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Ribnitz-Damgarten Karteileichen an der Uni: Scheinstudenten wollen sparen
Vorpommern Ribnitz-Damgarten Karteileichen an der Uni: Scheinstudenten wollen sparen
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00:04 13.10.2015

Paul Schneider (Name geändert) ist 27 Jahre alt. Im Frühjahr hat er seinen Master an der Universität Rostock bestanden. Doch anstatt sich von seinem Studentenleben zu verabschieden, immatrikulierte er sich erneut in einem anderen Studiengang. Seminare oder Vorlesungen möchte er allerdings nicht besuchen. Denn Schneider behält seinen Status als Student nur zum Schein.

Für 152 Euro Semesterbeitrag gibt es zahlreiche finanzielle Anreize, Student zu sein: Sondertarife bei Versicherungen, kostenlose Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs, verbilligte Eintrittskarten und Rabatte für die Mensa. „Wenn man mal darüber nachdenkt, wäre es doof, das nicht zu tun. Es lohnt sich einfach“, sagt Schneider.

Mit dieser Einstellung steht er nicht allein da. Das Phänomen sei schon seit Jahren bekannt. „Das ist nicht nur hier so, sondern in ganz Deutschland“, sagt Markus Glöckner, Justiziar an der Universität Rostock. Wie viele Karteileichen es wirklich gebe, sei schwer zu sagen. „Ich habe den Eindruck, dass sich die Zahl in den vergangenen Jahren nicht verändert hat“, sagt der Jurist, der seit 2005 an der Uni arbeitet. „Wir müssen anscheinend damit leben.“

Auch die Sprecherin der Universität, Jana Powilleit kann keine Zahlen nennen: „Es gibt keine belastbare Definition des Begriffs und folglich keine entsprechenden Statistiken oder Schätzungen.“

Vermeintliche „Scheinstudierende“ könnten erst bemerkt werden, wenn Prüfungen nicht innerhalb der vorgegebenen Frist absolviert werden. „Wenn sie nicht eingehalten werden, erfolgt eine Exmatrikulation“, betont Powilleit.

Doch es sei kaum festzustellen, warum jemand nicht die Prüfungen innerhalb der vorgeschriebenen Zeit absolvieren würde. „Die Aufdeckung der Intentionen, mit denen ein Studium betrieben wird, wäre nur mit aufwendigen Verfahren möglich“, so Powilleit. Außerdem kann es etwa zwei Jahre pro Studiengang dauern, bis es tatsächlich zur Exmatrikulation kommt. „Beim dritten Wechsel muss man diese Entscheidung begründen. Das ist eine Hürde, die nicht unüberwindbar ist“, so Glöckner. Die Entscheidung weiterhin bei der Universität zu bleiben, sei Schneider leicht gefallen. „Ich habe vor Jahren erfahren, dass die Mutter einer Freundin Scheinstudentin ist, weil ihr das Essen bei der Mensa so gut schmeckt“, erzählt der Rostocker lachend. Auch für ihn war das ein Hauptgrund. „Die Mensa ist hier sehr gut. Ich gehe fast täglich dort essen.“ Pro Mahlzeit habe er mit seinem Studentenausweis eine Ersparnis von zwei bis drei Euro. „Wenn man das auf sechs Monate hochrechnet, spare ich etwa 300 Euro“, ist sich Schneider sicher.

Für Bus und Bahn würde er im halben Jahr etwa ebenso viel sparen. Geld, dass ihm an anderer Stelle fehlen würde. „Ich bin gerade dabei mir eine Selbstständigkeit aufzubauen und verdiene auch noch nicht so gut“, argumentiert er.

Der Hochschule würden die Karteileichen keinen finanziellen Schaden verursachen. Von Betrug will Glöckner daher nicht sprechen. „Nirgendwo steht, dass ich den Studentenstatus nur bekomme, wenn ich tatsächlich studiere“, argumentiert der Jurist. Daher würde ein Scheinstudent wohl keine Strafe erwarten, wenn man ihn erwischen würde.

Doch moralisch hat der 47-Jährige Bedenken: „Schwierig wird es, wenn sie an zulassungsbeschränkten Studiengängen teilnehmen. Dadurch nehmen sie echten Studenten den Platz weg.“

Schneider hat sich an einem freien Fach eingeschrieben. Ewig möchte er jedoch nicht eine Karteileiche bleiben. „Wenn ich genug Geld verdiene, werde ich mich exmatrikulieren“, betont er. Für die nächsten zwei Jahre, schätzt er, wird er jedoch weiter zum Schein studieren.



Johanna Hegermann

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