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Grimmen Schulweg ist Kindern nicht zumutbar
Vorpommern Grimmen Schulweg ist Kindern nicht zumutbar
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16:11 13.10.2018
Frieda (6, r.) und Toni (7) müssen, wenn sie zum Schulbus wollen, außerorts entlang der Straße ohne Gehweg. Quelle: Anja Krüger
Zarnewanz

Die Familien Hildebrandt und Bahls aus Klein Zarnewanz sind verzweifelt und wütend zugleich. Im August wurden ihre Sprösslinge an der Grundschule in Kandelin eingeschult. Für die beiden Erstklässler Toni (7) und Frieda (6) wurde seitens des für die Schülerbeförderung zuständigen Landkreises eine Schülerfahrkarte genehmigt. Sie dürfen also kostenlos mit dem Bus von der Zarnewanzer Bushaltestelle zur Schule fahren. Um aber zur Haltestelle im Ort zu gelangen, hat Toni einen 1,1 Kilometer langen Fußweg vor sich, Frieda muss 600 Meter gehen. Das ansich stellt noch kein Problem dar. Vielmehr, dass der Weg – rund 350 Meter außerorts – entlang einer Straße führt, an der es weder einen Fußgängerweg noch Straßenlampen gibt. Die Eltern beantragten bei der Gemeinde Süderholz eine sogenannte Bedarfshaltestelle. Doch die Bedarfshaltestelle wird seitens der Süderholzer Gemeindevertretung abgelehnt. Begründung: Zu teuer (die OZ berichtete).

Die Eltern können und wollen ihren Lütten den Weg zur Bushaltestelle nicht zumuten. Zu groß ist die Angst, dass etwas passiert. „Zwischen halb Sieben und 7.30 Uhr sind auf der Straße viele Fahrzeuge unterwegs“, sagt Mama Susanne Hildebrandt. Deshalb hätten sie bereits im Frühjahr - vor der Einschulung ihrer Lütten - die Bedarfshaltestelle an der Busstrecke, an der Kandeliner Straße, Einmündung Lindenweg, beantragt. Toni müsste dann gar nicht mehr außerorts entlang der Kandeliner Straße gehen, Frieda lediglich noch 140 Meter. Derartige Haltestellen sind in den vergangenen Jahren im Landkreis vielerorts für Grundschüler eingerichtet worden.

8000 Euro sind zu viel

Schild hinstellen, Bus hält, wenn ein Kind dort steht oder aussteigen will: So hat dies jahrelang funktioniert. Toni und Frieda würde diese Verfahrensweise einen erheblichen Teil des Fußmarsches ersparen und – viel wichtiger – einen sicheren Schulweg bedeuten. Dann aber der Schock: Die Süderholzer Gemeindevertretung lehnt die Errichtung einer Haltestelle aus anfangs erwähntem Grund ab. „Aufgrund der heutigen Gesetzeslage muss die Verkehrsgesellschaft Vorpommern-Rügen (VVR) darauf bestehen, dass Haltestellen bestimmte Anforderungen erfüllen, damit der Bus dort halten darf“, weiß Olaf Manzke, Pressesprecher des Landkreises Vorpommern-Rügen. Auf jeder Straßenseite eine befestigte Stellfläche, Beleuchtung und ein Buswartehäuschen: Finanzieren müsste die Errichtung die Gemeinde Süderholz als Straßenbaulastträger. In den Jahren zuvor wurde an geeigneter Stelle einfach ein Schild aufgestellt. Es gebe künftig nur noch reguläre Bushaltestellen, wird der Süderholzer Gemeindeverwaltung vom VVR zunächst mitgeteilt. Nach einem späteren Vor-Ort-Termin der Gemeinde, Vertretern des Landkreises und der VVR besteht die VVR zwar nicht mehr auf Beleuchtung und Wartehäuschen, jedoch aus versicherungs- und verkehrstechnischen Gründen auf die befestigten Stellflächen beidseitig der Straße von jeweils acht Metern Länge. Circa 8000 Euro würde der Gemeinde das kosten. Für eine Haltestelle, die lediglich so lange genutzt werden darf, bis die Kinder in die 5. Klasse kommen.

Die Familien aus Klein Zarnewanz ärgert die Entscheidung – dass die Kosten mehr wiegen, als die Sicherheit ihrer Kinder. „Die Gemeinde, betitelt sich als ’Junge Gemeinde’. Mit solchen Entscheidungen aber wird sie zur Rentnergemeinde gemacht“, sagt Vater Hildebrandt erbost. Er selbst arbeite in Güstrow, müsse morgens früh aus dem Haus. Seine Frau Susanne arbeitet in Schichtarbeit. „Zeitlich ist es uns nicht immer möglich, die Kinder nach Kandelin zu bringen“, sagt Susanne Hildebrandt. Sie seien auf die Großeltern angewiesen, die dann die Kinder fahren würden. „Die Kinder“, das sind Toni und sein jüngerer Bruder Niklas-Otto (5). Der jüngere der Brüder würde in zwei Jahren eingeschult werden. Ebenso ist es bei Familie Bahls. Auch Frieda hat ein jüngeres Geschwisterchen, das in wenigen Jahren mit der Bushaltestelle sicherer als unter den jetzigen Bedingungen zum Schulbus gelangen würde. „Von der Haltestelle profitieren dann also mehrere Kinder“, sagt Susanne Hildebrandt.

Die Gemeinde Süderholz aber steckt in einer Zwickmühe. „Nach dem Gleichheitsgrundsatz müssten wir dann an anderen Stellen in der Gemeinde, wo die Eltern dies wünschen, auch solche Haltestellen errichten“, sagt Süderholz Bauamtsleiter Siegmund Kunath. Dennoch war für die kommende Woche geplant, Vertreter des VVR und Eltern zur Sitzung des Süderholzer Bauausschusses einzuladen, um die Problematik noch einmal mit allen Beteiligten zu diskutieren. „Leider ist der zuständige Mitarbeiter des VVR krank und diese Diskussion deshalb nicht auf der Tagesordnung der Sitzung“, teilt Kunath mit.

Jaekel Almut