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„Schatzi, warum wählen wir nochmal die AfD?“

Insel Usedom „Schatzi, warum wählen wir nochmal die AfD?“

Auf Usedom machten besonders viele Wähler ihr Kreuz bei dieser Partei

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In Garz auf Usedom leben etwa 250 Einwohner, von denen 203 wahlberechtigt sind. 120 Männer und Frauen stimmten am Sonntag ab.

Quelle: Foto: Hannes Ewert

Insel Usedom. Bei den Ergebnissen der Bundestagswahl sticht eine Gemeinde in Vorpommern ganz besonders hervor: Garz auf der Insel Usedom unweit der polnischen Grenze. Dort setzten 57 von 120 Wählern ihr Kreuz bei der Alternative für Deutschland (AfD). Das entspricht einem Anteil von 44 Prozent – ohne die Briefwähler. Bei den Erststimmen setzte sich Enrico Komning (AfD) sogar mit 47,5 Prozent durch. Das ist Inselspitzenwert. Zeit für einen Ortsbesuch in der mehr als 250 Einwohner zählenden Gemeinde.

An den Tischen eines Imbiss-Restaurants im Ortskern herrscht zur Mittagszeit Hochbetrieb. Bratwurst, Schnitzel und Pommes stehen auf der Speisekarte. Handwerker, Arbeiter und Einheimische treffen sich hier täglich. Auch Kerstin Prasse ist da. Seit Januar wohnt sie in Garz, „weil es dort schön und ruhig ist“. Prasse gibt offen zu, am Sonntag aus Überzeugung ihr Kreuz bei der AfD gesetzt zu haben. Auf die Frage nach dem Warum zuckt sie nur mit den Schultern. „Schatzi, warum haben wir nochmal die AfD gewählt?“ ruft sie ihrem Mann zu. Der steht in dem Imbisswagen an der Fritteuse und überlegt. Dann poltert es aus ihm heraus: „Die können gut stören. Das tut mal ganz gut.“

Kerstin Prasse ist nicht die einzige in Garz, die offenkundig ihre Sympathie für die AfD bekennt. Auch Marcel Reusch setzte am Sonntag sein Kreuz bei der Gauland-Partei. Der 40-Jährige verdient sein Geld im Ausland auf Montage, hat aber gerade Urlaub. Dass er sich für die AfD entschied, habe vor allem mit der gescheiterten Einwanderungspolitik zu tun, gibt Reusch zu verstehen. Dass in Garz noch nie ein Flüchtling gesehen wurde, geschweige denn einer wohnt, spielt für ihn offenbar keine Rolle.

Zu gerne würde sich Kerstin Prasse mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) an einen Tisch setzen. „Ich würde ihr mal sagen, wieviel die Rentner bekommen oder wieviel Kinderarmut es gibt“, sagt die 62-Jährige, die mehr als 40 Jahre in der Gastronomie arbeitete. „Ein Job, der nur auf Verschleiß aus ist.“ Dass die oberen Köpfe der AfD auf Bundesebene in der Vergangenheit häufig durch verbale Entgleisungen auffielen und dadurch in die rechte Ecke gestellt wurden, findet die Neu-Garzerin nicht gut. „Gauland hat ein paar Dinger gucken lassen“, betont sie. Aber als Nazi möchte die AfD-Wählerin deshalb nicht beschimpft werden. Ihre Wahlentscheidung sei vielmehr ein Protest, „dass es da oben nicht so weitergehen kann“.

„Eigentlich geht es uns gut. Seit drei Jahren haben wir auch ein Dorffest – dann ist hier mal was los. Ansonsten radeln nur Touristen durch den Ort“, betont Reusch. In der Gemeinde gebe es auch Ferienwohnungen. „Hätte ich mir nach der Wende alles zusammengekauft, bräuchte ich nicht hier zu sitzen, sondern wäre auf den Malediven. Heute sind die Grundstückspreise auf Usedom fast unbezahlbar“, sagt Reusch.

Peenemünde im Norden der Insel Usedom hatte nach der Landtagswahl 2016 den Spitzenwert bei den AfD-Wählern. Damals gaben sich TV-Sender und Journalisten anschließend in der Gemeinde die Klinke in die Hand.

Dass Peenemünde auch diesmal dem AfD-Kandidaten Enrico Komning den „Gemeindesieg“ (von 145 Wählern bekam Komning 60 Stimmen) bescherte, ist für Frank Adam keine Überraschung. Der ehemalige Peenemünder, der zehn Jahre in der Gemeindevertretung saß und jetzt in Zecherin lebt, spricht von einer Frustwahl. „Die Leute haben doch das Gefühl, dass sie wählen können, was sie wollen, CDU und SPD sind immer vorn. Um das aufzubrechen, wurde AfD gewählt. Ich glaube nicht, dass sich viele mit dem Programm der Partei auseinandersetzen. Hier spielt Emotionalität eine große Rolle“, sagt Adam.

Auch in Kamminke, das ist eine Nachbargemeinde von Garz am Stettiner Haff, hat die AfD gepunktet. Von 215 abgegebenen Stimmen holte Komning hier 61. „Das war eine Protestwahl gegen die großen, etablierten Parteien“, sagt Brigitte Ebeling. Die 72-Jährige wurde in Kamminke geboren, sie weiß, wie die Menschen hier ticken: „Viele finden sich einfach in der Politik nicht mehr wieder und sind unzufrieden.“

Hannes Ewert und Henrik Nitzsche

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