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00:00 28.08.2013
Darßer Ort

Der Weg zum Seenotrettungskreuzer „Theo Fischer“ im Nothafen Darßer Ort ist nur auf den ersten Blick beschwerlich. Vielmehr ist der Weg auf das Schiff der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger vielfältig. Denn in Reihen der Seenotretter gibt es viele Quereinsteiger. Gemeinsam ist allen seemännische Erfahrung. Köche oder Mechaniker, die technische oder nautische Patente erworben haben, regelmäßig ihre Seetauglichkeit attestieren lassen, können anheuern. So kommt am Ende meist eine bunt zusammengewürfelte Crew aus Individualisten heraus, deren Ansinnen es ist, Menschen und Schiffe aus gefährlichen Situationen auf See zu retten.

Das beginnt im Alltag mit einem gemeinsamen Frühstück. Die Rollen sind klar verteilt: Einer werkelt in der Kombüse, einer deckt den Tisch, einer trägt die Verantwortung und einer schmeißt den Haushalt — in diesem Falle ich. Die vier Kajüten sind schnell gesaugt, ebenso die Mensa. Der ebenso schmale wie steile Aufgang zur Brücke will mit dem handelsüblichen Staubsauger erst einmal bewältigt sein, dann darf ich mich zur Freude der Mannschaft auf der Brücke austoben. Vormann Bernd Wittkowski rückt derweil kleinsten Staubansammlungen auf dem großen Sortiment von Displays und Anzeigen zu Leibe.

„Mancher wäre froh, wenn es zu Hause auch so aussehen würde“, unkt jemand aus der Tiefe des Rettungskreuzers. In der Tat: Auf dem Rettungskreuzer sieht es picobello aus, da würde sicher manche Hausfrau erblassen. Doch das hat seinen Grund. Die Männer verbringen während einer Schicht 14 Tage am Stück an Bord, so verschieden die Charaktere sind, in Sachen Sauberkeit und Ordnung haben sie die Latte verdammt hoch gehängt.

Kaum ist der letzte Krümel weg, geht es zur Fahrpraxis. Jeder an Bord muss das Schiff und das Tochterboot manövrieren können. Weil Maschinisten aber eher die Maschinen am Laufen halten, zählen regelmäßige Fahrübungen auf der Ostsee zum Pflichtprogramm der Seenotretter. Die „Ströper“ schaukelt unter dem Ruder von Uwe Jendrejewski langsam aus der gerade ausgebaggerten Hafenausfahrt hinaus auf die Ostsee, die maroden Kaianlagen hinterlassen jedesmal bleibende Eindrücke. Außerhalb der Kernzone des Nationalparks darf ich ans Ruder. Trotz nur drei Windstärken und entsprechend ruhiger See schaukelt sich die „Ströper“ schnell auf — soviel zum Thema alternativer Liegeplatz für den Rettungskreuzer an einer Seebrücke, wenn die Hafenzufahrt wieder mal versandet ist. „Für diesen Hafen gibt es keine Alternative“, sagt Vormann Bernd Wittkowski. Entsprechende Vorschläge aus Schwerin „kommen von Leuten, die von der Seefahrt keinen blassen Schimmer haben“.

Derweil ist Maschinist Kai Kröger in sein Reich abgetaucht. Ich muss mit, die steile Leiter runter in den Maschinenraum. Es ist warm, es riecht nach Öl. Scheinbar tausende Schrauben und Rädchen dienen der Einstellung der Motoren und Pumpen. Ellenlang ist die Check-Liste, die immer wieder durchgegangen werden muss. Manche Punkte sind täglich zu erledigen, etwa das Messen der Füllstände von Öl und Schmierstoffen. Andere Dinge werden wöchentlich überprüft. Merken kann sich das niemand, darum die langen Listen. Kai Kröger guckt vor allem unter den Motoren genau hin. Bei so vielen Leitungen ist irgendwo immer etwas undicht. Da gilt es, neue Pfützen schnell zu entdecken und der Ursache auf den Grund zu gehen. Auf der „Theo Fischer“ bullert noch eine alte Ölheizung vor sich hin.

Der altersschwache Kessel, der in irgendeinem Einfamilienhaus stehen könnte, ist nicht nur für Heizung und Warmwasser zuständig, sondern dient in erster Linie dazu, die PS-starken Motoren zu wärmen, damit die auch immer schnell anspringen und auf Touren kommen. Weil jede Mannschaft die Kontrollen und somit die Werterhaltung des acht Millionen Euro teuren Schiffes sehr genau nimmt, gibt es heute nichts zu beanstanden.

Damit keine Langeweile aufkommt, nehmen die Seenotretter noch einen Test der großen Tauchpumpen vor. Alles klappt reibungslos, die Pumpen hätten jede für sich ein durchschnittliches Segelboot in kürzester Zeit leer gepumpt. Aber schnell wird klar, dass die schweren Pumpen schon am Liegeplatz nicht einfach von hier nach da zu bewegen sind. Bei Sturm ist so eine Aufgabe ein echter Kraftakt.

Notrufe im Einsatzgebiet der „Theo Fischer“ zwischen Wustrow und Hiddensee bleiben aus. Andreas Podhola hat zwischen den Checks die Zeit genutzt und ein Mittagessen gezaubert. Es gibt Spaghetti mit einer Bolognese von zarter Schärfe. An Bord wurde das schon oft nachgekocht, doch so wie Andreas Podhola bekommt das Gericht keiner hin, heißt es am Mittagstisch. Täglich ist ein anderer zuständig für das Mittagsmahl. Dann gibt es wenigstens keine Klagen übers Essen.

Fazit: An Bord gibt es immer etwas zu tun. Das Warten auf Einsätze macht mürbe. So unterschiedlich die Männer auch sind, ziehen sie im Notfall an einem Strang.

Timo Richter

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