitzt haben. Denn Pfingsten schloss die Praxis der Internisten Dr. Jörg und Monika Lincke in der Friedrichstraße. Aus Altersgründen.

Eine Nachfolge gibt es nicht, informiert eine Patientin. Sie müsse sich jetzt einen neuen Arzt suchen, sagt sie. Ob es ihr gelingt, wisse sie nicht.

Grimmens Bürgermeister Benno Rüster (CDU) ist das Problem natürlich bekannt. „Leider habe ich erst im Februar eher nebenbei erfahren, dass die Praxis in der Friedrichstraße schließt“, erklärt das Stadtoberhaupt. Zu diesem Zeitpunkt seien alle Messen gesungen gewesen, fügt er hinzu. Was das generelle Problem in Grimmen anlangt, sagt Rüster: „Wir strecken unsere Fühler nach jungen Ärzten schon lange aus.“ Die Stadt sei auch gewillt, sie nach besten Kräften zu unterstützen. Gern würde der Bürgermeister einen praktischen Arzt in Südwest ansiedeln, weil dort der Bedarf am größten sei. Dort könne man über die kommunale Wohnungsgesellschaft auch Räume anbieten.

Dass es in Grimmen ein Problem mit fehlenden Allgemeinmedizinern gibt, ist auch im Landkreis Vorpommern-Rügen bekannt. „In Grimmen sind fast alle Ärzte bei 60 plus oder kurz davor“, sagt Sprecherin Renate Jährling. Allerdings kann auch sie keine kurzfristige Lösung anbieten. Vielleicht ab 2020, betont die Frau in Stralsund. Denn dann beenden zwei junge Mediziner ihre Facharztausbildung. Beide unterschrieben, dass sie sich in einem unterversorgten, ländlichen Bereich ansiedeln wollen, wie es im Amtsdeutsch heißt. Im Gegenzug erhielten sie vier Studienjahre lang monatlich ein Stipendium über 500 Euro vom Landkreis. Das Förderprogramm war noch im alten Nordvorpommern beschlossen worden. Übrigens auf einer Sitzung in Grimmen.

Laut einer Tabelle der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Mecklenburg-Vorpommern, die für die Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung zuständig ist, könnten sich auf einen Schlag sieben neue Hausärzte in Grimmen ansiedeln. Zwingen könne man dazu allerdings niemanden, erklärt Sprecherin Kerstin Alwardt. Man könne nur Anreize schaffen. Und das macht die KV auch, denn es gibt einen Förderkatalog. Darin steht zum Beispiel, dass es bis zu 50 000 Euro an Zuschüssen für eine Praxisgründung im ländlichen Bereich gibt. Außerdem werden Weiterbildungen für junge Ärzte angeboten, die auch einen betriebswirtschaftlichen Teil beinhalten. Seit Anfang Mai existieren im Land auch zwei Kompetenzzentren, die sich genau das auf die Fahnen geschrieben haben. Denn das Problem fehlender Hausärzte betrifft bei weitem nicht nur Grimmen, sondern ganz Mecklenburg-Vorpommern. „24 Prozent unserer Allgemeinmediziner sind älter als 60 Jahre“, betont Axel Rambow, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung im Land. Markus Juhls, Pressereferent der AOK Nordost in Schwerin, bei der jeder dritte Bürger im Land krankenversichert ist, bestätigt allerdings, dass die Region Grimmen was Hausärzte betrifft, ein besonderes Problem im Land darstellt. Er spricht von einem „unterdurchschnittlichen Versorgungsgrad“. Übrigens im krassen Gegensatz zu Greifswald, das mit 128 Prozent überversorgt ist.

Für Dr. Frank-Peter Giers, der seit 1993 in Grimmen praktiziert, ist es schwer erklärbar, warum sich junge Leute so schwer tun, sich in Grimmen niederzulassen. Früher gab es noch die Vorgabe, mindestens im Umkreis von zehn Kilometern zu wohnen. Aber das sei inzwischen weggefallen, sagt der Arzt. Er denkt, dass es vor allem die Scheu vor großer Verschuldung sei, die viele abhält. In gewisser Weise könne er das sogar verstehen, denn die Einrichtung einer Praxis sei teuer, sagt er. Junge Leute würden deshalb lieber als Angestellte arbeiten. Kerstin Alwardt von der Kassenärztlichen Vereinigung sieht deshalb auch die Kommunen mehr in der Pflicht. Sie verweist auf Woldegk. In der knapp 4000 Einwohner zählenden Kleinstadt im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte öffnete kürzlich ein von der Stadt betriebenes Gesundheitszentrum, in das sich Ärzte einmieten können. Das Modell funktioniere. In Schleswig-Holstein würden erste Kommunen sogar selber Ärzte anstellen, sagt sie.

Greifswald ist überversorgt

8Hausärzte praktizieren derzeit noch in Grimmen und Umgebung. Hinzu kommen zwei Außensprechstunden in Kandelin, wo ein Greifswalder Mediziner regelmäßig hinfährt und in Neuendorf, wo ein Arzt aus Barth Sprechstunden abhält.

7Hausarztstellen könnten in der Region Grimmen sofort besetzt werden. Darauf verweist die aktuelle Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung MV. Nachzulesen ist das unter www.kvmv.info. Allerdings könnte sich die Zahl durch die Schließung der Praxis in der Friedrichstraße bereits weiter erhöht haben.

In Greifswald, das als überversorgt gilt, und selbst in Anklam gibt es derzeit keine freien Stellen für Allgemeinmediziner.

Allerdings gibt es laut Kassenärztlicher Vereinigung MV aber auch in anderen Bereichen des Landes Bedarf. Grimmen hält den Rekord in Vorpommern.

Reinhard Amler

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