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Grimmen „Man kann diesen Moment nicht wiederholen“
Vorpommern Grimmen „Man kann diesen Moment nicht wiederholen“
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10:00 06.11.2018
Trauerredner Thomas Koppsch auf dem Friedhof in Grimmen. Im Hauptberuf ist er Richter am Amtsgericht Stralsund. Quelle: Sybille Marx
Grimmen/Greifswald

Wenn die Feier in der Trauerhalle vorüber ist, die Urne in die Erde abgesenkt wird, steht Thomas Kopsch immer zwischen den Angehörigen und spricht noch einen letzten Vers für den Verstorbenen: „Zu plötzlich bist Du uns entrissen, zu früh, Dein Platz im Haus ist leer, wir werden schmerzlich Dich vermissen, vergessen aber nimmer mehr“. Gereimte Worte wie diese – oder auch ganz andere, je nachdem, unter welchen Umständen der Tod ins Leben kam.

Kopsch arbeitet als Trauerredner im Nebenberuf, seit 13 Jahren schon. Auf Empfehlung zweier Bestattungshäuser wird er das ganze Jahr über für nicht-kirchliche Beisetzungen in Grimmen, Greifswald und in der Umgebung beider Städte gebucht, nimmt die Anfragen an, solange es sich mit seinem Hauptberuf als Richter vereinbaren lässt.

Verabschiedung in Würde

„Ich hab das damals angefangen, weil ich gerne mehr mit Menschen zu tun haben wollte“, erzählt er. Kopsch, 57, ist Straf- und Betreuungsrichter, früher in Grimmen, heute am Amtsgericht Stralsund. Als Vorsitzender in Verhandlungen schafft er mit seinen Worten Fakten. Als Trauerredner bei Beerdigungen erschaffen seine Worte ein Bild des gestorbenen Menschen. Eines, das Würde geben und trösten soll, wenn irgend möglich.

Blütenweißes Hemd, schwarzer Anzug, geputzte Schuhe – Kopsch achtet darauf, dass bei dieser Arbeit alles makellos sitzt, die Kleidung ebenso wie die Worte. „Jeder Mensch hat es verdient, würdevoll verabschiedet zu werden, egal, wie er gelebt hat“, findet er. „Und man kann diesen Moment nicht wiederholen.“ In den ersten Jahren formulierte er seine Reden darum Zeile für Zeile aus, inzwischen fühlt er sich sicher genug, um frei zu sprechen; nach Notizen, die er sich in einem etwa einstündigen Gespräch mit Verwandten des Verstorbenen gemacht hat.

Hochachtung vor der Kriegsgeneration

In diesen Gesprächen stellt Kopsch standartisierte Fragen zu Beruf, Familie, Ehe, Kindern, Enkelkindern, dem Wesen des Verstorbenen, seinen Hobbys und den Dingen, die ihm wichtig waren, fragt auch nach Anekdoten. Einblicke in das Leben Einzelner bekommt er dadurch, aber auch in das Leid einer ganzen Generation. „Viele der Verstorbenen, bei denen ich gesprochen habe, waren Flüchtlinge aus Hinterpommern, Ostpreußen oder Schlesien“, erzählt Kopsch. Gut erklärlich, laut Historikern machten deutsche Flüchtlinge nach Kriegsende 1945 mehr als 50 Prozent der Bevölkerung in Vorpommern aus.

Was sie erleben mussten, klingt heute fast unvorstellbar, sagt Kopsch. „Da gab es Leute, die in Stettin ausgebombt und evakuiert worden waren und ihre Kinder danach nie wieder gesehen haben.“ Frauen, die vergewaltigt wurden oder auf der Flucht zu Fuß ein Baby verloren, es tot am Straßenrand zurücklassen mussten – ohne Beerdigung, ohne würdevollen Abschied. „Ich habe wirklich Hochachtung vor dieser Kriegsgeneration“, sagt Thomas Kopsch. Verglichen damit seien viele Probleme heute harmlos.

Negatives wird höchstens umschrieben

Auch, welche verheerenden Auswirkungen die Umbrüche nach 1989 auf viele Ostdeutsche hatten, die damals „im besten Mannesalter waren“, bekam Kopsch in den Trauergesprächen immer wieder zu hören. „Viele sind unverschuldet arbeitslos geworden und haben nie wieder Fuß gefasst“, sagt er. Ihre Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit habe meist Auswirkungen auf die ganze Familie gehabt. Hartz IV prägt.

Schmerzhafte, schwierige Lebensphasen lässt Kopsch in seinen Trauerreden durchaus vorkommen. Aber mit Formulierungen, die ein negatives Bild des Verstorbenen zeichnen könnten, hält er sich zurück. „Negatives umschreibe ich höchstens“, sagt er. Wenn jemand charakterlich schwierig gewesen sei, sage er zum Beispiel: „Er hatte Ecken und Kanten.“ Wenn einer mit dem Vater immer im Clinch lag, wähle er Formulierungen wie: „Zu seiner Mutter hatte er eine innige Beziehung“, und sage zum Vater gar nichts, „dann wissen schon alle Bescheid.“ Insgesamt spreche er nur das an, was den Angehörigen auch recht sei.

Seine Reden kommen an

„Er macht das gut“, findet Elli Grawe, eine 79-Jährige aus Grimmen, für deren Mann Thomas Kopsch vor ein paar Monaten die Trauerrede hielt. „Es war angemessen. Und er hat alles gesagt, was uns wichtig war.“ Auch der Grimmener Friedrich Awe, 85, hält viel von Kopsch. Awes Frau ist im April gestorben, „ich bin noch gar nicht drüber weg“, sagt der alte Mann mit unterdrücktem Schluchzen in der Stimme. Aber die Rede von Kopsch sei „super“ gewesen. „Alle waren begeistert.“

Wenn Thomas Kopsch sagen soll, was er in den vergangenen 13 Jahren durch die Auseinandersetzung mit Tod, Trauer und Sterben gelernt hat, fallen ihm vor allem drei Dinge ein: „dass der Tod zum Leben dazu gehört, genauso wie die Geburt.“ Manchmal werde das bei einer Beerdigung ganz bildhaft sichtbar: wenn eine Schwangere oder ein kleines Baby unter den Trauergästen sind. „Ein Mensch geht, ein anderer kommt, damit schließt sich der Kreis des Lebens.“ Zweite Erkenntnis: „Das Leben ist was Schönes, man sollte die Zeit nutzen, die man hat“, sagt Kopsch. Und drittens: lohne es sich darum nicht, sich wegen irgendwelcher Kleinigkeiten aufzuregen. Er schmunzelt. „Aber das macht man natürlich trotzdem immer wieder…“

Sybille Marx

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