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Ribnitz-Damgarten In Ribnitzer „Herberge zur Heimat“ floss zu viel Alkohol
Vorpommern Ribnitz-Damgarten In Ribnitzer „Herberge zur Heimat“ floss zu viel Alkohol
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00:00 30.08.2013
Das evangelische Vereinshaus war in der Ribnitzer Steinstraße, fünftes Haus von oben. Quelle: privat
Ribnitz-Damgarten

Mitte des 19. Jahrhunderts etablierten sich deutschlandweit so genannte „Herbergen zur Heimat“. Hierbei handelte es sich um Unterkünfte für wandernde Handwerksgesellen, denen so die Möglichkeit einer billigen, meist kostenlosen Übernachtung geboten werden sollte. Gleichzeitig sollten die Handwerksburschen „vor den schädlichen Einflüssen der Wirtshäuser bewahr(t) (werden)“. Allabendlichen Kontakt mit Alkohol und mit allzu „leichten Mädchen“ galt es zu minimieren.

Mit dem Ausschankverbot von Alkohol nahm man es im Ribnitzer Vereinshaus jedoch nicht so genau. Im Gegenteil, um die Attraktivität des Hauses zu steigern und um die Einnahmen zu erhöhen, war wie selbstverständlich Alkohol ausgeschänkt worden. Erst die Drohung des Herbergsverbandes mit Ausschluss beendete den Ausschank im März 1922.

In Ribnitz wurde im Jahr 1875 ein evangelisches Vereinshaus gegründet. Das Vereinshaus stellte einen Zusammenschluss des Ribnitzer Gesellen- und Jünglingsvereins „Concordia“ und der „Herberge zur Heimat“ dar. Dem Vorstand des Vereinshauses mussten mindestens ein Geistlicher aus Ribnitz sowie drei ortsansässige Handwerker angehören. Vorstandsvorsitzender war jeweils der älteste Geistliche. Den Vorsitz im Gründungsjahr hatte Pastor Bunge inne (bis Dezember 1875). Ihm folgten Pastor Schmidt (bis 1912), Pastor Lemcke (bis 1928), Pastor Niemann (bis 1935) und Probst Jahn (bis mindestens Ende 1942) im Amt.

Das Vereinshaus hatte seinen Sitz in der Steinstraße 15. Seit den 1930er Jahren kämpfte das Vereinshaus um seine Existenz. Im September 1942 wandte sich Probst Jahn im Namen des Vorstandes mit der Bitte an den Ribnitzer Bürgermeister, finanzielle Mittel für die Sanierung des Gebäudes zur Verfügung zu stellen. Schon seit mehreren Jahren waren dringend erforderliche, größere Reparaturen immer wieder zurückgestellt worden. Der Vorstand verwies darauf, dass er die Reparaturen nicht aus eigener Kraft stemmen könne. Die einzige Einnahme des Hauses war die Miete des dort wohnenden Herbergsvaters, Schmiedemeister Franz Uecker. Er zahlte 180 Mark im Jahr. Davon ließen sich gerade einmal die Steuern und Hypothekenzinsen begleichen, so Jahn. Bürgermeister Dr. Wegner reagierte.

Aber wohl nicht so, wie der Vorstand sich dies gewünscht hätte. Von beginnenden Reparaturarbeiten wird nicht berichtet.

Ende November 1942 erfuhr die Satzung des evangelischen Vereinshauses eine grundlegende Änderung. Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten neben Probst Jahn, Lehrer Giehm, Sattlermeister Ladendorf sen., Drechslermeister Tredop jun. und Töpfermeister Martens im Vorstand mit. Die Vereinssatzung wurde nun den nationalsozialistischen Grundsätzen angepasst. Zunächst wurde festgelegt, dass das Vereinshaus zukünftig den Namen „Herberge zur Heimat“ führt. Der Vorstand bestand, dem Führerprinzip verpflichtet, aus einer Person. Diese Person wurde vom Bürgermeister ernannt. Beiräte übten eine beratende Funktion aus.

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Jan Berg

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