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Engagiert für ein buntes Dorfleben

Dörfer der Region: heute Divitz — ein gepflegter Ort mit weiten Feldern, Wäldern und dem Flüsschen Barthe Engagiert für ein buntes Dorfleben

Erwin Schrader kam vor fast 70 Jahren in Divitz an. Es wurde sein Zuhause.

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Erwin Schrader liest gern in der Divitzer Ortschronik und entdeckt immer wieder Neues. Fotos (6): Wilma Welzel

Divitz. Gerade blättert Erwin Schrader in der Divitzer Ortschronik, als seine Enkelin anruft. Sie möchte bei ihm wichtige Unterlagen kopieren. „Es ist schön, dass ich noch gebraucht werde“, sagt der 87-Jährige lächelnd. Denn seine Familie bedeutet ihm alles. Er ist glücklich, dass er sie durch Flucht und Vertreibung aus Ostpreußen am Ende des 2. Weltkrieges nicht verloren hat.

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Uwe Bornkessel mit seinen beiden Hunden.

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Und Divitz ist ihm seit 1947 zur Heimat geworden.

Trotzdem lassen ihn seine Erinnerungen nicht los, die Flucht der Mutter am 7. Oktober 1944 mit den Geschwistern und der Großmutter über das Kurische Haff Richtung Westen, die Ankunft in Divitz im Mai 1945 bei ihrem Cousin. Die vielen schrecklichen Bilder des Krieges. Und er schüttelt nur den Kopf über den Wahnsinn heute in der Welt.

Erwin Schrader und sein Vater kamen aus englischer Kriegsgefangenschaft nach Hause, nach Divitz. Hier war die Familie 1948 nach den furchtbaren Kriegswirren endlich wieder vereint. „Dabei hat uns der Suchdienst des Roten Kreuzes geholfen. So hatten wir trotz Verlust der Heimat viel Glück“, denkt der Senior zurück. „Viele Flüchtlinge gab es im Dorf, wir waren mit wohl über 100 Personen im Schloss untergebracht. Wir wohnten mit sechs Personen in einem Zimmer mit einer kleinen Küche. Aber wir waren nur dankbar, mit dem Leben davongekommen zu sein und uns wieder gefunden zu haben. Denn der Zusammenhalt in der Familie war immer sehr stark.“

Schnell fasste die Familie Schrader Fuß in Divitz, fing an sich einzuleben, denn die Landschaft hier war der ihrer ehemaligen Heimat in Ostpreußen sehr ähnlich, ein kleiner Fluss, weite Felder, viele schöne Wälder. „Und hier konnte ich auch meinem großen Hobby, dem Angeln, nachgehen“, meint Erwin Schrader, der sich bald für die Dorfgemeinschaft engagierte. So gründete er 1954 den Fußballverein mit zwei Männermannschaften, einer Junior- sowie einer Schülermannschaft, später den Anglerverein, dessen Vorsitz er bis vor zwei Jahren innehatte. „So viele Kinder und Jugendliche gab es damals im Ort. Zahlreiche kulturelle Veranstaltungen, wie Theateraufführungen, Kinovorführungen und Feste, machten das Dorf lebendig. Und wir hatten nach dem Krieg einfach Hunger nach Vergnügen, nach Spaß, waren gern zusammen“, sagt der Senior. Auch eine Kita, einen Konsum und eine kleine Gaststätte habe es gegeben, wo man sich zu einem Plausch treffen konnte. Heute sei jeder mehr für sich, bedauert er.

Wie die meisten Dorfbewohner arbeitete auch Erwin Schrader in der 1954 gegründeten LPG, zunächst als Buchhalter, ab 1974 als Ökonom für Futtermittel in der LPG Barth/Tierproduktion, zu der zahlreiche Dörfer der Region gehörten. Dafür habe er sich nochmal auf die Schulbank gesetzt, berichtet der Divitzer.

Heute lebt der nach 1990 in Rente gegangene Senior mit seiner aus Hinterpommern stammenden Frau Margarethe (92) in seiner gemütlichen Wohnung. Der rüstige Divitzer hält sich körperlich und geistig fit, fährt Fahrrad, liest Romane auf dem E-Book-Reader und sitzt häufig am Computer. „Ein bisschen muss man schon mit der Zeit gehen, und meine Enkel freuen sich“, erklärt er. Stolz ist das Ehepaar auf seine vier Kinder und fünf Enkelkinder, die es durch Fleiß zu etwas gebracht haben. „Keiner ist arbeitslos, alle stehen mitten im Leben, ob in Hamburg, Potsdam, Barth, Berlin oder Frauendorf. Und zu Weihnachten haben alle hier zu sein, das ist Pflicht“, sagt schmunzelnd Erwin Schrader, dem die Familie nach wie vor das Wichtigste im Leben ist.

Die Eheleute sind nach so vielken Jahren mit ihrem Dorf verwachsen. „Ein schöner Ort mit schmucken Häusern, gepflegten Vorgärten, einem Spielplatz, einem Dorfgemeinschaftshaus, einem Sportplatz.

Viele sind weggezogen, aber es gibt auch Rückkehrer sowie Zugezogene“, meint der Senior. Schade sei der völlig marode Zustand des Schlosses. „Hoffentlich erreicht der Verein, dass das Schloss endlich saniert wird. Denn so ist es in unserem schönen Dorf ein richtiger Schandfleck.“

Zur Geschichte von Divitz
Die Gegend um Divitz wurde schon in der Steinzeit besiedelt, davon zeugen archäologische Funde. Die slawische Ortsgründung Divitz wurde erstmals in den Urkunden des Rüganer Fürsten Witzlaw seit dem 13. Jahrhundert erwähnt. Nach 1200 entstand die Wasserburg Divitz. Das Geschlecht derer von Divitz starb im 14. Jahrhundert aus. Verschiedene Adelsgeschlechter lebten in der Folgezeit auf der Burg, die im Kern mittelalterlich ist, spätere Erweiterungen erfolgten im Renaissance- und Barockstil. Letzter Besitzer war bis 1945 Siegfried von der Groeben. Heute ist das Schloss vom Verfall bedroht. ww
Die Serie
Jeden Dienstag stellt die OSTSEE-ZEITUNG in der Serie ein Dorf aus der Region vor. Wir erzählen Geschichten über die Menschen, die dort leben, interessante Veränderungen in dem Ort oder auch die Sorgen der Einwohner.



In der kommenden Woche folgt Allerstorf. Wir freuen uns über Hinweise und Tipps. Melden Sie sich einfach unter ☎ 03821/8886 966, wenn Sie Ideen und Anregungen haben. Oder Sie schreiben eine E-mail an: lokalredaktion.ribnitz-damgarten @ostsee-zeitung.de


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Zurück zu den Wurzeln in der Region
„Ich bin ein Zugezogener“, erklärt schmunzelnd Uwe Bornkessel (63), der seit 1999 im Dorf lebt. „Ich bin in Stralsund geboren und wollte einfach zurück zu meinen Wurzeln.
Hier gefielen mir sofort die ländliche Idylle, die Ruhe und die ursprüngliche Natur.“ In Essen aufgewachsen, wohin seine Familie Ende der 50er Jahre ging, hat er seine Herkunft nicht vergessen, wollte immer zurück ans Wasser.
So ging er nach Kiel, wurde Berufssoldat bei der Bundesmarine. Als Sachverständiger für Schiffbau war er mehrfach in seiner Heimatregion unterwegs. Und hier suchte er nach der Wende nach einem Domizil. Erwin Schrader, mit dem er auch beruflich Kontakt hatte, vermittelte ihm das 2600 Quadratmeter große Grundstück mit Haus in Divitz, in dem er nun schon seit 15 Jahren lebt. „Viel habe ich hier an Haus und Garten schon geackert“, sagt er. „Aber noch bleibt viel zu tun.“ Im Dorf sei er durch sein Engagement schnell aufgenommen worden. „Vieles haben wir geschafft“, meint er zufrieden.
„So das Dorfgemeindehaus, der neue bunte Spielplatz hinter dem Fußballfeld, für den 48 Firmen und Privatpersonen Geld spendeten“, sagt der Divitzer anerkennend. „Und Bauer Albrecht Wendt hat Bagger und Arbeiter zur Unterstützung geschickt. Hier lebt eine intakte Gemeinschaft.“ Geplant sei weiterhin die Errichtung eines Ballfangzaunes hinter dem Fußballtor zum Schutz der Kinder. Dafür habe die Firma TAB Barth bereits zugesagt.
Der 63-Jährige ist nicht nur im Dorf sozial engagiert. Mit seiner mittlerweile 144. Blutspende hat er sicher schon zahlreichen Menschen das Leben gerettet.
Von Divitz hoch in die Luft
Wer in diesen Tagen den Ostseeflughafen Stralsund-Barth besucht, der sich zu einem großen Teil auf Divitzer Gebiet befindet, kann bei einer Tasse Kaffee und selbst gebackenem Kuchen zahlreiche kleinere Flugzeuge starten und landen sehen. „Im vergangenen Jahr waren es allein 8000 Flugbewegungen, und befördert wurden 22 000 Fluggäste auf unserem modernen, überschaubaren Flughafen“, erklärt dessen Geschäftsführer Paul Wojtasik (64), der eigentlich Pilot werden wollte, aber wegen eines Lochs im Trommelfell nicht zugelassen wurde.
So studierte er Landwirtschaft und arbeitet seit 1983 auf dem Flughafen. Denn die Fliegerei hatte es ihm angetan. Bis zur Wende war er als Staffelingenieur der Staffel Rostock verantwortlich für die Technik der Agrarflugzeuge. „Denn von 1975 bis zu Wende diente das Areal ausschließlich als Agrarflugflugplatz“, erzählt der in Niepars lebende Geschäftsführer. „Heute nutzen vor allem Geschäftsreisende mit Cessnas oder kleinen Privatjets für fünf bis sechs Personen den Flughafen, der bereits 1936 als Einsatzhorst der Luftwaffe eröffnet wurde.“
Auch Charterflüge bis zu 80 Personen könnten gebucht werden. Sogar die Bundeskanzlerin Angela Merkel sei hier schon mehrfach Fluggast gewesen.
Seit 1991 ist Paul Wojtasik als Geschäftsführer des als GmbH betriebenen Flugplatzes tätig. „Bei einer Bebauung hat die Gemeinde Divitz natürlich ein Mitspracherecht“, sagt Paul Wojtasik. „Bisher gab es dabei immer eine gute Zusammenarbeit, so auch bei der Modernisierung des Ostseeflughafens, der 2012 feierlich eröffnet wurde.“ Auch fließe ein Teil des Gewinns der Photovoltaik-Anlage, die jeweils auf der Gemarkung Barth sowie der Gemarkung Divitz im letzten Jahr gebaut wurde, an die Gemeinde, betont der Geschäftsführer. „Und wer Lust hat, die Welt einmal von oben zu sehen, dem bieten wir Rundflüge von Frühjahr bis Herbst von zeitlich unterschiedlicher Dauer an.“ww
Mit Zaunkönigpärchen unter einem Dach
Auf der Suche nach einem schönen, idyllischen Dorf zum Leben und Wohnen stießen Mathias (54) und Birgit Selig (50) auf Divitz. „Genau das wars!“, sagt der Inhaber der Musikschule Fröhlich. „Viel Grün, viel Ruhe und vor allem viel Platz für Kinder, Enkel und Hund in diesem gepflegten und lebendigen Ort.“
Seit sieben Jahren leben das Ehepaar hier in einer Wohnanlage, die aus einem ehemaligen LPG-Stallgebäude entstand, und fühlen sich sehr wohl. „Sogar ein Zaunkönigpärchen hat unter unserem Dach sein Nest gebaut und versorgt nun seine Jungen“, meint Mathias Selig und zeigt auf die kleinen Vögel, die das Köpfchen aus dem Nest stecken. „Das kann man nur auf dem Dorf erleben.“ Der Vollblutmusiker, der eine musikalische Ausbildung absolviert hat, lebt und arbeitet ganz nach seinem Motto: Musik macht fröhlich und klüger. So beeinflusse Musik Geist und Seele positiv, ist er überzeugt. „Ich unterrichte Akkordeon, und zwar vor Ort an den Schulen“, erklärt er.
Für das Ehepaar ist die Dorfgemeinschaft sehr wichtig. So organisierte der Musikschulinhaber vor einiger Zeit ein Akkordeonkonzert. „Aber es ist schwierig, weil die jungen Musiker aus den verschiedensten Orten hierher gebracht werden müssen“, bedauert er. Neben dem Unterricht versucht er bei den Kita-Kindern die Freude an der Musik zu wecken — mit rhythmischen Instrumenten sowie Glockenspiel.
Freude und Entspannung bringt Mathias Selig auch seinen Nachbarn beim abendlichen Akkordeonspiel auf der Terrasse.ww

 



ww Wilma Welzel

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