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Fischland-Darss Kurhaus: Ein Dialog für die Mehlschwalbe
Vorpommern Ribnitz-Damgarten Fischland-Darss Kurhaus: Ein Dialog für die Mehlschwalbe
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17:09 31.10.2018
Simone Marks ist gemeinsam mit Reinhard Kolb (v.l.) um das Zingster Kurhaus gegangen, um sich die Ideen des Hobby-Ornithologen für einen guten Umgang mit Mehlschwalben anzuhören. Quelle: Moritz Naumann
Zingst

„So kackt keine Mehlschwalbe“, sagt Reinhard Kolb auf die Frage, ob die Spuren an der Unterseite des Zingster Kurhaus-Daches von Mehlschwalben stammen könnten. „Das sind Spatzenspuren oder so.“ Gemeinsam mit Simone Marks, verantwortlich für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Zingster Kur- und Tourismus GmbH, umwandert er das Prestigegebäude. Rundherum: Netze, die das Nisten von Schwalben verhindern sollen. Reinhard Kolb (75), Urlauber und Mitglied bei der Hessischen Gesellschaft für Ornitologie und Naturschutz e.V. findet das nicht gut: „Gerade hier, in direkter Nähe zum Nationalpark könnte man doch eine Vorbildfunktion erfüllen und den Tieren helfen“.

Denn Mehlschwalben haben es schwer. „Der Bestand ist sowohl langfristig als auch kurzfristig abnehmend. In Deutschland geht die Zahl der Tiere seit Jahren kontinuierlich zurück“, sagt etwa Julia Ehritt von der Zentralen Schwalben-Koordinationsstelle beim Naturschutzbund (NABU) Brandenburg. Mecklenburg-Vorpommern zähle zu einem wichtigen und dicht besiedelten Gebiet der Zugvögel. Doch gerade dieser in Vergangenheit so komfortable Lebensraum ist nicht von Einbußen in der Population befreit. „Die Mehlschwalbe ist in Mecklenburg-Vorpommern in die Rote Liste der gefährdeten Brutvogelarten vom Status ’Ungefährdet’ auf die Vorwarnliste hochgestuft worden“, sagt Julia Ehritt. „Bestehen also bestandsreduzierende Einwirkungen fort, ist in naher Zukunft eine Einstufung in die Kategorie ’Gefährdet’ wahrscheinlich.“

Ein feinfühliges und sensibles Tier

Dem ist sich auch Reinhold Kolb bewusst. „Wir müssen etwas tun. Die Mehlschwalbe ist so ein feinfühliges und sensibles Tier. Sie braucht den Schutz der Menschen“, sagt der 75-Jährige. Schon als Kind war Kolb von den Tieren fasziniert. „Ich erinnere mich, wie ich als kleiner Junge am Fenster saß. Der erste Forst hat die Scheibe gefroren. Ich habe Vögel beobachtet und war begeistert von den Farben, dem Gefider und den Bewegungen der Tiere.“ Seit dem 14. Lebensjahr ist der bei Fulda lebende Rentner schon im Naturschutz aktiv. Und gerade weil das Gebiet um das Fischland, den Darß und Zingst eine so große Vielfalt an Vogelarten und anderen Tieren biete, komme er seit 1997 immer wieder her. Und weil der Tourismus das Gebiet als Aushängeschild für Natur und Artenvielfalt proklamiere, war Kolb über die Netze am Zingster Kurhaus verärgert. „Wir befinden uns in direkter Nähe zum Nationalpark und eine öffentliche Einrichtung wehrt hier die Mehlschwalbe regelrecht ab“, sagt Kolb. „Da muss es doch andere Lösungen geben.“

Simone Marks ist seit 2007 in ihrer Position als Vertreterin für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Sie weiß, wie es zu den Netzen gekommen ist. „Die Vorrichtungen mussten 2001 leider an drei Seiten des Gebäudes angebracht werden, wegen Verschmutzung des Hauses und Belästigung der Gäste.“ Die Nordseite habe man zum Nisten freigelassen, sagt Marks. Doch dort sind bei der Begehung keine Nester zu sehen. An dem ganzen großen Gebäude lassen sich lediglich an zwei Ecken Nistplätze beobachten. „Aber das sind Spatzennester“, sagt Reinhold Kolb, der die Ausscheidungsspuren am Kurhaus den jeweiligen Tieren zuordnen kann.

Die Mehlschwalbe

Das Tier hat ein großes Verbreitungsgebiet und ist in ganz Europa und auch Teilen Asiens zu Hause. Die Schwalben ernähren sich überwiegend von kleineren, fliegenden Insekten, wie Fliegen, Mücken und Blattläusen. Die Zerstörung von Schilfbeständen vernichtet wichtige Rastplätze der Schwalben. Ebenfalls liegen Hinweise auf negative Einflüsse durch Pestizide vor. Nach Europäischer Richtlinie zählen Mehlschwalben zu den geschützten Arten. Verbote des Bundesnaturschutzgesetzes umfassen mutwillige Beunruhigungen der Tiere (fangen, bewerfen). Auch die grundlose Beeinträchtigung oder Zerstörung der Nester kann strafrechtliche Folgen haben. Für Mecklenburg-Vorpommern werden die Mehlschwalben-Bestände auf ca. 45 000 bis 97 000 Exemplare geschätzt.

Von Kotbrettern und Kunstnestern

Der Rentner ist bemüht für die Tiere eine bessere Lösung zu finden. „Es gibt Kotbretter, die man unter dem Dach anbringen kann. Dann verschmutzen die Tiere nicht die Hauswand.“ Und noch besser: „Es gibt Kunstnester. Die sind langlebig und bieten einen perfekten Unterschlupf für die Tiere“. Als Paradebeispiel nennt Kolb das Haus von Ulrich Lau (79), Mitglied beim Kreisverband des NABU. „Der hatte dieses Jahr 82 Mehlschwalbenpaare in seinen künstlichen Nestern.“ Warum die besser sind für die Vögel? „Es gibt auch einen Mangel an geeignetem Material für den Nestbau“, sagt Julia Ehritt. Die Nester, die in Zingst und Umgebung von den Tieren angelegt werden, halten meist nicht länger als eine Saison. „Wind und Wetter sorgen dann dafür“, sagt Reinhard Kolb. Dabei wäre es wichtig die bestehenden Brutstätten für die Tiere zu erhalten. „Denn sie kommen jedes Jahr wieder“.

„Das sind wichtige Erkenntnisse“, sagt Simone Marks nach dem Rundgang und verspricht: „Das wird ein Thema werden bei der nächsten Sitzung“. Reinhard Kolb ist sichtlich zufrieden mit dem Gespräch. „Schon morgen fahre ich nach Fulda zurück. Mal gucken, ob bis zum Frühjahr was passiert ist. Denn da komme ich wieder“, sagt der Naturschützer lachend und radelt davon.

Moritz Naumann