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Ribnitz-Damgarten Klassiker neu inszeniert: „Das Kahnweib“ kehrt zurück
Vorpommern Ribnitz-Damgarten Klassiker neu inszeniert: „Das Kahnweib“ kehrt zurück
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01:00 25.08.2014
Spielt die Hauptrolle: Petra Schwaan-Nandke. Hier in der ersten Inszenierung 2009. Quelle: Späldäl to Stralsund

Silvester 1913: Auf dem Greifswalder Bodden braut sich ein übler Sturm zusammen, der Wind peitscht Schaumkronen in die flache See, immer höhere Flutwellen jagen aufs Ufer zu. Mitten in diesem Getöse wird der Rüganer Schiffslotse Julius Looks ins Wasser gerissen — und verschwindet für immer darin.

Seine Frau ist schon früher gestorben. Wie die Tochter Berta Looks, damals zehn Jahre alt, sich ab diesem Tag als Waisenkind durchs Leben kämpft und schließlich zur einzigen Kapitänin Pommerns wird, erzählt der Erfolgsroman „Das Kahnweib“ — und auch das gleichnamige Theaterstück, das am 5. September in Greifswald wieder auf die große Bühne des Theaters Vorpommern kommt.

Der Greifswalder Gerhard Dallmann, früher Pastor in Wieck, war 1975 auf diese Geschichte gestoßen — als er gebeten wurde, Berta Giese, geborene Looks, zu beerdigen. „Ihre Tochter Ilse hat mir von ihr erzählt“, erklärt er. Und was er hörte, ließ ihn nicht mehr los. „Ich war fasziniert davon, dass eine Frau ein Schiff besaß und Kapitänin war“, erzählt der 88-Jährige. Zumal zu Bertas Zeiten ja noch der feste Glaube gegolten habe, eine Frau an Bord bringe Unglück!

Der Pastor fing also an, in Kirchenregistern und Stadtarchiven nach Details aus Bertas Biographie zu suchen, Zeitzeugen zu befragen, das Gefundene mit Phantasie und viel Einfühlungsvermögen auszuschmücken. Sein Ergebnis nach sieben Wochen Schreiben: „Das Kahnweib“, ein 470-Seiten-Roman, der inzwischen in 5. Auflage erschienen ist und tausende Leser erreicht haben dürfte.

Der Darßer Festspielintendant Holger Schulze hörte über eine Kollegin zum ersten Mal von diesem pommerschen Klassiker. „Sie meinte, dieses Buch müsse unbedingt auf die Bühne“, erzählt der 56-Jährige.

Schulze überflog den Roman und war sofort gefesselt, aber genauso überzeugt: „Das ist unspielbar auf der Bühne.“ Weil rund 100 Darsteller gebraucht würden, um ein ganzes pommersches Völkchen zum Leben zu erwecken. Und weil die Schicksalsschläge, die Berta bis zu ihrem Tod erlitt, für drei oder mehr Stücke gereicht hätten.

„Sie hatte ein unglaubliches Schicksal“, sagt Holger Schulze. Nicht nur, das Berta als Kind ihre Eltern verlor. Als Jugendliche in Wolgast wird sie beinahe vergewaltigt. Den Traumberuf in der Männerwelt der Schifffahrt muss sie sich hart erkämpfen. Ihr kleiner Sohn verunglückt tödlich an Bord ihres Schiffes, die Tochter ist nach einem Unfall verkrüppelt, der Mann wird von den Nazis umgebracht... „Und immer wieder steht Berta auf.“.

Um das alles auf dem engen Raum einer Bühne erzählen zu können, ließ Schulze 2009 für eine erste Inszenierung die Schauspielerin Petra Schwaan-Nandke als gealterte Berta Giese auf die Bühne des Theaters Vorpommern treten. Im Rückblick beginnt sie ihr Leben zu erzählen und zu kommentieren. Dabei wird das Kind Berta wieder lebendig, Erzähltes geht in Gespieltes über, bis die alte, die junge und eine jugendliche Berta schließlich miteinander verschmelzen.

Wer Schulzes Stückfassung liest, ist schon nach den ersten Seiten gepackt: von den lebendigen, pointierten Dialogen auf Plattdeutsch, aber auch von dieser kleinen Berta, die so aufgeweckt, sturköpfig und keck daherkommt, dass man sie lieben muss und jeden neuen Schlag mit ihr zusammen durchleidet.

Das Stück, inszeniert mit der Stralsunder Plattdeutsch-Gruppe „Späldäl“ und vielen Vorpommern als Komparsen, „war damals ein riesen Erfolg am Theater“, erzählt Holger Schulze. Rund 100 Darsteller bereiten sich nun auf die neue Premiere vor. Petra Schwaan-Nandke soll wieder die Hauptrolle spielen.

Der Gutteil der Schauspieler war während der Saison im Stück „Die Heiden von Kummerow 2 — Der Müller muss weg“ auf der Freilichtbühne in Born auf dem Darß zu sehen. Auch einige der dort mitwirkenden Kinder aus der Region sind nun in dem neuen Stück wieder zu sehen.

Up platt und hochdeutsch
Aufführungen in Greifswald:

5. September, 19.30 Uhr im Theater Vorpommern, Großes Haus: Premiere up platt
6. September, 19.30 Uhr, Großes Haus: hochdeutsc/missingsch
7. September, 16 Uhr, Großes Haus:

up platt


In Stralsund wird das Stück ab dem 19. September im Theater Vorpommern gespielt.

Mehr Infos und Karten auf • www.theater-vorpommern.de


Das Stück ist eine Gemeinschaftsproduktion des Theaters Vorpommern, der Darßer Festspiele und der Laiengruppe „Späldäl to Stralsund“.



Sybille Marx und Timo Richter

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