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Grimmen Nach dem Krieg im Inneren verwüstet
Vorpommern Grimmen Nach dem Krieg im Inneren verwüstet
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00:00 02.04.2016

Der Titel „Prunk, Zerfall und Wiederaufbau“ trifft sehr eindrucksvoll auf das Gutshaus in Glashagen zu.

Nach einer langen Prunkphase im 20. Jahrhundert, in der das Gutshaus zum Mittelpunkt des Dorflebens wurde, folgte bis in die 1990er Jahre hinein, unter anderem auch durch den jahrelangen Leerstand der Zerfall, ehe sich seit 1999 der Pfadfinderbund Mecklenburg-Vorpommern um das Objekt kümmert und es Stück für Stück wieder zum Hingucker werden lässt.

Doch der Beginn der Geschichte des Gutshauses in Glashagen reicht nachweislich bis ins 19. Jahrhundert zurück. Damals stand auf der Fläche, auf der sich bis heute der Klinkersteinbau befindet, ein altes Herrenhaus.

1894 pachtete dann Ernst Kroos vom Preußischen Staat den Gutshof. Dies war seinerzeit nur möglich, da dem damaligen Pächter von Samtens aus wirtschaftlichen Gründen der Pachtvertrag gekündigt wurde.

Ernst Kroos hatte zu diesem Zeitpunkt bereits jede Menge Erfahrung sammeln können. Jahre zuvor hatte er nämlich den Hof Hohenwieden, den er von seinem Vater Johann Christoph Kroos übernommen hatte, als jener die Domäne Vietlipp pachtete, bewirtschaftet.

Noch 1894, also in jenem Jahr, in dem Ernst Kroos die Domäne Glashagen übernahm, brannte dort das Gutshaus komplett ab. Sofort gab der neue Pächter den Bau eines neuen Prachtbaus in Auftrag. Dieser wurde aus roten Klinkersteinen erbaut und war bereits ein Jahr später, im Jahre 1895, bezugsfertig.

Anfang des 20. Jahrhunderts gehörten 462 Hektar zur Domäne Glashagen. Auf den Wiesen rund um das Herrenhaus standen mehr als 500 Schafe.

Als Ernst Kroos im März des Jahres 1924 verstarb, wurde die Domäne zunächst von seiner Frau Elisabeth weitergeführt, ehe wenig später der Sohn der Familie, Bruno Kroos, den landwirtschaftlich geprägten Betrieb übernahm. Fünf Jahre später, im Oktober 1929, heiratete der neue Besitzer Ingeburg Frege aus Hamburg. Aus der anschließende Ehe gingen insgesamt acht Kinder hervor.

Die wirtschaftliche Krise in den 1920er Jahren wurde auch zu einer schweren Zeit für die Landwirtschaft in Glashagen. Dennoch erholte sich der Gutsbetrieb Glashagen. Der Viehbestand betrug damals 47 Pferde, 136 Kühe, 82 Schafe und 146 Schweine. Familie Kroos was es durch viel Fleiß und jeder Menge harter Arbeit gelungen, nach der Wirtschaftskrise wieder zu Wohlstand zu gelangen. Neben einem gewissen Luxus, den die Familie beispielsweise durch einige moderne Autos in der Garage zum Ausdruck brachte, wurde stets und ständig in moderne landwirtschaftliche Maschinen und Traktoren investiert.

Zudem wurde 1938 ein weiterer Anbau am Gutshaus errichtet. Hier lebten fortan die ledigen Landarbeiter.

Blieb Glashagen während des Zweiten Weltkrieges verschont, brachte insbesondere das Jahr 1945 für die Familie Kroos große Einschnitte in ihr Leben mit sich. Dann nämlich, als russische Truppen das Dorf besetzten, das Gutshaus, insbesondere das Innere, verwüsteten und Vieh stahlen oder töteten. Vier Wochen dauerte es, bis das Gutshaus wieder einigermaßen hergerichtet und bewohnbar war.

Anschließend wurde wieder ganz allmählich mit der Bestellung der Felder begonnen.

Als im Sommer 1945 die Grüchte über die Bodenreform immer lauter wurden, bemühte sich Bruno Kroos um die Pachtung des Pfarrhofes ín Abtshagen, da dieser zu jener Zeit eine Bewirtschaftungsfläche von unter 100 Hektar hatte. Obwohl Kroos bereits eine Zusage hatte und der Umzug nach Abtshagen vollzogen war, wurde ihm letztlich die Bewirtschaftung des Hofes untersagt. Ein sehr abruptes Ende der Familiengeschichte Kroos in Glashagen.

Noch im November 1945 wurde die Familie von dem von der Besatzungsmacht eingesetzten Bürgermeister aufgefordert, innerhalb von zwei Stunden Abtshagen zu verlassen.

Mit einem Pferdewagen wurde die Familie mit samt allen acht Kindern nach Greifswald ins Sammellager gebracht. Die Familie Kroos siedelte in den Westteil Deutschlands über. Der älteste Sohn Jürgen Kroos ging in den 1950er Jahren in die Vereinigten Staaten, wo er ein erfolgreicher Geschäftsmann wurde. Im Jahr 1999 übernahm der Pfadfinderbund das stark sanierungsbedürftige Gutshaus. Die Mitglieder des Pfadfinderbundes verteilen sich von Ückermünde bis Zarrentin und von Wiek bis Mirow.

Um gemeinsame Treffen realisieren zu können, entstand zum Ende der 1990er Jahre der Wunsch, in der Region auch ein Haus zu haben. Auf der Suche nach einen finanziell nicht unrealistisch und zum anderen von allen Gruppen gleichermaßen gut zu erreichbaren Standort wurden die Pfadfinder in Glashagen fündig. Bei der Übernahme des Hauses standen der Backstein gemauerte Bau und seine Anbauten bereits viele Jahre leer.

Die Bausubstanz war aber noch in einem guten Zustand. In vielen Zimmern befanden sich noch alte Öfen. Von hier aus starteten die Aktionen zur Rekonstruktion der restlichen Räume. Im Erdgeschoß

entstanden bis heute Werkstätten und Lagerräume. Außerdem befinden sich hier die neuen Sanitärräume und die Sauna. Im ersten Stock liegen der große Saal, das Polarfahrerzimmer, die Bibliothek, der Orient-Raum und die Küche. In der zweiten Etage des Prachtbaus sind sieben Schlafräume mit rund 40 Betten eingerichtet. Um das Gutshaus herum gibt es eine Wiese zum Zelten, ein Backhaus, eine Schmiede, einen Pavillon und eine große Holzbühne.

Ein aktuelles Projekt ist der Ausbau des Nachbarhauses, welches mit Hilfe von Pfadfinder-Eltern im Jahre 2013 erworben werden konnte. Hier entsteht ein Gruppenhaus für Gruppen bis zehn Leuten.

Von Raik Mielke

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