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Ribnitz-Damgarten „Frau Sidol“ feiert den 120. Geburtstag
Vorpommern Ribnitz-Damgarten „Frau Sidol“ feiert den 120. Geburtstag
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00:00 11.03.2013
J�rgen Saatmann mit seinen B�chern von K�the Miethe.
Althagen

Ein biblisches Alter hat die Journalistin und Schriftstellerin Käthe Miethe nicht erreicht. Heute jährt sich ihr Geburtstag zum 120. Mal. Sie kam 1893 in Rathenow zur Welt. Ihr Leben ist eng mit dem Fischland verbunden.

Nach Erzählungen schrieb sie über ihre Patentante Ida: „Zu meiner Taufe setzte sie Schnaps in einem Kochtopf an, in dem vorher Aal grün gekocht worden war. Es wurde also ein Aalschnaps und außerdem ein geflügeltes Wort daraus. Übrigens verhalf sie mir in meinem ersten Lebensjahr schon zu einem tüchtigen Rausch. Sie hatte mir kurzerhand gegen Kolik einen ordentlichen Schuß Cognac in die Milch gegeben.“ Was für ein Mensch war Käthe Miethe?

In Althagen auf dem Fischland ging sie oft in die Bäckerei von Hermann und Malchen (eigentlich Amalie) Saatmann. „Sie saß dort immer in der Veranda am Sofatisch und hatte das Lokal im Blick. Sie hat den braunen Schnaps aus Mokkatassen getrunken“, erzählt der Sohn Jürgen Saatmann, Jahrgang 1941. „Meine Eltern durften sie nicht mit Frau Miethe ansprechen. Frau Sidol, was möchten Sie haben? Oder Frau Wok. Das fand sie noch besser. Sie wollte für die Gäste inkognito bleiben.“

In Saatmanns Veranda traf sie sich auch in fröhlicher Runde mit dem Verleger Peter E. Erichson, Line Ristow, Inge Lettow, Hedwig Holtz-Sommer und Jo Jastram. Als Jürgen Saatmann konfirmiert wurde, schenkte sie ihm drei ihrer wunderbaren Bücher, natürlich mit Widmung.

Auch Käthe Miethe hatte ein Patenkind, Jochen Denzin (74). „Als ich einmal im Sommer 1954 mit dem Rad von Rostock kam, empfing sie mich an ihrer Gartenpforte und sagte: ‘Lütt Johann, das passt mir heute gar nicht. Hier hast du 10 Mark. Geh ins Kurhaus, sag, dass Du von mir kommst und lass Dir was zu essen geben.‘ Sicher arbeitete sie an einem Manuskript für ein neues Buch.“ Wenn sie beim Kulturbund in Rostock im „Haus der Intelligenz“ zur Lesung eingeladen war, nahm sie ihn mit. „Ich durfte in der ersten Reihe sitzen. In ihrer besonderen Art hat sie gelesen und geraucht. Für mich war sie eine autoritäre, eigenwillige und sehr soziale Person.“

Sie unterstützte finanziell auch das Leben ihrer Freundin Inge Lettow, Kantorin an der Wustrower Kirche. „Wenn Käthe Miethe wöchentlich kam, öffnete sie die Schränke und sah nach, was fehlte. Dann gingen die beiden, Käthe und Inge, einkaufen“, erzählt die 1936 geborene Johanna Wihan aus Wustrow.

Käthe Miethe hat genau recherchiert und beobachtet. Das ist aus ihren Büchern herauszulesen. Herausragend und in feiner Sprache geschrieben sind ihre Heimatbücher „Das Fischland“ mit prägnanten Zeichnungen von Fritz Koch-Gotha und „Bark Magdalene“, beide im Hinstorff Verlag erschienen.

Käthe, eigentlich Katharine Ottilie Ella Miethe, war das zweite Kind von Marie und Adolf Miethe, der ab 1899 als Professor an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg Photochemie und Spektralanalyse lehrte. Er war ein bedeutender Wissenschaftler, der die Dreifarbenphotografie entwickelte. Käthe ließ sich als Bibliothekarin ausbilden und war im 1. Weltkrieg für das Rote Kreuz in Belgien tätig. Sie übersetzte Bücher aus dem Norwegischen, Dänischen und Holländischen und schrieb zahlreiche Artikel für Zeitungen und Zeitschriften.

Der Vater kaufte in Althagen „für 800 bare Mark ein verfallenes Strohdachhäuschen“, die Büdnerei Nr. 10 im Bernhard-Seitz-Weg. „Als wir im Jahre 1901 zum ersten Male auf das Fischland kamen, und zwar als Gäste nach Ahrenshoop, und mein Vater tief beglückt von der Ländlichkeit und Unberührtheit des eigentlichen Fischlandes, sich in Althagen einen Katen kaufte, waren wir erst die dritten Städter auf der langen Strecke von Althagen bis Wustrow“, schreibt Käthe Miethe.

Im Kriegsjahr 1939 siedelte sie aus Berlin endgültig nach Althagen und lebte bis zu ihrem plötzlichen Tod, einen Tag nach ihrem 68. Geburtstag, in ihrem eigenen Rohrdachhaus, das sie in der Erzählung „Unterm eigenen Dach“ so anschaulich beschreibt. Ihr Haus erbte Patensohn Jochen Denzin. Er fand auf dem Dachboden ein sorgsam zusammengeschnürtes Bündel von vergilbten Zeitungsartikeln aus den 1920er und 1930er Jahren. Diesen echten Schatz veröffentlichte 2006 Cornelia Crohn in dem Buch „Die Welt im Dorf ist groß“.

Das Haus der Käthe Miethe ist dank Jochen und Elke Denzin in Maß und Form unverändert geblieben. Es liegt versteckt hinter hohen Hecken, die es vor dem Lärm der Bäderstraße schützen sollen. Aus einer kleinen Gaube kann man ein wenig hügelan nach Westen zum hohen Ufer schauen — mit bangem Herzen ob der freien Felder neben dem Käthe-Miethe-Weg, in dem seit der modernen Zeit leere Flaschen in Containern zerspringen. Auch die Bibliothek in Althagen trägt ihren Namen.

Veranstaltungen
Heute um 15 Uhr: Lesung mit Dr. Helmut Seibt in der Käthe-Miethe-Bibliothek in Althagen. Um 16 Uhr: Literarischer Spaziergang zu den Büdnereien der Familie Miethe.

Dienstag, 12. März: Gedenken am Grab der Käthe Miethe auf dem Friedhof in Wustrow. Treffpunkt um 14.50 Uhr am Eingang zum Friedhof. Anschließend Umtrunk mit Punsch und Keksen zu Texten von Käthe Miethe im Vereinshaus „De Klabauters“ in Wustrow.

Sammlungen
Friedhelm Reinhard (72) aus Berlin, seit zehn Jahren in Wieck, ist Sammler der Käthe-Miethe-Bücher. Sie schrieb 20 Kinderbücher, einen Roman „Das Haus ohne Kinder“ (1939), neun Erzählungen zur Fischlandserie.

14 Kinderbücher übersetzte sie aus Holland, Dänemark und Norwegen, vier Romane aus dem Norwegischen. Sie gab vier Bücher im Hinstorff Verlag Rostock heraus.

Sie hat den braunen Schnaps aus Mokkatassen getrunken.“Jürgen Saatmann über Käthe Miethes Besuche in der Bäckerei

Elke Erdmann

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