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In Stoltenhagen geht es ohne Milch weiter

In Stoltenhagen geht es ohne Milch weiter

Agrarbetrieb zieht wegen des geringen Milchgeldes die Notbremse

Stoltenhagen Noch gut die Hälfte von dem, was sie zum Überleben brauchen, bekommen die Milchproduzenten derzeit für ihr Produkt von den Molkereien. Seit Monaten kämpfen die Landwirte dagegen an und damit auch um ihre Existenz. Hartmut Ruhtz, der gemeinsam mit Eckhard Rath die Geschäftsführung der Stoltenhäger Agrar-, Produktions- und Handels GmbH inne hat, äußert sich zur gegenwärtigen Situation.

Wie hoch ist das aktuelle Milchgeld, das Sie pro Kilogramm von der Molkerei bekommen und wie planen Sie damit für die Zukunft?

Hartmut Ruhtz: Der Milchgeldausgabepreis für den Monat August ist für unseren Betrieb auf 20,06 Cent pro Kilogramm festgelegt.Wir sehen keine Zukunft mehr für die Milchproduktion in unserem Unternehmen und werden den Betriebszweig im Herbst 2016 schließen.

Der schlechte Milchpreis ist der ausschließliche Grund dafür?

Ruhtz: Der Milchpreis ist ja schon etwa ein Jahr lang so schlecht. Davor lag er bei 30 Cent. Um wirtschaften zu können, brauchen wir 35 Cent. Jeden Monat machen wir mit der Milchproduktion Minus.

Die Reserven sind deshalb aufgebraucht. Die jüngste vorläufige Jahresauswertung (das Landwirtschaftsjahr endet jeweils zum 30. Juni, Anm. d. Red.) hat uns gezeigt, dass wir jetzt die Notbremse ziehen müssen.

Ein zweiter Faktor ist aber natürlich auch die schlechte Ernte. Im Vergleich zu anderen Jahren haben wir beispielsweise etwa die Hälfte der Erträge im Raps.

War das Ende der Milchproduktion in Stoltenhagen aufgrund der Preisentwicklung voraussehbar?

Ruhtz: Wir haben gehofft, dass sich der Milchpreis erholt. Wir haben ja sogar noch investiert und beispielsweise einen neuen Kälberstall gebaut. Jetzt ist unser Vertrauen in die Landwirtschaftspolitik in Bezug auf die Milchproduktion aber verloren gegangen. Und sehr enttäuscht sind wir von der Molkerei. Die DMK – Deutsches Milchkontor – ist eine der größten Molkereien, zahlt aber mit am wenigsten aus.

Sehen Sie keine Chance mehr für Milchproduzenten hierzulande?

Ruhtz: Betriebe, die vom Ackerbau leben, werden die Milchproduktion aufgeben. Ich sehe keine Zukunft für Milchproduktionsbetriebe, die mit Angestellten arbeiten und somit eben auch Urlaub, freie Tage und Krankheiten finanzieren müssen. In Familienbetrieben zahlen sich die Inhaber in diesen schweren Zeiten beispielsweise, so lange es irgendwie geht, selbst keine Löhne aus.

Aber es gibt doch Subventionen?

Ruhtz: Mischbetriebe mit Ackerbau und Milch machen noch Gewinne aus dem Ackerbau. Deshalb standen die ersten Subventionen ihnen auch nicht zur Verfügung, weil es die nur für Firmen gab, die Verluste machen. Diese Gelder wurden vielfach nicht abgerufen. Die neuen Subventionen sind an eine freiwillige Mengenreduzierung gebunden. Für nicht produzierte Milch im Vergleich zum Vorjahr gibt es 14 Cent pro Kilogramm. Diese freiwillige Reduzierung wird aber meiner Meinung nach nicht funktionieren.

Sehen Sie denn eine andere Lösung der Misere?

Ruhtz: Meiner Meinung nach könnte nur die Wiedereinführung der Milchquote etwas ändern. Aber daran glauben wir nicht und auch deshalb steigen wir aus.

Wird es im Stoltenhagener Landwirtschaftsunternehmen dann zukünftig keine Tiere mehr geben?

Ruhtz: Wir haben jetzt etwa 320 Kühe und deren Nachzucht. Und auch in Zukunft werden wir Rinder halten. Ob es aber eine Mutterkuhhaltung oder Rindermast wird, steht noch nicht fest. Auf jeden Fall wollen wir unsere Weiden nutzen. Wir werden ein Konzept entwickeln und uns am Markt orientieren. Milch gibt es im Überfluss, also müssen wir die Produktion umstellen. Auch Bioproduktion im Tierbereich schließen wir nicht aus.

Keine Frage der Schuld

Die Milchbauern haben selber Schuld an den niedrigen Preisen. Produzieren sie doch viel zu viel Milch. Überfluss macht billig. Dieses Argument schleicht sich durch die Regale bei Aldi & Co, wird von einigen Politikern gern gebraucht, um die Misere schnell zu erklären, setzt sich in den Köpfen der Verbraucher fest und lenkt sie so davon ab, dass sie doch wieder zur billigsten Marke im Supermarkt gegriffen haben. Aber: Nichts ist so einfach wie es scheint. Immer wieder schwankte der Milchpreis, oft war er so niedrig, dass einige Bauern ans Aufhören dachten. Aber noch nie war er so lange so weit weg von dem, was Landwirte für ihr Qualitätsprodukt Milch bekommen müssen, um zu existieren. Von 20 Cent pro Kilogramm Milch kann kein Landwirt leben. Geschweige denn Löhne zahlen, in die Zukunft der Firmen und in die Umwelt investieren.

Preisdumping, Globalisierung, verfehlte Agrarpolitik, Verbraucher, die alles immer billiger haben wollen, werden wahlweise statt der Bauern zum Sündenbock gemacht – je nachdem, auf welcher Seite man steht. Dabei geht es gar nicht um Schuld. Sondern um ein „Wie geht es weiter?“. Letztlich ist die Sache ganz einfach: Das Angebot an Milch muss sinken, nur dann wird der Preis steigen. Hier sinkt es auf die ganz harte Tour – mit der Schließung zahlreicher Kuhställe. Das ist hart für alle, die dort arbeiten und Verantwortung tragen. Aber für einige Betriebe ist es auch die Möglichkeit, weiter zu leben.

Almut Jaekel

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