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Ribnitz-Damgarten Zingst soll in der Spitzenliga mitmischen
Vorpommern Ribnitz-Damgarten Zingst soll in der Spitzenliga mitmischen
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00:03 21.03.2015
Entwickelten das Zingster Tourismuskonzept, gemeinsam mit den Lenkungsgruppen vor Ort: Prof. Dr. Mathias Feige und Maike Berndt von der dwif-Consulting GmbH. Quelle: Virginie Wolfram

Szenenapplaus kennt man vor allem aus dem Theater. In Zingst bekam Tourismusexperte Mathias Feige den spontan aufbrausenden Beifall allerdings ohne Schauspielerei, mit nur einem Satz: „Sie bauen sich hier gegenseitig selber tot!“ Damit mahnte der renommierte Berater die überbordenden Bautätigkeiten im Seeheilbad an — und stieß bei den rund 270 Zuhörern auf großen Zuspruch.

Während der Präsentation des neuen Tourismuskonzeptes im proppenvollen Saal des Hotels „Vier Jahreszeiten“ hielten Feige und Beraterin Maike Berndt am Donnerstagabend immer wieder den Finger in die Wunde. Zingst müsse an seinen Schwachstellen arbeiten: unter anderem an fehlenden Parkplätzen, mäßiger Servicequalität und starker Ortsverdichtung. Die Expansion von Ferienwohnungen gelte es einzudämmen oder zu verhindern.

„Ihre vorrangige Aufgabe ist es, Qualität zu erhöhen, nicht mehr Betten einzurichten“, sagte der Gutachter. Dafür seien alle gleichermaßen mitverantwortlich, von Gewerbetreibenden und Touristikern bis hin zu den Einwohnern und Beschäftigten. Mathias Feige sprach vom „Wir-in-Zingst“-Virus und einem Zusammenhalt, der für den Ort notwendig sei, um in den nächsten Jahren weiter voranzukommen.

Hintergrund des Tourismuskonzeptes für das Seeheilbad sind die stagnierenden beziehungsweise sinkenden Gästezahlen. „Bis 2009 hatten wir einen starke Dynamik in der Entwicklung, danach war es schwer“, konstatierte Kurdirektor Peter Krüger. Im vergangenen Jahr konnte die Gemeinde hingegen erstmals wieder ein Plus von 6,9 Prozent bei den Übernachtungen erreichen (siehe Beitrag rechts).

Das ist nach Ansicht der Tourismus-Berater aber kein Grund sich zurückzulehnen — ganz im Gegenteil. „Zingst ist nicht irgendein Ort, Sie spielen deutschlandweit mit in der Spitzenliga der Küstenorte.

Sie müssen sich mit Kitzbühel, Sylt und St. Moritz vergleichen. Das heißt aber auch, dass ‘ein bisschen besser werden‘ nicht reicht. Sie sollen nicht noch mehr Gäste, sondern die richtigen Gäste, locken“, sagte Feige. Dazu brauche es gute Angebote in der Nebensaison. „Hier können Sie auf der Halbinsel eine Vorreiterrolle übernehmen und andere mitreißen.“

Wie das alles erreicht werden kann, haben die Fachleute von der dwif-Consulting Berlin mit so genannten Lenkungsgruppen in Zingst erarbeitet. Maike Berndt stellte einige Aufgaben und Ideen unter der Überschrift „Zingst 2030“ vor. Beispielsweise schlagen die Gutachter zwei weitere Hotels — statt mehr Ferienwohnungen — vor. Um in der Nebensaison Gäste anzuziehen, brauche der Ort Hotels, die mehr Angebote und Rundum-Pakete bieten — wie in Kühlungsborn oder Binz.

Zudem sollte sich Zingst als erster Ort in MV das Gütesiegel für „Service-Qualität Deutschland“ sichern. Auch in Sachen Mobilität muss investiert werden. Ziele seien den Nahverkehr aufzuwerten und alternative Mobilangebote zu schaffen. Auch eine kostenlose Nutzung von Verkehrsmitteln sei denkbar.

Wichtig sei es für Zingst, zu einer touristischen Marke zu werden. „Das sind Sie noch nicht, aber es gibt gute Ansätze“, sagte Feige. Ein Alleinstellungsmerkmal könne die Fotografie sein, sie sollte jedoch nicht für sich stehen. Daneben könnten die Themen Natur und Gesundheit weiter entwickelt werden.

Wer stehen bleibt, wird überholt. Zingst muss Trends setzen.“Mathias Feige, Geschäftsführer „dwif consulting“
Sehr gute Urlauberzahlen — aber Gäste kritisieren fehlende Parkplätze
„Wir waren ziemlich gut“, mit diesen Worten hat Bürgermeister Andreas Kuhn (CDU) am Donnerstag die Zingster Saisonbilanz 2014 beschrieben. Kurdirektor Peter Krüger sprach von einem „atypischen Jahr“, in dem ein deutliches Plus von 6,9 Prozent bei den Übernachtungen verbucht werden konnte. „Damit liegen wir über dem Landesdurchschnitt“, sagte Krüger. Insgesamt waren es rund 1,68 Millionen Übernachtungen.
Deutlich schwieriger, wie bei vielen Ostseebädern derzeit, sieht es bei der Verweildauer der Urlauber aus. Die lag mal bei etwa acht Tagen im Schnitt, geht aber seit einiger Zeit zurück. Im Jahr 2014 habe Zingst den Wert von 6,1 Tagen immerhin halten können. Ähnlich im Sinkflug ist seit Jahren auch die Auslastung der Betten im Ort, die bereits auf unter 30 Prozent gefallen war. Dieser Trend konnte im vergangenen Jahr aber gestoppt werden. Zingst erreichte wieder einen Wert von 31,4 Prozent. „Mit sehr großem Kraftaufwand“, wie Krüger betonte. Die meisten Urlauber kamen laut Statistik aus Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Niedersachsen und MV.
Für das Tourismuskonzept von Zingst sind außerdem das ganze Jahr über Gäste befragt worden, wie dwif-Beraterin Maike Berndt berichtete. Damit sollten Schwachpunkte des Ortes und die Zufriedenheit der Urlauber herausgefunden werden. Die Gesamtnote von 1,8 könne sich sehen lassen, betonte Berndt. Aber damit sei Zingst auch minimal unter dem Landeswert (1,7). Sehr gute Noten gab es für Atmosphäre/Flair, Sauberkeit, die Tourist-Information, Unterkünfte und Wegeinfrastruktur.
Als Warnsignale bezeichnete Maike Berndt hingegen die Note 3 in den Bereichen Familienfreundlichkeit, Preis-Leistungs-Verhältnis und Angebote für Jugendliche. Ebenfalls negativ fielen die Einschätzungen der Gäste bei den Themen Parkplätze und Öffentlicher Nahverkehr aus. Auch deshalb spielt das Motto Mobilität im Tourismuskonzept eine große Rolle. „Eine Note 3 bei solchen Systemen sind richtig schlechte Werte, da muss also was passieren“, mahnte auch Tourismusexperte Mathias Feige. Die Erwartungen der Urlauber seien hoch, wenn man in der Spitzenliga mitspiele.
vw



Virginie Wolfram

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