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Ribnitz-Damgarten Ehepaar erinnert an Martha Müller-Grählert
Vorpommern Ribnitz-Damgarten Ehepaar erinnert an Martha Müller-Grählert
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12:56 11.01.2019
Das Ehepaar Arlt hat den literarischen Nachlass von Martha Müller-Grählert aufgearbeitet. In der Alten Druckerei in der Langen Straße 30 in Barth gibt eine umfangreiche Ausstellung Zeugnis von der gebürtigen Barther Schriftstellerin. Quelle: Uwe Roßner
Barth

Ein Sprichwort besagt, Rentner haben nie Zeit. Wie erfüllt ein Lebensabend werden kann, dies vermögen Sigrid und Hans Arlt für sich in Anspruch zu nehmen. Denn nach langer und umfangreicher Recherche kann das Ehepaar zufrieden auf die vergangenen zehn Jahre blicken und feststellen: „Wir haben unser Werk getan. Für uns ist es eine Freude.“ Seit 2008 haben sie den literarischen Nachlass der Autorin Martha Müller-Grählert aufgearbeitet und wieder öffentlich zugänglich gemacht.

Den Grundstein legte dafür das Jahr 1991. Zusammen mit ihrer Schwester kaufte Sigrid Arlt das Haus Anthonys Erben in der Langen Straße 30 zurück. Selbst ihre Mutter, Hilde Dahlfeld, erlebte dies. Denn das Grundstück mit dem Wohnhaus zur Straßenseite beherbergte einst auf dem Hinterhof eine Druckerei. Sigrid Arlts Vater, Adolf Dahlfeld, kaufte beides am 1. Januar 1920. Die Druckerei brachte damals das Barther Tageblatt mit einer täglichen Auflage von 400 Exemplaren heraus. Im Laufe der Jahre erweiterte sich der Leserkreis im Barther Land und 1924, trotz der damaligen Inflation, waren es 2400 Stück pro Tag. Die Wochenendbeilage „Unsere Heimat“ kam ein Jahr später hinzu. Damals, 1925, kehrte Martha Müller-Grählert nach Zingst zurück. Zwischen der Autorin und der Familie Dahlfeld entstand über die Geschäftsbeziehung hinaus eine Freundschaft. Mehr noch. Bereits am 15. März 1927 verfügte die Dichterin in ihrem Testament, ihr gesamtes literarisches Werk gehe nach ihrem Ableben an Adolf Dahlfeld über. „Es war ganz spannend. Vor ein paar Wochen fand sich die Bekräftigung im Stralsunder Stadtarchiv“, erzählt Sigrid Arlt. Das zeuge von einem guten Verhältnis zwischen der Schriftstellerin und dem Verleger.

1927 kam in Barth der zwei Jahre zuvor erschienene Band „Sünnenkringel“ neu heraus. Das Barther Tageblatt brachte Vorankündigungen wie Berichte über Vorträge von Martha Müller-Grählert. Weiterhin erschienen regelmäßig Gedichte im Barther Verlagshaus. Würdigungen zum 60. Geburtstag im Jahr 1936 sowie ein Nachruf nach dem Tod der Schriftstellerin am 19. November 1939 erfolgten. Sieben Monate zuvor hatte Martha Müller-Grählert ihren gesamten künstlerischen Nachlass zukommen lassen. Nach der Weigerung Adolf Dahlfelds, seine Zeitung der Pommerschen Zeitung in Stettin anzugleichen, erfolgte die Schließung von Verlag und Zeitung. Per Anordnung der Mecklenburgischen Regierung in Schwerin kam es im August 1949 zur entschädigungslosen Enteignung des gesamten gewerblichen wie privaten Besitzes. Ein Einspruch dagegen blieb ohne Erfolg.

Die Annahme des literarischen Erbes

Infolge dessen gingen sowohl der Nachlass von Martha Müller-Grählert als auch gebundene Jahresbände des Barther Tage- und Wochenblattes sowie der Beilage „Unsere Heimat“ verloren. Funde gab es im Barther Stadtarchiv sowie in der Kirchenbibliothek. Ungebundene Jahrgänge fanden sich in der Universitätsbibliothek in Greifswald. Einiges weilte in privater Hand. Adolf Dahlfeld erreichte bei der Verwertungsgesellschaft AWA der DDR die Anerkennung des Vermächtnisses von Martha Müller-Grählert. Sein Versprechen, das gesamte literarische Werk der Dichterin zu veröffentlichen, ging durch seinen Tod am 28. Juni 1970 nicht in Erfüllung.

Dieser Aufgabe stellten sich seine Tochter Sigrid und ihr Mann Hans. 2008 wurde dieser Rentner und stürzte sich in das Thema. „Wir fingen an zu forschen, gingen in die Archive und forderten uns Leihgaben an“, beschreibt Sigrid Arlt die Anfänge. Ihr Vorteil war: Bis dahin hatte sich niemand dieser Aufarbeitung herangewagt. Fündig wurde das Ehepaar in Stralsund, Greifswald, Berlin, München und Köln. Nicht zu unterschätzen sei dabei das Internet. Eine Recherche von zu Hause wurde so möglich. Hinweise oder Dokumente gar wurden damit auf einmal zugänglich. Sehr viel Neues über Martha Müller-Grählert kam heraus: „Sie ist eine Autorin mit viel Tiefgang, die viel mehr geschrieben und veröffentlicht hat, als bislang bekannt war“, so Arles. Aus den anfänglich bekannten einhundert Gedichten und vierzehn Erzählungen sind es in der Gesamtausgabe 325 Gedichte und 62 Prosastücke geworden. Zudem kam Licht in die Berliner Jahre Anfang des 20. Jahrhunderts. Zwischen 1905 und 1911 war die gebürtige Partherin ein aktives Mitglied in verschiedenen Gesellschaften, hielt Vorträge mit Gedichten und gehörte 1910 zu eine der bedeutendsten Schriftsteller des damaligen Berlins. „Wir sind dankbar und glücklich, dass wir das Vermächtnis meines Vaters erfüllt haben“, sagt Sigrid Arlt. Als Ergänzung zur zehnbändigen Ausgabe mit Werken der pommerschen Schriftstellerin und Dichterin erschien 2014 die Biografie über Martha Müller-Grählert im Verlag Adolf Dahlfeld Erben. Ein halbes Jahr nahm die Arbeit dafür in Anspruch.

Das Museum in der Alten Druckerei

In Anklam, Wismar, Zingst und Grevesmühlen stellten das Ehepaar Arlt Martha Müller-Grählert vor. In Rostock haben sie seit Jahren im Mai ihren Stand bei der Messe der plattdeutschen Verlage. Zu Abenden in Museum in der Alten Druckerei laden sie zudem ein. Bis zu 60 Gäste werden es dann. „Es ist immer ein Plaudern“, beschreibt Sigrid Arlt die anschließende gesellige Atmosphäre. Ein Wunsch der Eheleute ist, die Schulen vor Ort oder in der Region mögen Martha Müller-Grählert für sich entdecken. „Wir tun unser Bestes, um einen Museumsbetrieb in der einstigen Alten Druckerei zu gewährleisten“, äußert Sigrid Arlt. Von den Museumsbesuchern käme viel zurück. Allein 900 waren es im vergangenen Jahr. Deren Begeisterung schlägt sich auch in Eintragungen des Gästebuches nieder. Einer berührt Hans Arlt besonders: Die Notiz stammt von Holländern, die das Plattdeutsche als verbindende Sprache zwischen den Nationen herausstellen. Immer wieder sorgt bis heute der Ursprung des Ostseewellenliedes für Verblüffung. Denn ungeachtet von Simon Kranichs Melodie verortet es manche oder mancher als Nordseewellen- oder gar Friesenlied.

Uwe Roßner