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Grimmen „Jeder kann alles erreichen“

Mia Rau wurde mit einem offenen Rücken geboren / Trotz Gehbehinderung nimmt sie an Wettläufen teil

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Erst mal verschnaufen – Mia und ihre große Schwester Denise legen beim Training im Grimmener Sportforum eine Pause ein und ruhen sich auf der Bahn aus.

Grimmen. Mia ist ein Sauseflink. Wenn ihre große Schwester Denise die Laufschuhe schnürt, dann ist auch die zweijährige Mia nicht mehr zu bremsen. Und das im Wortsinn. Was die 13-Jährige, die seit fünf Jahren beim SV Blau-Weiß Grimmen aktiv Leichtathletik betreibt und kürzlich Vizelandesmeisterin wurde, kann, will Mia auch können. Die Familie bestärkt die Zweijährige – trotz oder gerade wegen ihrer Gehbehinderung.

 

OZ-Bild

Nur noch ein Schritt: Mia Rau (2) überquert beim Recknitztal-Lauf den Zielstrich.

Quelle: Fotos: Anja Rau

Mia Luna Rau wurde am 17. Oktober 2014 in der Berliner Charité geboren. Mit einer Spina bifida, einem so genannten offenen Rücken. „Für mich war das ein echter Schock“, erinnert sich Mutter Anja Rau, die erst kurz vor der Entbindung erfuhr, dass mit ihrer Tochter irgendetwas nicht stimmte. Wenig später belas sie sich im Internet über Spina-bifida-Kinder. Querschnittslähmung war ein Wort, was immer wieder auftauchte. Hinzu kamen die äußerst verhaltenen Reaktionen der Ärzte über die gesundheitlichen Aussichten ihrer Tochter. Wenig, was Anja Rau positiv in die Zukunft hatte blicken lassen.

Dass heute alles anders ist, dass Mia ihre ersten Wettläufe an der Hand ihrer großen Schwester und ihrer Mutter bestreitet, ist ihrer Familie zuzuschreiben, die sich eben nicht mit einem Leben im Rollstuhl für sie zufrieden geben wollte. Von Beginn an bestärkten sie Mia darin, das zu tun, was „normale“ Kinder auch tun – robben, krabbeln, hochziehen, stehen. Und laufen. Vor allem die heute 13-jährige Denise gab nie auf, beschäftigte sich intensiv mit ihrer kleinen Schwester. „Wenn ich manchmal am Ende war, da hat sie weiter gemacht“, erinnert sich Anja Rau. Es war Denise, die sich nie mit Erreichtem zufrieden gab, die mit Mia durch die Wohnung gerollt, gekrabbelt, gekrochen ist und sie immer wieder anspornte, es ihr gleich zu tun. „Sie ist Mias heimlicher, stiller Therapeut“, sagt Anja Rau. Stolz schwingt in ihrer Stimme mit.

Denise winkt ab. Für sie ist das kein großes Ding. Mia ist doch ihre Schwester. Und sie könne ja nun wirklich nichts dafür, dass die Kleine der Großen immer alles nachmachen muss. So schnodderig das alles hervorgebracht wird – die 13-Jährige und ihre kleine Schwester sind ein Herz und eine Seele. So wie die Lütte zu der Großen aufschaut, so stolz ist diese auf die kleine kämpferische Mia. Und als sie, wie Denise, ebenfalls einmal laufen und Medaillen bekommen wollte – warum sollte sie es nicht versuchen?

„Vielleicht denken einige, wir zwingen Mia zu solchen Dingen, sind überehrgeizig“, vermutet Anja Rau. Aber das stimme nicht. Was sie tun, ist, ihrer Tochter ein gesundes Maß an Selbstvertrauen zu vermitteln. „Sie soll alles versuchen, soll sich ausprobieren, soll Erfolge erleben und auch hin und wieder einen Rückschlag. Und so erfahren, dass sie trotz ihrer körperlichen Einschränkungen vielleicht nicht alles, aber doch sehr viel erreichen kann“, so ihre Mutter.

Deshalb setzte sich Anja Rau jüngst mit den Veranstaltern des Barther Frühlings- und des Recknitztallaufes in Verbindung, erklärte die Situation und bat um eine Starterlaubnis für ihre Tochter. „Sie waren sofort bereit, Mia starten zu lassen, obwohl sie wussten, dass die Kleine die Distanzen nicht komplett selbst würde bewältigen können“, erzählt die Grimmenerin dankbar. An der Hand ihrer Mutter bestritt die Zweijährige die Strecken. Immer wieder musste Anja Rau ihre Tochter zwischendurch auf den Arm nehmen. „Die Beine sind müde“, sagte Mia dann. Denn was für gesunde Kinder ein Klacks ist, bedeutet für Mia Anstrengung pur. 30, 40 Schritte – dann benötigt sie eine Pause. Da können 400 Meter schon einmal wie ein Marathon anmuten.

Anja Rau trug ihre Tochter dann einige Meter, bis Mia wieder selbst laufen wollte. Als die kleine Läuferin mit den Orthesen den Zielstrich überquerte, begleitet vom Applaus der Zuschauer, lächelte sie glücklich. Und als sie ihre Teilnehmerurkunde überreicht bekam, war sie stolz wie Bolle. Ein weiterer Meilenstein in der Entwicklung des Mädchens, dem man vor zwei Jahren noch nicht einmal hatte attestieren wollte, dass sie überhaupt je würde laufen können.

Anja Rau ist dankbar für Menschen, die Mia solche Momente trotz ihrer Gehbehinderung ermöglichen. „Dass sie überhaupt starten kann und vor allem auch darf, ist eine wundervolle Sache. Für mich ist es schon langsam so, dass ich sage, es kann doch wirklich jeder alles erreichen“, sagt sie.

In solchen Augenblicken tritt der Kampf mit den behördlichen Windmühlen in den Hintergrund. So wurde Anja Rau erst kürzlich mitgeteilt, dass ihre zweijährige Tochter „in der Mobilität nicht eingeschränkt“ sei. Die Grimmenerin kann da nur den Kopf schütteln. „Jeder Schritt ist für Mia ein Kraftakt und mir ist bewusst, dass sie in ihrem Leben nie ohne Hilfsmittel wird laufen können“, sagt sie. Aber soll sie ihre Tochter deshalb bremsen? Nur damit sie ins Schema der Behörden passt? „Nein“, sagen Anja und Denise Rau entschieden. Denn jeder Schritt, den Mia macht, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Nach vorn.

Informationen und Zahlen zu Spina bifida

Spina bifida (offener Rücken) ist ein Neuralrohrdefekt und bezeichnet eine Fehlbildung im Bereich der Wirbelsäule und des Rückenmarks.

Wörtlich übersetzt bedeutet Spina bifida „gespaltenes Rückgrat“.

Körperliche Beeinträchtigungen hängen vom Schweregrad der Fehlbildung ab: Probleme beim Gehen sind möglich. Es kann sogar bis hin zu Querschnittlähmungen führen.

Häufig ist auch die Kontrolle über Darm und Blase eingeschränkt oder sogar aufgehoben.

Um Gelenkdeformierungen infolge einer Spina bifida entgegenzuwirken, werden unter anderem orthopädische Hilfsmittel wie Orthesen eingesetzt.

Claudia Noatnick

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