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Ribnitz-Damgarten Handschuh und Hut haben im Schlick Jahrhunderte überdauert
Vorpommern Ribnitz-Damgarten Handschuh und Hut haben im Schlick Jahrhunderte überdauert
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00:00 24.03.2014
Der Archäologe Dr. Jörg Ansorge zeigt den Handschuh, der im Schlick in Hafennähe gefunden wurde. Auf dem Bildschirm im Hintergrund ist der Filzhut zu sehen. Fotos (2): Bernd Hinkeldey

Vorsichtig hält Dr. Jörg Ansorge im Landesamt für Kultur und Denkmalpflege einen gut erhaltenen Fäustling in die Höhe, den er bei der Grabung in Hafennähe — Badenstraße zwischen Wasserstraße und Fischmarkt — aus dem feuchten Erdreich geborgen hat. „Unter dem Mikroskop zeigte sich, dass der grobe Faden ein Mischgewebe aus Wolle und pflanzlichen Fasern ist, Hanf möglicherweise“, vermutet der Archäologe.

Er ist bei seiner Arbeit in Stralsund schon auf spektakulärere Funde gestoßen — darunter wertvolle Münzen, schmuckvolles Glas, rätselhafte Figuren. Ein kompletter Handschuh und ein Filzhut waren selten dabei, weil Textilien üblicherweise im Boden schnell zerfallen. Der Hafenschlick früherer Zeiten hat das in diesem Fall aber verhindert. Und so lassen sich aus diesen Zeugnissen der Arbeitswelt vergangener Epochen interessante Schlüsse ziehen, wie der Archäologe anschaulich demonstriert. Maßgeblich ist natürlich der Gesamtbefund, in dem die Gegenstände entdeckt wurden.

Denn dank dieser eher unscheinbaren Gebrauchsgegenstände öffnet sich ein kleines Zeitfenster, das Einblicke in ein entscheidendes Zwischenstadium der Hafenentwicklung im 17. Jahrhundert gewährt. Was vorher geschah, lässt sich — belegt durch archäologische Funde — in groben Zügen skizzieren. Auch wenn die Anfänge noch im Dunkeln liegen, gehen Experten heute davon aus, dass sich die ersten Liegeplätze der Schiffe in Stralsund nicht am heutigen Sund befanden, sondern in einer ruhigen Meeresbucht im Bereich des heutigen Knieperteichs. Die Dämme und Teiche entstanden erst später.

In den Jahren nach 1270 beziehungsweise 1280 folgten dann am Strelasund — außerhalb der auf der Kliffkante stehenden Stadtmauer — schrittweise die Errichtung einer Bohlenwand und eine erste Landgewinnung durch Auffüllungen des Ufersaums. Offen bleibt bislang die Funktion massiver Holzpfosten vor dem Wellenbrecher, der dendrochronologisch auf 1345 datiert werden konnte. Möglich wären Reste einer alten Seebrücke, die in den Sund hinein führte. Bei einer Wassertiefe von maximal 1,80 Metern blieb Schiffen das direkte Anlegen an der Kaikante weiterhin verwehrt.

Die zweite Phase der Baulandgewinnung wird auf die Zeit um 1372 mit der Errichtung einer steinernen Uferschutzmauer datiert. Auf Reste dieser Anlage sind die Archäologen bei den Ausgrabungen in der unteren Badenstraße gestoßen. „Diese Situation blieb dann bis ins 17. Jahrhundert unverändert“, bemerkt Jörg Ansorge. Erst ab 1630, nach Besetzung durch die Schweden, entstand eine Bastion vor dem Badentor, die bis an die heutige Kaimauer entlang des Fischmarktes reichte. Mit dieser Zeitmarke enden auch die Münzfunde in den schwarzen Landgewinnungsschichten, die bei den Grabungen ausgehoben wurde.

Quasi gut „geborgen im Mist“, überstanden auch der Handschuh und der Filzhut die Zeit, ebenso wie verschiedene Lederteile, die vermutlich von Hosen stammen. Wer diese Arbeitsutensilien verlor oder wegwarf — ob Fischer, Handwerker, Lastträger — bleibt selbstredend unbekannt. Sie deuten aber wie mehrere Hundert Metallfunde — Tuchplomben, Pilgerzeichen, Steuermarken — auf ein reges Hafentreiben mit viel Gewerbe, Handwerk und Handel hin.

Rätselhaft bleibt dagegen eine Konstruktion aus mittelalterlichen Grabplatten, die als Wandverkleidung einer damaligen Grube direkt am Sund dienten. „Ein öffentlicher Spülkasten vielleicht oder eine Latrine“, mutmaßt der Archäologe. Weitere Untersuchungen waren nicht möglich. Die Funde erinnern aber an ähnliche, bereits vor zehn Jahren in der Wasserstraße entdeckte Dinge.

Unter dem Mikroskop zeigte sich, dass der grobe Faden ein Mischgewebe aus Wolle und pflanzlichen Fasern ist, Hanf möglicherweise.“Dr. Jörg Ansorge, Archäologe



Bernd Hinkeldey

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