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Grimmen „Wir brauchen keine Google-Professoren“
Vorpommern Grimmen „Wir brauchen keine Google-Professoren“
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00:00 01.02.2018
Bauernverbands-Chef Frank Hartmann (l.) und Martin Bentzien auf einem überfluteten Feld in Wustrow. Hier sollen Kartoffeln wachsen. Quelle: Foto: Carolin Riemer
Wustrow

Die Felder überflutet, die Preise im Keller und Verbraucher, die den Landwirten kein Vertrauen mehr schenken: Frank Hartmann, Chef des Bauernverbandes Nordvorpommern, spricht über dramatische Situationen in der Landwirtschaft. Im vergangenen Jahr dachten die Agrar-Profis, es könne kaum schlimmer kommen. Beim Raps gab es Ertragseinbußen bis zu 50 Prozent und die Qualität des Getreides war geringer als sonst. Doch seit einigen Monaten spüren die Bauern: Schlimmer geht immer.

Mitglieder bewirtschaften 87 000 Hektar Land

Der Bauernverband Nordvorpommern hat aktuell 459 Mitglieder. Sie bewirtschaften insgesamt eine Fläche von etwa 87 000 Hektar Land in der Region.

Der Vorsitzende, Frank Hartmann, baut auf 300 Hektar Land in Wustrow und Ahrenshoop Getreide an. Zusätzlich besitzt er eine kleine Herde Kühe, 15 Tiere.

Was denken Sie, wenn sie aktuell aus dem Fenster schauen?

Frank Hartmann: Ganz ehrlich, das Wetter lässt uns Landwirte verzweifeln. Während uns 2016 die Pflanzen auf dem Acker teilweise verdorrt sind, ertranken sie im vergangenen Jahr. 2017 brachte auf meinen Feldern in Wustrow und Ahrenshoop 900 Liter Niederschlag auf einen Quadratmeter, in der Regel sind es 600 Liter.

Neues Jahr, neues Glück? Oder haben diese Mengen auch Auswirkungen auf das neue Jahr und die neue Saison?

Diese Wetterextreme haben sehr große Auswirkungen auf das neue Jahr. Wir können jetzt schon sagen, dass die Betriebe im Landkreis nicht mit einer durchschnittlichen guten Ernte rechnen können.

Warum?

Ob nun das Ernten oder Bestellen – alle Arbeiten auf den überfluteten Feldern sind schwierig. Die Böden sind gesättigt, die Grundwasserspeicher voll. Bei diesen Mengen an Regen ist das kein Wunder und hat nichts damit zu tun, dass schwere Landwirtschaftsmaschinen den Boden verdichten, wie der BUND vermutet. Auch Gärten sind überflutet, und dort fahren keine Maschinen. Es liegt am Wetter.

Sie konnten die Felder im Herbst nicht neu bestellen?

Nein, weil die Flächen durch die Nässe nicht befahrbar waren, gehen wir gleich in die Frühjahrsbestellung. Für viele Betriebe im Landkreis ist das eine dramatische Situation. Lediglich 70 bis 80 Prozent der Felder konnten im Herbst bestellt werden. Und durch die nicht vollständige Herbstbestellung ist der Saatgutbedarf für das Sommergetreide aktuell sehr groß. So groß, dass es knapp wird.

Während wir uns sonst aus Dänemark beliefern ließen, fragen die Dänen nun bei uns an, ob wir Sommer-Saatgut verkaufen können – die hatten nämlich genauso schlechtes Wetter. Wir importieren nun zum Teil aus Frankreich.

Auch über fehlende Abnehmer klagen die Landwirte derzeit?

Ja, während wir Jahr für Jahr eine Überproduktion an Getreide liefern konnten und unsere Ernte auch nach Nordafrika exportierten, sind russische Bauern nun zu unseren größten Konkurrenten geworden.

Der Milchpreis ist auch wieder gesunken. Glauben Sie, dass der Sinkflug weiter geht?

Das ist meine Befürchtung. Im Dezember lag er noch bei 40 Cent pro Liter, nun sind es 35 Cent. Dazu muss der Verbraucher wissen, ab 32 Cent wird es für die Landwirte ein Minusgeschäft. Genauso schlecht sieht es übrigens auch beim Preis des Schweinefleischs aus.

Was können Verbraucher tun, damit die Situation nicht eskaliert?

Eindeutig, sie sollten bewusst regionale Waren kaufen. Außerdem sollten sie den Landwirten wieder vertrauen! Das ist ein sehr wichtiges Thema.

Wie äußert sich ihrer Meinung nach dieses fehlende Vertrauen?

Bringe ich Dünger auf meine Felder, bleiben Einheimische und Touristen stehen, schütteln den Kopf und sind sicher, dass ich Gift spritze. Glyphosat ist in aller Munde. Die Menschen reden nicht mehr mit den Landwirten, sondern nur noch über sie. Die Akzeptanz ging verloren. Viele verstehen nicht, dass ich meine Pflanzen natürlich nicht vergiften würde. Wir tun unsere Arbeit und wissen was wir tun. Wir wollen Qualität liefern und für Vielfalt im Supermarkt sorgen. Wir brauchen keine Google-Professoren, die meinen, alles besser zu wissen, als ein studierter Landwirt.

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