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Grimmen Jedes vierte Kind im Kreis ist von Armut bedroht
Vorpommern Grimmen Jedes vierte Kind im Kreis ist von Armut bedroht
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00:00 10.06.2017
Michaela Siggelkow geht mit ihren beiden Kindern gern auf den Spielplatz in Knieper West. Da können sich die fünfjährigen Zwillinge richtig austoben. Die 36-Jährige möchte unbedingt raus aus Hartz IV – rein in einen Pflege-Job. Quelle: Foto: Ines Sommer
Stralsund

Rund 1000 Euro hat Michaela Siggelkow für sich und ihre Kinder monatlich in der Kasse: 343,64 Euro von der Arge (der Hartz-IV-Satz liegt eigentlich bei 409 Euro), 384 Euro Kindergeld und 300 Euro Unterhaltsvorschuss. Die 36-Jährige gehört wie 22792 Menschen in Vorpommern-Rügen zur Schar der Hartz-IV-Bezieher. Und eins steht für die Familienmutti fest: Sie will da raus, sie will endlich wieder arbeiten gehen.

Doch das ist gar nicht so einfach. An der Ausbildung liegt es nicht, dass sie keine Arbeit findet. Sie hat einst in Greifswald eine Hauswirtschaftslehre absolviert – ebenso wie den Abschluss als Pflegehelferin. „Ich habe auch einige Zeit im Pflegedienst gearbeitet. Doch mein Mann und ich haben uns noch mal Nachwuchs gewünscht. So kam zu einem Sechsjährigen 2012 noch ein Zwillingspärchen dazu. Da hatte ich erstmal als Mutter voll zu tun.“ Sie managte alles, war immer für ihre Kinder da – doch ihre Ehe konnte sie nicht retten. Und so wagte die junge Frau schließlich 2014 einen Neuanfang in Stralsund.

Ein Neuanfang mit Hartz IV? „Ich habe mich davon nicht runterziehen lassen. Ich konnte ja nichts dafür. Aber ich habe auch nicht die Hände in den Schoß gelegt. Hab mich um Praktika beworben, war zwischendurch auch als Vertretung eingestellt, und jetzt schreibe ich dauernd Bewerbungen.“

Michaela Siggelkow weiß natürlich, wie man über Hartz-Vierer redet: Den ganzen Tag auf der faulen Haut liegen, sich nicht um die Kinder kümmern und keine Lust zum Arbeiten haben. „Die gibt es, klar.

Aber ich gehörige nicht dazu. Sie können mal in meinen Kalender gucken, ich habe jeden Tag was anderes“, sagt sie und zählt auf: Montags ist Frühförderung mit den Kindern, dienstags Logopädie, mittwochs gehen die Kinder übers Kreisdiakonische Werk zum Schwimmen, donnerstags steht jetzt Ergotherapie an. Zwischendurch wird eingekauft (alles per Fahrrad, denn ein Auto ist nicht bezahlbar), sauber gemacht oder es geht ans Schreiben von Bewerbungen. „Zum Glück habe ich viel Unterstützung durch Kathrin Zühlke-Hahs. Sie kommt vom Kleewerk, Verbund für Soziale Projekte in Stralsund.“ Die Sozialpädagogin hilft jetzt auch, das nächste Problem zu lösen. „Gesetzt den Fall, ich bekomme Arbeit, brauche ich ja vielleicht jemanden, der die Kinder abholt oder zur Förderung bringt“, erklärt die Neu-Stralsunderin das Dilemma. Am liebsten würde sie in der Tagespflege arbeiten, denn ein Schichtsystem kriegt sie mit den Lütten nicht gebacken...

Aber Michaela Siggelkow betont, dass sie trotz Hartz IV für ihre Kinder sorgen kann. „Man muss das Geld einteilen, das habe ich gelernt.“ Sie hat für alle Ausgaben ihre Umschläge und teilt das Budget genau auf. „Natürlich können wir uns nicht alles leisten, aber meinen Kindern geht es trotzdem gut.“ Klar, die Möbel sind gebraucht, ein neuer Kleiderschrank ist nicht drin. Kino und Hanse-Dom sind ebenso wie häufige Busfahrten viel zu teuer. Und an Urlaub ist auch nicht zu denken. „Aber vielleicht bald...“, hofft sie, wenn sie einen Job hat...

Ein Viertel aller Kinder in Vorpommern-Rügen – 5260 Mädchen und Jungen – lebt in einer Hartz-IV-Familie. Mit anderen Worten: Jedes vierte Kind im Kreis ist von Armut bedroht. Aber nicht alle rutschen da rein. Denn zum Glück kriegen es Mütter wie Michaela Siggelkow – und natürlich auch manche Väter – trotz Arbeitslosigkeit hin, für ihre Lütten zu sorgen.

Jeder Zehnte im Kreis bezieht Hartz IV

2224 Ausländer waren 2016 in Vorpommern-Rügen auf Hartz-IV angewiesen, das sind 9,76 Prozent der Empfänger. Ein Jahr vorher waren es 1226 ausländische Menschen (4,92 Prozent) und Ende 2014 noch 686 (2,64 Prozent). Der Blick in die Bevölkerungsstatistik zeigt: Der hiesige Ausländeranteil an der Bevölkerung liegt bei 1,50 Prozent. Der Hartz-IV-Anteil liegt also höher als bei deutschen Staatsangehörigen.

Es gibt weitaus mehr Hartz-IV- und Sozialgeld-Empfänger mit deutschem Pass als ohne. Denn nicht die Abstammung, sondern die Bildung bestimmt den Erfolg.

22 792 Menschen (im Kreis leben 223000 Leute) beziehen Hartz IV (2015 waren es 24186). Ein Viertel davon sind Kinder und Jugendliche.Nicht alle, die ALG-II beziehen, haben tatsächlich keinen Job. Manchmal reicht das Einkommen nicht, um auf die 409 Euro netto zu kommen. Wenn das regelmäßige Einkommen nicht zur Deckung des Grundbedarfs ausreicht, wird man zum „Aufstocker", erhält die Differenz aus der Sozialkasse.

Ines Sommer

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