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Nordvorpommern Leiterin des Stadtchores geht nach 33 Jahren
Vorpommern Grimmen Nordvorpommern Leiterin des Stadtchores geht nach 33 Jahren
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07:12 21.12.2017
Nach 33 Jahren im Grimmener Stadtchor hört die langjährige Leiterin Christel Marx 2018 auf.
Grimmen

„Das war schon sehr berührend, als alle aufstanden und mir applaudierten. Da kamen mir doch die Tränen“, gesteht Christel Marx, die Leiterin des Grimmener Stadtchores. Die 88-Jährige berichtet vom 3. Dezember.

An diesem Tag trat ihr Chor beim alljährlichen Adventskonzert im Kulturhaus „Treffpunkt Europas“ auf. Aber diesmal gab es dort eine Besonderheit. Und das war eine Laudatio. Chormitglied Lilli Bayer hielt sie vor den rund 300 Gästen. Sie hatte an diesem Tag die überhaupt nicht einfache Aufgabe übernommen, zu erklären, dass Christel Marx, die sich das gemeinsame Singen zu ihrem Lebensmotto gemacht hat, im März 2018 aufhört. Als Leiterin.

Seit 33 Jahren führt sie nun schon den bekannten Grimmener Chor. Ununterbrochen seit seiner Gründung. In dieser langen Zeit hat sich nicht nur ein wunderbarer Klangkörper entwickelt, sondern er ist in den Jahren auch mehr und mehr zum Botschafter für die kleine Stadt geworden. Denn Christel Marx und ihre 42 Sängerinnen und Sänger können über unzählige Auftritte und Chortreffen berichten.

Begonnen hat der Stadtchor damals als reiner Frauenchor. Heute singen dort aber auch acht Männer mit. Darauf ist Christel Marx besonders stolz. „Weil es nicht so einfach ist, Männer zum Singen zu bewegen“, erklärt sie. „Und dann muss man sie auch im Chor behalten“, fügt sie in ihrer manchmal burschikosen Art noch schnell hinzu.

Wie jedes Jahr hat der Grimmener Stadtchor gerade zur Weihnachtszeit seine Auftritts-Hochzeit. „Acht Konzerte sind es in diesem Dezember“, zählt Christel Marx auf. „Im letzten Jahr waren es sogar elf“, erklärt die Seniorin. Und es sind nicht irgendwelche Auftritte. In der Regel finden sie vor allem vor Menschen statt, denen es nicht so gut geht. In Alten- und Pflegeheimen, bei Demenzkranken und im Krankenhaus Bartmannshagen. Dieses Konzert ist traditionell am Heiligabend.„Dort gehen wir dann immer von Station zu Station“, erzählt Christel Marx. In diesem Jahr wird sie aber nicht dabei sein, weil sie Weihnachten bei ihren Kindern verbringt. Und die wohnen außerhalb.

Seit Bestehen des Chores gibt es traditionell diese Auftritte im Advent, ebenso wie jene in der Frühlingszeit. Jedes Programm sei anders, sagt die Chor-Chefin. Sie nimmt sich immer viel Zeit, das jeweilige Programm zuhause in Ruhe auszuarbeiten. Das Repertoire des Chores ist ein umfangreiches. „Ich habe dafür einen dicken Ordner“, erklärt sie. Und es sind nicht nur Lieder, die der Stadtchor singt. Zunehmend gehören auch Instrumentalstücke, Duette, Solos, Gedichte und sogar lustige Sketche zu den Programmen.

Christel Marx wurde 1929 in Stettin geboren. „Ich bin ein echtes Kriegskind“, sagt sie über sich. 1943 musste sie mit all meinen Schulkameradinnen Stettin verlassen. Die Stadt an der Oder, die nach dem verheerenden Weltkrieg an Polen ging, war damals schon stark bombardiert, alle Schulen geschlossen. „Wir wurden nach Grimmen evakuiert“, erzählt Christel Marx, die damals gerade 14 Jahre alt war.

Alle Stettiner Mädels kamen in Privatquartieren unter. „Auf dem Hof der heutigen Wanderschule mussten wir zu einem Appell antreten“, erinnert sie sich. Dort wurde dann laut verkündet, in welche Familie jedes Kind sollte. Christel Voigt, wie sie damals noch hieß, hatte Glück. Sie kam in die Lindenstraße, besaß dort sogar ein kleines Kinderzimmer.

Der jungen Frau, oder besser gesagt, dem Teenager, fiel es zum Glück nicht so schwer, in der viel kleineren Stadt heimisch zu werden. Beschrieben worden war sie ihnen vorher als ein Ort mit nur einer Hauptstraße und zwei Nebenstraßen. Begeistert erzählt Christel Marx noch heute, wie sie als junge Mädels zum Tanz gegangen sind. In den damaligen Kaisersaal in der Strohstraße. Dreimal die Woche spielte dort die Musik. 1,55 Mark kostete der Eintritt. „Fünf Pfennig waren der Kulturgroschen“, hat sich Christel Marx bis heute gemerkt.

Wenn die 88-Jährige nun in wenigen Wochen als Chorleiterin aufhört, dann hat sie 73 Jahre Ensembles geleitet. 73 Jahre. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. „Ja, mit 15 hatte ich meine erste Singegruppe“, erklärt sie. Da war sie schon in Grimmen. Der Stadt, der sie bis heute treu geblieben ist. Hier leitete sie Erwachsenen- , Kinder- und Unterstufenchöre, auch mal einen Rezitatorenchor und eine Flötengruppe. Und der einst sehr bekannte Grimmener Erdölchor geht auf ihr Engagement zurück. Wenn sie heute 73 Jahre ihr eigenes Chorschaffen Revue passieren lässt, dann fallen ihr natürlich unzählige Erlebnisse und Episoden ein. Christel Marx gerät dann immerzu ins Schwärmen, ist manchmal kaum zu stoppen beim Erzählen.

In Paris nahm der Grimmener Stadtchor 1999 an einem Treffen mit 28 weiteren Chören teil. „Dort haben wir in 110 Meter Höhe im Triumphbogen gestanden“, ist Christel Marx heute immer noch begeistert.

In Prag seien sie in einer Konzerthalle aufgetreten, in der schon Smetana dirigiert hatte, erzählt sie stolz. In Dresden sangen sie im Kulturpalast und in Schweden traten sie im Dom zu Växjö zur „Cantate Småland“ auf. Auch das war ein unvergesslicher Auftritt. Und dann berichtet Christel Marx noch immer bewegt von einem Hotelaufenthalt in Rheinsberg. Dorthin hatte sie ihr Chor gelockt, um ihr und ihrem Mann Horst, der inzwischen leider verstorben ist, zum jeweils 80. Geburtstag ein wunderbares Ständchen zu singen. „Es war eine riesige Überraschung. Und ich habe nichts geahnt“, ist Christel Marx noch heute regelrecht baff.

„Es gibt so viele schöne Erlebnisse“, sagt sie. Vor allem auch zuhause. Ob nun im Seniorenheim Jessin, im Haus „Emmaus“ in Negast, im Seniorenstift am Botanischen Garten in Greifswald, bei Kursana in Grimmen oder bei der Volkssolidarität in Abtshagen. Der Stadtchor ist an vielen Orten seit Jahren in der Vorweihnachtszeit eine feste Größe, auf die kaum noch einer verzichten will. Manchmal wird er auch für private Jubiläen gebucht.

„Immer wieder ist es bewegend, wenn wir ein Funkeln in die Augen der Zuhörer zaubern können“, sagt Christel Marx. Ein ganz besonderes Funkeln sah man auch in ihren Augen. Das war bei einem Termin Anfang Januar 2017. In Trinwillershagen. Dort erhielt sie von Angela Merkel den Kulturpreis des Landkreises überreicht. „Ja, das war auch ein sehr emotionaler Moment“, berichtet sie. Zwei Erinnerungsbilder von diesem Abend schmücken heute ihr Wohnzimmer. Christel Marx ist ungeheuer stolz darauf, denn sie verehrt die Bundeskanzlerin.

Reinhard Amler

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