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Ribnitz-Damgarten Damgartener leitete Zeitung in Brasilien
Vorpommern Ribnitz-Damgarten Damgartener leitete Zeitung in Brasilien
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00:00 19.04.2013
Bernd Breuer aus Berlin erforschte das Leben und Wirken seines Gro�onkels Viktor Schleiff. Quelle: Edwin Sternkiker
Ribnitz-Damgarten

Als Bernd Breuer (Jahrgang 1941) erstmals südamerikanischen Boden betrat, war er gerade mal 19 Jahre alt. Das war 1960.

Breuer kam aus Berlin, Westberlin, genauer gesagt. Das sei ihm damals zu eng und piefig gewesen, erzählt er. „Ich wollte einfach mal raus. Für uns begann damals die Freiheit ja eigentlich kurz vor Hamburg. Aber das reichte mir irgendwann nicht mehr.“ Also weiter weg. Südamerika. Es hätten auch Asien oder Australien sein können. Dass dann aber eben doch der südamerikanische Kontinent das Reiseziel wurde, hatte einen besonderen Grund und einen Namen: Blumenau.

„Das liegt in Brasilien, im Bundesstaat Santa Catarina“, erzählt Bernd Breuer. „Da wollte ich hin, weil sich dort mein Großonkel Viktor Schleiff, der 1869 in Damgarten geboren wurde, niedergelassen hatte. Er war 1953 verstorben. Ich wollte herausfinden, welche Spuren er hinterlassen hat. Die wollte ich finden, und vor allem wollte ich mit Zeitgenossen von Viktor Schleiff sprechen.“

Breuer fand viele Spuren. Fast möchte man sage: kein Wunder. Denn Viktor Schleiff war in seiner Wahlheimat Brasilien nicht nur ein weithin geachteter Pädagoge, sondern von 1931 bis 1942 auch Chefredakteur der in Blumenau viel gelesenen Zeitung „Der Urwaldsbote“. Er verfasste über 350 Zeitungsbeiträge, etwa 250 Gedichte, Festschriften zu Stadt- und Vereinsjubiläen sowie Schulgründungen.

Er schrieb Erzählungen, Anekdoten sowie volkstümlich-dramatische Stücke. Außerdem hinterließ er Reportagen.

„Viele Gedichte verfasste er in seinem heimatlichen Idiom, dem pommerschen Platt“, erzählt Bernd Breuer weiter. Und er fügt hinzu: „Ein exzellentes Platt, wie mir der Damgartener Plattdeutschkenner Jochim Busch bescheinigte.“ Die Zeitgenossen von Viktor Schleiff, die Breuer interviewte, „sprachen alle mit Hochachtung über ihn“.

Das alles ist nachzulesen in einem Beitrag, den Breuer für eine wissenschaftliche Publikation über deutschsprachige Dichter und Schriftsteller in Südamerika verfasst hat. Dazu wertete er unter anderem mehrere tausend Seiten des „Urwaldsboten“aus.

Besonders beeindruckend, so Breuer: „Zu einer Zeit, als die Urwälder des Amazonas noch unermesslich groß erschienen, befasste sich Viktor Schleiff in Zeitungsbeiträgen bereits mit dem Thema Waldvernichtung.“

Der Berliner schildert den Lebensweg seines Großonkels auch bis zur Auswanderung nach Brasilien. Wie der in Ribnitz lebende Großvater von Bernd Breuer, Alfred Schleif, wurde auch Viktor Schleiff Lehrer. Er besuchte das Lehrerseminar in Franzburg, war ab 1889 Lehrer in Bergen, später in Grimmen.

Danach folgt er dem Ruf an eine deutsche Schule in Konstantinopel. Während dieser Zeit sammelte er Material über Nasreddin Hodscha. 1907 erschien der plattdeutsche Band unter dem Titel „Nasreddin Hodscha, de türkische Uhlenspeigel. Türkische Snacken und Snurren.“

Schließlich war Viktor Schleiff Lehrer im rumänischen Gallaz. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges musste er das Land verlassen und nach Hause zurückkehren. Er nahm eine Tätigkeit an der Volksschule in Wolfshagen bei Kassel auf, später wurde er Rektor der Schule in Ratzebuhr in Hinterpommern. 1920 erfolgte dann schließlich die Übersiedlung nach Brasilien.

Die Sehnsucht nach der Ferne, die Neugierde auf Menschen in anderen Ländern, das hat Bernd Breuer offenbar von seinem Großonkel geerbt. Als Mitarbeiter der Deutschen Stiftung für Internationale Entwicklung besuchte er zahlreiche Länder in Asien und Afrika. Die meisten Reisen aber führten ihn nach Lateinamerika.

Was ihn am meisten an seinem Großonkel beeindruckt? Bernd Breuer muss nicht lange überlegen: „Es ist seine gelebte Toleranz, seine Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen.“

Blumenau
Die Stadt Blumenau, die 1850 von deutschen Einwanderern unter Leitung des Apothekers und Chemikers Hermann Blumenau gegründet wurde, ist neben Joinville und Brusque eines der drei Zentren der deutschen Kolonisation in Santa Catarina. Die bei vielen Besuchern beliebten Fachwerkhäuser stammen allerdings meist aus neuester Zeit. Als Hermann Blumenau im 1884 die Stadt verließ, lebten dort bereits 18 000 Einwohner, heute sind es 300 000. Einer der wichtigsten Wirtschaftszweige ist die Textil-Industrie. So produziert unter anderem die im Jahre 1880 von deutschen Einwanderern gegründete Firma Hering in Blumenau vor allem für den brasilianischen Markt.

Edwin Sternkiker

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