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Bühne frei für das Experiment

Greifswald Bühne frei für das Experiment

Die Tanzzeit 2016 startet: Klassisches Ballett trifft wieder auf zeitgenössischen Tanz, Ausland auf Greifswald

Greifswald. Brigel Gjoka wusste, worauf er sich einlässt, und trotzdem. „Es ist echt eine Herausforderung“, sagt er lachend: Mit den Tänzern des Theaters Vorpommern eine zeitgenössische Choreographie zu erarbeiten, während in ihren Körperzellen vor allem die Bewegungsmuster des Balletts stecken... „Sowas hatte ich noch nie“, sagt der 30-jährige Choreograph aus Albanien. Aber alle seien sehr motiviert. „Es geht gut voran!“

Am Donnerstag, 14. April, wird das Ergebnis auf der Hinterbühne des Theaters uraufgeführt, auf voller Bühnenbreite des Großen Hauses, aber mit nur wenigen Zuschauerreihen dicht dran. Ebenso eine zeitgenössische Cheographie von Adam Sojka (27) aus Tschechien.

Seit 1995 startet am Theater Vorpommern in Greifswald und Stralsund jeden Frühling wieder dieses Experiment: Zwei internationale Vertreter des Zeitgenössischen Tanzes werden eingeladen, für ein paar Wochen mit dem hiesigen Ensemble zu arbeiten. Zuschauer wie Tänzer sollen damit die Möglichkeit bekommen, „sich auf ungewohnte Bewegungssprachen einzulassen und die Vielfalt des Zeitgenössischen Tanzes zu entdecken“, heißt es vom Theater.

Brigel Gjoka und Adam Sojka hoffen, dass nebenbei auch noch etwas anderes geschieht: dass es ihnen gelingt, mit ihren Choreographien eine Geschichte zu erzählen, die Zuschauer zu berühren und zum Nachdenken zu bringen.

Philosophische, existentielle Themen haben beide mitgebracht, als Ausgangspunkt für ihre Arbeit im Ballettsaal. Wie würde es unser Leben verändern, wenn wir wüssten, dass wir nur noch so oder so lang zu leben haben? Dieser Frage geht Adam Sojka in seinem Stück (No.) 24/7 nach. „Wir alle neigen ja dazu, Dinge, die wir eigentlich tun wollen, zu verschieben“, erklärt der 27-Jährige. Aus Bequemlichkeit vielleicht, oder weil wir nicht wüssten, wie wir sie anpacken sollten. In seiner Choreographie stehen sechs Personen nun vor der Tatsache, dass ihre Lebenszeit in 20 Minuten abläuft, unaufhaltsam durch eine Sanduhr rieselt.

Sojka lotet die verschiedenen Reaktionen aus. „Das ist spannend“, sagt Ballett-Dramaturgin Franziska Lüdtke vom Theater Vorpommern. Denn jeder reagiere anders. „Der eine gibt gleich auf, der andere will noch etwas ganz wichtiges sagen, manche finden sich zusammen, andere vereinzeln..“

Auch der 30-jährige Brigel Gojka ist für seine Choreographie gewissermaßen ein paar Schritte zurückgetreten vom eigenen Leben, vom Leben überhaupt, um nun von oben drauf zu gucken: „Delegatet“ heißt sein Stück und soll von einem Stamm namens Menschheit erzählen, „der seit Jahrtausenden über die Erde wandert, immer auf der Suche nach den optimalen Bedingungen, seine Grundbedürfnisse zu stillen“.

Bedürfnisse wie Glück, Liebe, Freiheit und Lebensfreude etwa.

Für die Freude habe er Elemente von Kreistänzen aufgenommen, wie sie in seiner Heimat Albanien bei Hochzeiten und anderen Feiern getanzt würden, erzählt Gojka. „Diese Freude, die man fühlt, wenn man gemeinsam vielleicht um ein Feuer tanzt, die hat etwas Heiliges.“ „Delegatet“ soll aber auch ein Dilemma andeuten, das dieser Stamm namens Menschheit immer wieder durchmache: dass Systeme wie Religionen und Staaten eigentlich geschaffen würden, um die Befriedigung der Grundbedürfnisse zu sichern, „aber immer wieder werden die Menschen Gefangene ihrer eigenen Regeln.“ Immer wieder kippe alles, gehe die Suche von vorne los.

Ein Tipp für alle, die schon vor der Uraufführung einen Blick auf die beiden Stücke erhaschen wollen: Am Montag und Dienstag laufen öffentliche Proben.

Von Sybille Ma

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