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Ribnitz-Damgarten „Eigentlich müsste ich jetzt aussteigen“
Vorpommern Ribnitz-Damgarten „Eigentlich müsste ich jetzt aussteigen“
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06:50 09.12.2017
Amtswehrführer Dirk Scholwin (38) stellt sich am Montag zur Wiederwahl. Quelle: Robert Niemeyer
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Ribnitz-Damgarten

Am Montag wird ein neuer Amtswehrführer für das Amtsgebiet Ribnitz-Damgarten (Vorpommern-Rügen) gewählt. Sechs Jahre hatte Dirk Scholwin dieses Amt inne. Sechs Jahre, die geprägt waren von vielen Veränderungen und großen Herausforderungen für die Kameraden im Amtsbereich. Im OZ-Interview blick der 38-Jährige zurück und nach vorne.

Herr Scholwin, sechs Jahre Amtswehrführer: Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Es war eine spannende Zeit. Ich wusste, dass viele Veränderungen anstehen. Jedes Jahr kam ein neues großes Thema auf den Tisch. Im ersten Jahr hatte ich damit zu tun, mich in meinem Amt zurechtzufinden. Ich war vorher Zugführer in Damgarten, kannte die städtischen Gegebenheiten, die Amtsstrukturen kannte ich noch gar nicht. Da musste ich mich erstmal reinfinden.

Was heißt das?

Es brauchte seine Zeit, einen engen Kontakt zu den Bürgermeistern der Amtsgemeinden aufzubauen. Da musste man sich erst beschnuppern, erstmal kennenlernen. Da muss man Dinge vielleicht nicht im ersten Anlauf, sondern vielleicht erst im zweiten Anlauf regeln.

Was waren die großen Themen der vergangenen sechs Jahre?

Ich kann mich nicht erinnern, dass es in den Jahren zuvor so viele wichtige Veränderungen in so kurzer Zeit gegeben hat. Beispielsweise die Einführung eines komplett neuen, digitalen Alarmierungssystems. Dann kam das digitale Funksystem. Neben einer Menge bürokratischem Aufwand gehörten dazu auch viele Schulungen. Für unseren Bereich haben wir das aber ganz gut hinbekommen.

Ein großes Thema war die Löschwassersituation. Die Fortschritte halten sich scheinbar in Grenzen.

Ich habe mit Burkhard Schade relativ schnell begonnen, die Löschwassersituation in Augenschein zu nehmen. Jetzt, nach sechs Jahren, trägt das immerhin in Ribnitz-Damgarten Früchte, in den drei Gemeinden noch nicht. Es hat lange gedauert, bis die Wege klar waren, sich alle die Augen ausgekratzt hatten, bis die Messprotokolle fertig waren, die wir auswerten konnten. Erst damit wussten wir wirklich, was dieser oder jener Hydrant überhaupt kann. Dass es ein großes Problem gibt, wurde leider bei dem Großbrand in Freudenberg 2013 publik. Wenn wir genug Wasser hätten, bräuchten wir vielleicht das eine oder andere Auto nicht, weil wir dann eben nicht kilometerweise Schläuche legen müssten. Klar wird der neue Schlauchwagen in Klockenhagen gebraucht, der wird auch noch in 20 Jahren gebraucht. Wir haben immer exponierte Lagen, wo es keinen Sinn macht, einen Hydranten zu positionieren. Aber wir stellen uns auf den Fahrzeugen Fächer zu mit Schläuchen, um den Erstangriff zu lösen. Dadurch haben wir keinen Platz mehr im Wagen für andere Dinge.

Was hat nicht geklappt?

Nicht geschafft habe ich, die Amtsfeuerwehren in Sachen Ausbildung zusammenzubringen, etwa mit einer jährlichen, gemeinsamen Übung. Das ärgert mich schon, weil ich mir vorgenommen hatte, wenigstens ein bis zweimal im Jahr die Führungskräfte oder auch die Mannschaften zusammenzuholen. Aber ich habe festgestellt, dass eine solche Übung keinen Sinn macht, wenn schon eine Gemeindewehr allein seit Jahren keine Übung mehr gemacht hat.

Können die Gemeindewehren im Amt denn nicht miteinander?

Nein, ich finde, wir haben ein sehr gutes Verhältnis zwischen den Wehrführern. Ein angenehmes Klima, das noch angenehmer geworden ist durch den neuen Ribnitz-Damgartener Wehrführer Oliver Rybicki. Es macht wirklich Spaß, zu den Wehrführerberatungen zu gehen. Da haben andere Ämter ganz viel größere Probleme.

Wie hat sich im Laufe der Zeit die Zusammenarbeit mit Amt bzw. Verwaltung entwickelt?

Bevor ich gewählt wurde, kannte ich nur die städtische Verwaltungsstruktur in Ribnitz-Damgarten. Das war bis dahin schon sehr anstrengend. Da hieß es oft: Was will denn die Feuerwehr schon wieder hier? Als ich gewählt wurde, war Burkhard Schade als Ordnungsamtsleiter in Ahrenshagen für mich verantwortlich. Als ich dort ins Bürgerbüro gekommen bin, war sofort Ruhe, ich hatte sofort sämtliche Aufmerksamkeit. Das hat mich so beeindruckt. Mit Burkhard Schade hatte ich einen Fachmann an meiner Seite. Er hat Feuerwehr gelebt. Und er konnte als Leiter des Ordnungsamtes auch entsprechend Druck machen.

Warum war es in Ribnitz-Damgarten so schwierig?

Vielleicht andersrum geantwortet: Mit der neuen Führungsspitze Ilchmann, Körner, Karnatz wurde es merklich angenehmer. Mit Frank Ilchmann mussten wir uns erstmal finden, Profis wie Heiko Körner und Heike Karnatz haben einen gleich mitgenommen. Aber mittlerweile ist auch der Bürgermeister sehr zugänglich ist. Ich habe seine Handy-Nummer, kann ihn immer anrufen. Das gab es vorher nicht. Es war völlig undenkbar, Jürgen Borbe in seinem Büro direkt anzurufen. Das ging alles über seine Vorzimmerdame. Und wenn er etwas nicht wollte, dann hat er das auch nicht beachtet.

Und die Zusammenarbeit mit den Wehrführern?

Als Amtswehrführer ist man ein Stück weit abhängig von seinen Wehrführern, wie sie mitziehen, wie sie den Amtswehrführer mittragen. Es ist eine Win-Win-Situation. Ich möchte für die Feuerwehren da sein, und die Wehrführer sollen auch den Amtswehrführer unterstützen, dass wir alle zusammen was erreichen können. Das erlebe ich jetzt sehr stark mit Oliver Rybicki, der wöchentlich mindestens einmal im Rathaus ist oder mindestens einmal die Woche mit dem Bürgermeister telefoniert. Ich habe sechs Jahre und auch in den Jahren davor dafür gekämpft, damit unser Job erkannt und gwürdigt wird. Das hat sich sehr positiv entwickelt.

Die angesprochene Wertschätzung scheint sich in der Öffentlichkeit jedoch nicht zu verbessern. Es fehlt an Nachwuchs und Personal. Warum?

Ich weiß nicht, warum die Leute kein Interesse an der Feuerwehr haben. Das würde ich die Menschen selbst gerne einmal fragen. Es gibt Experten, die sagen, dass es ein gesellschaftliches Problem geworden ist. Die Leute interessiert es einfach nicht mehr. Sie rufen die 112 und denken, die kommen schon. Viele Leute glauben sogar, dass es hier eine Berufsfeuerwehr gibt. Was glauben die denn, wer kommt, wenn die Feuerwehr mal nicht mehr einsatzbereit ist? Viele sind auch in anderen Vereinen aktiv oder haben grundsätzlich keine Lust, überhaupt ehrenamtlich aktiv zu sein. Wir haben aber auch ein Imageproblem. Oft heißt es: Die saufen ja nur bei der Feuerwehr. Ich behaupte, dass in jeder Fußballmannschaft mehr getrunken wird als bei der Feuerwehr. Wenn wir vom Einsatz zurückkommen, durchgeschwitzt, stinkend nach Rauch, dann haben wir bestimmt keine Lust, uns noch einen hinter die Binde zu kippen.

Was kann man tun?

Die Feuerwehr ist Pflichtaufgabe der Gemeinden. Die Verwaltung muss dafür sorgen, dass wir funktionieren und wir genug Kameraden haben. Aber auch die Verwaltung kann niemanden am Kragen packen und sagen: Du bist jetzt in der Feuerwehr. Dennoch: Es müssten mehr ehrenamtliche Strukturen in die Verwaltung gebracht werden, etwa, dass man bei Einstellungen sagt, dass es wünschenswert wäre, auch in die Feuerwehr einzutreten. Es gibt Beispiele, wo das funktioniert. Beim Bauhof in Dierhagen arbeiten zwölf Menschen. Wenn der Pieper losgeht, spurten diese zwölf Mitarbeiter los. Sie sind alle in der Feuerwehr.

Da spielt auch das Thema Brandschutzbedarfsplanung rein, das nächstes Jahr ansteht. Was ist da zu erwarten?

Wir werden das große Erwachen kriegen. Gerade wenn es um die Mitgliederzahlen geht. Im schlechtesten Fall wird herauskommen, dass wir zu wenig Leute sind. Gerade tagsüber. Deshalb muss jetzt ja schon großflächig alarmiert werden. Das mache ich in der Einsatzleitstelle jeden Tag. Die Einsätze sind nur noch Feuerwehrtreffen. Da sitzen nur noch zwei Feuerwehrleute auf einem Wagen und dann stehen da 20 Autos. Die Leute denken, das ist sonstwas passiert, dabei brennt da nur eine Mülltonne.

Wie sind die Wehren denn konkret aufgestellt?

Wir haben im gesamten Amt 162 aktive Kameradinnen und und Kameraden. Das ist eine schlechte Zahl. Wie viele es sein müssten ist, sagt uns der Brandschutzbedarfsplan im besten Fall. Es gab mal eine sogenannte Mindeststärkenverordnung des Landes. Die gibt es nicht mehr. Wenn wir uns danach aber richten würden, dann würden wir punktuell Probleme bekommen. Beispielsweise Schlemmin: Hier fehlen fünf Kameraden zur Sollstärke.

Was droht im schlimmsten Fall? Standortschließungen?

Ich weiß es nicht. Ich gehe davon aus, das die kleineren Feuerwehren Probleme bekommen, vielleicht sind Zusammenlegungen notwendig. Kein einfaches Thema. In Ahrenshagen-Daskow mit drei Standorten in Ahrenshagen, Pantlitz und Altenwillershagen ist das schonmal versucht worden. Das ist mächtig nach hinten losgegangen. Das Paradoxe ist, dass in Ahrenshagen ein Gerätehaus steht, das alle drei Feuerwehren betreuen könnte. Aber es ist nur eine drin. Die anderen beiden Häuser sind fast einsturzgefährdet. Aber die aktiven Kameraden wohnen zum größten Teil in den Ortsteilen, nicht in Ahrenshagen. Der größte Ortsteil hat die wenigsten Kameraden. Viele Leute ziehen aber dorthin. Warum engagieren sich diese Leute nicht für die Feuerwehr.?

Ist das Freiwillig in Freiwillige Feuerwehr denn noch zeitgemäß?

Der Innenminister hat vor dem neuen Brandschutzgesetz ein Eckpunktepapier verteilt. Darin der Begriff Amtsfeuerwehr. Ein Standort im Amt, der 100-prozentig ausrückt, der mit hauptamtlichen Kräften besetzt werden könnte, eine freiwillige Feuerwehr mit hauptamtlichen Kräften. In anderen Bundesländern gibt es sowas schon. Mit diesem Versuch hat der Innenminister richtig Probleme bekommen. Jetzt diskutieren wir sogar wieder über das Stiefelgeld. Ich bin absoluter Verfechter davon, hauptamtliche Strukturen zu schaffen. Wie, muss man diskutieren. Vielleicht zumindest durch zwei hauptamtliche Gerätewarte im Gerätehaus, die die Technik warten, Einsätze vor- und nachbereiten. Das wäre schon eine enorme Erleichterung. Aber auch da sind wir wieder beim Geld, das die Gemeinden nicht haben.

Trotz der Sorgen: Werden Sie sich trotzdem am Montag wieder zur Wahl stellen?

Eigentlich hätte ich als Amtswehrführer jetzt aussteigen müssen, weil ich weiß, dass das Ergebnis der Brandschutzbedarfsplanung mir noch richtig Kopfschmerzen bereiten wird. Da ich aber das Programm von Anfang an betreut habe und ich auch mithelfen möchte, mache ich auch weiter.

Robert Niemeyer

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