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„Oleksandr ist ein guter Mensch“

Grimmen „Oleksandr ist ein guter Mensch“

Ausweisung eines Ukrainers löst in Grimmen Betroffenheit aus / Asylbewerber haben Angst vor ähnlichem Schicksal

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Musste Grimmen mitten in der Nacht verlassen: Oleksandr Khanieiev mit seiner Familie.

Quelle: privat

Grimmen. Es ist mitten in der Nacht, als es bei Oleksandr Khanieiev in der Heinrich-Heine-Straße 65 in Grimmen Sturm klingelt. Die Kinder, drei und anderthalb Jahre alt, werden aus dem Schlaf gerissen, fangen an zu weinen. Dem Ukrainer, der über Litauen ausreiste, dürfte in diesem Moment klar sein, dass sein Traum, seine Hoffnung, mit seiner Familie in Deutschland bleiben zu dürfen, sich nicht erfüllen wird.

Die Familie wird von einem europä- ischen Land, in welchem sie bereits gut intregiert war, nach Litauen in ein anderes europä- isches Land ge-

schickt, wo dies nicht der Fall ist. Wozu soll das gut sein?“Philippine von Mengersen

„Ich habe geschlafen, nichts mitbekommen“, sagt Lesia. Die junge Ukrainerin kann es nicht glauben. Sie wohnt im selben Aufgang wie Khanieiev, besucht denselben Deutschkurs in der Grimmener Volkshochschule. Der fand auch gestern wieder statt. Doch wirklich an Unterricht ist nicht zu denken. Die Asylbewerber und ihre Lehrerin Philippine von Mengersen wirken bedrückt. „Warum?“, fragt von Mengersen. Ihre Stimme zittert. „Er war so ein guter Mensch. Engagiert, freundlich, absolut gewillt, sich zu integrieren. Wann immer jemand Hilfe brauchte: Sascha war da.“

Wie ihre Schüler mag sie nicht glauben, dass Sascha, wie Oleksandr von allen genannt wurde, nie mehr in ihrem Kurs sitzen wird. „Er hat so sehr gehofft, bleiben zu können“, erzählt sein Freund Igor leise. Gestern Nacht, da habe ihm Sascha eine SMS geschrieben, die Polizei sei da. 1.48 Uhr war das. Die nächste Nachricht bekam Igor, der in Franzburg untergebracht ist, um sechs Uhr morgens. Sie seien jetzt auf dem Flughafen in Berlin, der Flieger stehe schon bereit. Seitdem hat er von seinem Freund nichts mehr gehört. „Er war ein guter Mann. Der beste“, sagt Igor bedrückt und schüttelt den Kopf.

Still ist es im Raum. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Und auch wenn es niemand ausspricht — sie haben Angst. Alle. Dass es auch bei ihnen demnächst mitten in der Nacht klingelt. Dass die Polizei auch vor ihrer Tür steht. Dass auch auf sie ein Bus wartet, der sie zu einem Flughafen bringt. Dass auch ihre Träume platzen. Dass auch sie ausgewiesen werden.

An der Aktion der vergangenen Nacht sei nichts Ungewöhnliches, wie Olaf Manzke, Sprecher des Landkreises Vorpommern-Rügen, betont. Vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bekäme der Landkreis kurzfristig die Information, wann er — in Deutschland geduldete — Migranten zu einem Bus zu bringen habe, welcher diese zum Flughafen bringt, von wo aus sie in ihre Heimat- bzw. Registrierungsländer zurückgeflogen werden. „Als Ausländerbehörde agieren wir in diesem Moment als Vollzugsbehörde“, so Manzke.

Und manchmal, da seien es wirklich tragische Momente. Etwa der Fall eines jungen Gymnasiasten, der sich bestens integriert hatte, Deutschland aber trotzdem verlassen musste. Doch Gefühle können sich die Beamten nicht leisten. Sie machen einfach ihren Job.

In Grimmen stößt auch weniger die Tatsache, dass die Beamten von Ausländerbehörde und Polizei ihre Arbeit machen, als vielmehr die Art, wie diese ausgeführt wird, auf Unverständnis. „Mitten in der Nacht Sturm klingeln bei einer Familie mit zwei kleinen Kindern — muss das wirklich sein?“, fragt Magdalena Ellermann. Die 83-Jährige war Saschas Nachbarin. Sie sei wach geworden, als es nebenan langanhaltend klingelte, dann habe sie die Kinder weinen gehört. „Ist ja alles sehr hellhörig hier im Haus“, sagt die alte Dame. Hinaus auf den Flur habe sie sich nicht getraut, nachdem sie von ihrem Fenster aus beobachtet hatte, wie zwei Polizeiautos vor dem Aufgang Nummer 65 in der Heine-Straße geparkt hatten.

Fassungslos habe sie zugesehen, wie die Familie in die Polizeiwagen gebracht wurde. „Das ist so traurig. Es waren so liebe Menschen“, erzählt sie. Vernünftig, anständig. Immer hätten sie den Flur gewischt und Ordnung gemacht. Seien engagiert gewesen in der Kirche, der Tafel und im Tierpark. „Es trifft doch immer die Verkehrten“, findet sie.

Auch im Grimmener Heimattierpark ist die Stimmung gedrückt. „Wir haben im Laufe des Vormittags erfahren, dass Sascha nicht mehr kommt“, erzählt Leiterin Christin Trapp. Sie habe bei der Nachricht Tränen in den Augen gehabt. „Sascha war so motiviert, so engagiert“, sagt sie. Der handwerklich begabte Ukrainer habe sich vor keiner Arbeit gescheut, im Gegenteil. „Jeden Tag, bevor er nach Hause ging sagte er zu uns ‘Danke für Arbeit‘“, erzählt sie. Zu Pausen habe man ihn beinahe zwingen müssen.

Und er habe immer gelernt. Nach getaner Arbeit habe Sascha mit Stift und Block im Aufenthaltsraum gesessen und aufgeschrieben, was er den Tag über gemacht hat. „Dann wollte er von uns wissen, wie zum Beispiel die Vergangenheitsform von ‘streichen‘ heißt“, so Christin Trapp.

Ihr tue es sehr leid, dass ein so um Integration bemühter Mensch, wie Oleksandr Khanieiev zurückgeführt wird. Natürlich gebe es Gesetze, die eingehalten werden müssen. Dafür habe auch jeder Verständnis. „Aber so, wie die Aktion abgelaufen ist — mitten in der Nacht aus der Wohnung geklingelt zu werden — das find‘ ich für die Familie mit ihren beiden kleinen Kindern ganz schlimm“, sagt sie.

Auch in Abtshagen gibt es rund zwei Dutzend Flüchtlinge aus der Ukraine. „Sie sind sehr fleißig. Mit ihnen haben wir kaum Probleme“, hatte Wittenhagens Bürgermeister Frederic Beeskow auf der Einwohnerversammlung zum Thema Asyl in dieser Woche betont. Eine Frau aus der Ukraine ist in Abtshagen sogar über den Landkreis als Ein-Euro-Jobberin beschäftigt. Sie bereitet leergezogene Flüchtlingswohnungen für Neuankömmlinge wieder vor. Sehr zur Zufriedenheit aller. Ein 19-jährigerUkrainer hat den Hut in der Fahrradwerkstatt auf. „Dass wir mit ihnen gut klarkommen, liegt wohl daran, dass ihre Kultur der deutschen sehr ähnlich ist.“ Auch Bürgermeister Frederic Beeskow weiß, dass die Ukrainer am ehesten abgeschoben werden können. „Das sage ich ihnen auch immer wieder“, hatte er am Dienstagabend auch ausdrücklich betont.

 



Claudia Noatnick und Reinhard Amler

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