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Ribnitz-Damgarten „Manchmal sind wir einfach nur da“
Vorpommern Ribnitz-Damgarten „Manchmal sind wir einfach nur da“
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09:08 14.07.2018
Andrea Wagner, Koordinatorin beim Hospizverein Ribnitz-Damgarten. Quelle: Robert Niemeyer
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Ribnitz-Damgarten

Ehrenamtliches Engagement ist prinzipiell ja bereits aller Ehren wert. Doch wohl kaum ein Ehrenamt dürfte so herausfordernd sein wie das der Mitstreiter von Andrea Wagner. „Krankheit, Leid und Tod sind sehr schwierige Themen, aber sie gehören zum Leben dazu“, sagt die 55-Jährige. Seit zweieinhalb Jahren ist Wagner als Koordinatorin für den Hospizverein Ribnitz-Damgarten (Vorpommern-Rügen) tätig. Sie, aber vor allem die Menschen, die Wagner ausbildet, begleiten Menschen auf dem wohl schwierigsten Weg in ihrem Leben.

Die eigene Endlichkeit

Im November startet wieder ein Kurs, in dem ehrenamtliche Sterbebegleiter ausgebildet werden, die Menschen in dieser schwierigen Situation unterstützen. 120 Unterrichtsstunden über ein Jahr verteilt umfasst der Kurs. „Die Teilnehmer setzen sich während der Ausbildung ganz persönlich mit dem Thema Sterben und Tod auseinander und entwickeln eine persönliche Haltung dazu“, so Wagner. Die Ausbildung zum und die Arbeit als Sterbebegleiter sei auch stets eine Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit.

46 ehrenamtliche Sterbebegleiter gehören dem Hospiz-Verein an. Der aktuell laufende Kurs geht im Oktober zu Ende. Im Schnitt nehmen 10 bis 14 Menschen, zumeist Frauen, an der Ausbildung teil. „Nach dem Kurs findet mit jedem noch ein persönliches Gespräch statt. Dann entscheiden beide Seiten gemeinsam, ob derjenige in der Sterbebegleitung mitmacht oder nicht.“ Im Umkreis von etwa 50 Kilometern um Ribnitz-Damgarten sind die ehrenamtlichen Sterbebegleiter im Einsatz.

Für Andrea Wagner ist die Hospiz-Arbeit Berufung. „Mit 14 verlor ich meine Mutter. Mehr oder weniger unbewusst hat mich das Thema mein Leben lang begleitet“, sagt sie. Als Krankenschwester und in der Theorie während eines pflegewissenschaftlichen Studiums war die Auseinandersetzung mit dem Tod stets Bestandteil ihres beruflichen Werdegangs. 2006 besuchte sie schließlich einen Ausbildungskurs zur Sterbebegleiterin. Gemeinsam mit Simone Botschkao koordiniert die Mutter zweier erwachsener Töchter nun die Aktivitäten des Ribnitz-Damgartener Hospiz-Vereins.

Über ein Netzwerk mit Hausärzten, Palliativmedizinern, den Boddenkliniken und auch Pflegeheimen erreicht der Verein die Betroffenen. Oft melden sich auch die Angehörigen eines totkranken Menschen selbst und bitten um Hilfe. Wagner vermittelt dann einen Sterbebegleiter. Den Erstkontakt, bei dem der Begleiter und der Betroffene sich kennenlernen und herausfinden, ob sie in dieser Situation menschlich zusammenpassen bzw. was in dieser Situation hilft, begleiten die Koordinatorinnen des Vereins noch.

Angst und Traurigkeit

76 Menschen haben die Ehrenamtler des Hospizvereins 2017 auf ihrem letzten Weg begleitet. „Sterbebegleitungen können wenige Tage bis Monate dauern, in seltenen Fällen auch Jahre“, sagt Andrea Wagner. Manchmal seien die Begleiter auch beim Zeitpunkt des Todes dabei.

Die Betroffenen seien überwiegend ältere Menschen. „Bei jüngeren Menschen ist es noch dramatischer, weil neben der Trauer und der Angst die Situation oft auch als ungerecht wahrgenommen wird.“ Wenn beispielsweise bei jungen Erwachsenen auch noch Kinder im Spiel sind und somit aufgrund des nahenden Todes eines Elternteils die Genrationenfolge nicht eingehalten wird, könne das eine ganze Familie aus dem Konzept bringen. „Aber egal welchen Alters die Betroffenen sind, das Thema ist immer mit Angst und Traurigkeit besetzt“, so Andrea Wagner.

Deshalb sei es für ehrenamtliche Sterbebegleiter wichtig, abseits des Engagements für den Hospizverein fest im Leben zu stehen, Kraftquellen zu haben, sagt Wagner. Die meisten Sterbebegleiter hätten eine Menge Lebenserfahrung und oft auch selbst einen Verlust erlebt.

Mitgefühl und Hoffnung

„Mitleid ist bei der Hospizarbeit nicht der richtige Ansatz. Wichtiger ist Mitgefühl“, gibt sie den Ehrenamtlern mit auf den Weg. Mitleid bedeute, dass man im Leid des Betroffenen gefangen sei, Mitgefühl bedeute Verständnis für seine Situation. „Die Betroffenen sind nicht unsere Angehörigen. Sterbegleiter müssen ganz bei sich bleiben“, so Wagner. Wichtig sei eine professionelle Distanz bei gleichzeitiger Nähe. Dann kann ein vertrauensvolles Verhältnis aufgebaut werden, dass den Sterbenden und ihren Angehörigen hilft.

Wie die gemeinsame Zeit gestaltet wird, bestimmt der Betroffene. In den meisten Fällen sei neben den negativen Gefühlen auch immer noch Hoffnung vorhanden. „Manche möchten nicht über das Sterben reden, sondern über das Leben“, so Wagner, „manche möchten ihre Lebensgeschichte loswerden, andere planen einen Urlaub im nächsten Jahr“. Oft seien die Betroffenen aber auch zu schwach zum Sprechen, würden jedoch trotzdem die Anwesenheit des Begleiters genießen. Wagner: „Dann sind wir einfach nur da.“

2001 gegründet

Seit 2001 exisitiert der Ribnitzer-Damgartener Hospizverein. Er hat 110 Mitglieder, darunter die aktiven Sterbebegleiter, aber auch passive Unterstützer. Zum Vereins-Vorstand gehören die 1. Vorsitzende Katrin Gräfe, der 2. Vorsitzende Dr. Falko Milski, Finanzwartin Veronika Urban, Schriftführerin Sandra Schröder-Köhler sowie die Beisitzer Karola Eggersmann, Adelheid Wilm, Petra Brilke und Maja Jeuthe.

Der Verein leistet schwerkranken und sterbenden Menschen sowie ihren Angehörigen Beistand und berät zu Sterben, Tod und Trauer. Auch Beratungen zu Patientenverfügung oder Vollsorgevollmachten gehören zum Angebot. Ein weiteres Angebot ist das Trauercafé im Ribnitzer Begegnungszentrum, das jeden zweiten Mittwoch im Monat Trauernden einen geschützten Rahmen gibt, ihre Gefühle auszudrücken und zu verarbeiten.

Kontakt: Ribnitz- Damgartener Hospiz-Verein, Lange Straße 86, 18311 Ribnitz-Damgarten.Bürosprechzeiten: Montag, 14 bis 16 Uhr, Donnerstag, 10 bis 12 Uhr, und nach telefonischer Vereinbarung. 0151/17348255, E-Mail: hospiz.wagner@gmx.de.

Internet: www.ribnitz-damgartener-hospiz-verein.de

Niemeyer Robert

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