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In fremden Leben gestöbert

Greifswald In fremden Leben gestöbert

Möbel abholen, Wäsche sortieren: OZ-Journalistin Sybille Marx hat im Sozialkaufhaus mit angepackt

Greifswald. Dort, wo immer der Nacken auflag, ist der Stoff abgewetzt, die Armlehnen sehen auch nicht besser aus. Carsten Ackermann guckt den Mann im Rippenunterhemd entschuldigend an. „Ne, so einen Sessel können wir nicht mitnehmen“, sagt er. „Den kauft uns ja keiner mehr ab!“ Gleiches Urteil über die Schrankwand: „Eiche rustikal will keiner mehr . . .“

Für das Greifswalder Sozialkaufhaus der ABS , das gespendete Einrichtungsgegenständige verkauft, sind wir an diesem Mittag mit dem Lieferwagen unterwegs: vier Männer, darunter mehrere Langzeitarbeitarbeitslose, und ich – als Aushilfe für ein paar Stunden. Auf der Liste stehen drei Spender plus jener Mann im Unterhemd, der in Wackerow die Wohnung seiner verstorbenen Schwiegermutter auflöst. Im Flur ziehen sich Staubfäden von der Decke, Dreck klebt auf dem Küchenfußboden. Sofas, Schrankwände, Gardinenstangen, Kleidersäcke und eine versiffte Spüle bietet er uns an. „Tut mir leid, ich hab’s nicht mehr geschafft, die sauber zu machen....“, sagt er.

Carsten Ackermann winkt ab. „Dann lassen wir sie hier.“ Die Kleidersäcke tragen wir dagegen zum Wagen, das einzige noch gut erhaltene Sofa hieven zwei der Männer ächzend über ein Fenster nach draußen. Ackermann schraubt zuletzt die Gardinenstangen ab.

„Habt ihr das gerochen?“, fragt einer der Männer, als wir alle wieder draußen stehen. „Die Frau ist bestimmt da drin gestorben und keiner hat’s gemerkt!“ Schon an der Tür sei einem dieser süßliche Verwesungsgeruch entgegen geschlagen. „Man, der hätte ruhig mal lüften können . . .“

Im Lager des Sozialkaufhauses, im Greifswalder Industriegebiet An den Bäckerwiesen, kommt ein paar Stunden zuvor auch schon Ärger hoch – über das, was manche Spender so spenden. Margitta Jung steht am frühen Morgen zwischen Säcken, die aus einer Wohnungsauflösung am Ryck stammen. Ich soll ihr helfen, den Inhalt zu sortieren: Was kann man direkt verkaufen, was muss von den Mitarbeitern in den Nebenräumen erst gesäubert oder repariert werden, was gehört gleich in den Müll?

Vor allem zwei Dinge will die ABS mit dem Kaufhaus leisten, erklärt mir Kaufhaus-Leiterin Marita Höft: Langzeitarbeitslose, die auf dem ersten Arbeitsmarkt kaum noch eine Chance haben, sollen eine Tagestruktur und eine sinnvolle Aufgabe bekommen. Bedürftigen, die mit Gutscheinen oder wenig Geld ankommen, will man bezahlbare Einrichtungsgegenstände bieten. Und ganz nebenbei setzt das Kaufhaus auch der Wegwerfgesellschaft etwas entgegen.

Margitta Jung stöhnt jetzt über die „schlechte Ware“, die der Fahrertrupp gestern mitgebracht hat, und verbreitet gleichzeitig gute Laune. „Oah, ist das keimig“, ruft sie, als wir eine der Tüten auf einem Tisch ausleeren. Filzhausschuhe purzeln heraus, ein Teppich mit Fleck, eine Handtasche, die von klebrigem Staub überzogen ist, Damenbinden, ein Pulli . . . als habe jemand bei der Wohnungsauflösung alles blind in eine Tüte gestopft. „Das sind die Leute, die ihr Zeug nur loswerden wollen“, sagt die 60-Jährige. Wer von Herzen spende, gebe die Dinge sauber ab, das komme zum Glück auch oft vor. „Aber was hier manchmal in den Tüten steckt!“ Margitta Jung lacht. „Gleitgel und ein Vibrator waren auch schon dabei, aus dem Haus einer feinen Dame!“ Ich komme mir vor, als würden wir in fremden Leben wühlen. Während Margitta Jung weiter Säcke leert und die Männer die nächsten Spenden abholen, spaziere ich nebenan noch durchs Sozialkaufhaus. Die Luft in dem Flachbau riecht leicht muffig, aber sauber und sortiert stehen alle Waren in den Regalen. Mein Blick fällt auf ein Preissschild, ich stutze: 300 Euro für ein Büfett, das gespendet wurde und nun an Befürftige verkauft werden soll? Chefin Marita Höft erklärt: „Wir unterscheiden zwischen Dingen, die man zum Leben braucht und Luxusgegenständen“. Der Luxus dürfe was kosten, die notwendigen Dinge sollten so günstig sein, dass Hartz-IV- Empfänger sie mit ihrem Geld oder den Gutscheinen der Arbeitsagentur bezahlen könnten. „Wenn auf dem Gutschein fünf Euro für einen Stuhl draufsteht, haben wir auch einen Stuhl für fünf Euro“, sagt sie. Im Übrigen sehe man den Leuten ja an, ob sie bedürftig seien, die Frau an der Kasse berücksichtige das. Denn auch wenn es Sozial- Kaufhaus heißt: Jeder darf hier einkaufen. „Als wir alles noch für ein paar Euro angeboten haben, haben uns die Antiquare die schönen Dinge abgegrast“, erklärt Marita Höft. Darum nun andere Preise. Manchmal kämen trotzdem Polen mit dem Lieferwagen an und wollten fünf Sofas auf einmal kaufen. „Da sage ich dann nein. Die bringen das ja über die Grenze, und wir brauchen es doch hier für unsere Bedürftigen!“ Unter den Männern, die die Möbel abholen, zweifeln manche allerdings, ob die Preise dazu passen. Das Sofa etwa, das wir aus der Wackerower Wohnung geholt haben, „wird sicher 60, 80 Euro kosten“, sagt einer der Männer. „Das versteht kein Mensch. Aber wir mischen uns da nicht ein.“

Sybille Marx

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