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Ribnitz-Damgarten Raubserie aufgeklärt: Polizei schnappt brutale Täter
Vorpommern Ribnitz-Damgarten Raubserie aufgeklärt: Polizei schnappt brutale Täter
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00:00 09.03.2013
Kripo-Chef Achim Segebarth zeigt die sichergestellten Waffen — eine Plastik-Nachbildung und eine Gas-Pistole. Quelle: Fotos: Ove Arscholl
Rostock

Kriminelle Kinder: „Die Arme waren so dünn, dass die Handschellen schlackerten“, erzählt einer der Ermittler. Ungläubig habe der 14-Jährige seine Mutter um Hilfe angefleht, als die Polizei den Jungen von zu Hause abholte. Doch Mama war völlig überrascht angesichts der massiven Tatvorwürfe gegen ihren Sohn, der nun in der Jugendanstalt Neustrelitz einsitzt.

Er gehört zu einer Gruppe von acht Tatverdächtigen im Alter von 14 bis 22 Jahren, die die Rostocker Polizei dingfest gemacht hat. Vier Tatverdächtige (14, 15, 20, 22) wurden festgenommen. Eine Serie von 16 Straftaten, davon acht Raubüberfälle, gehen auf ihr Konto. Dazu kommen Körperverletzungen, Diebstähle und Sachbeschädigungen. Der Sachschaden bei allen Taten belaufe sich gerade mal auf 3500 Euro. „Aber die angewendete Gewalt ist erschreckend“, betont Achim Segebarth, Leiter des Kriminalkommissariats.

Ziemlich brutal wurden die Opfer auf der Straße überfallen, getreten, mit Gasdruckpistolen beschossen, um Handys und Geld zu erpressen. Einem Mann wurden zwei Rippen gebrochen, anderen das Gesicht blutig geschlagen oder durch Schüsse mit Stahlkugeln Verletzungen zugefügt.

Seit September letzten Jahres kam es in der Innenstadt und im Nordosten immer wieder zu ähnlichen Überfällen. Am 20. Januar konnte die Polizei dann drei junge Männer (15, 20 und 22) nach einem Raubüberfall in der Kröpeliner Straße stellen. Sie hatten kurz nach 19 Uhr einen 16-Jährigen angegriffen, zu Boden geschlagen, ihm zwei Handys geraubt, die sie später gegen eine Hauswand warfen.

Nach Hinweisen von Bürgern konnten die Beamten das Trio auf einer Baustelle am Hornschen Hof aufgreifen. Schon in der Nacht zuvor sollen die Schläger zusammen mit dem später verhafteten 14-Jährigen am Neuen Markt einen Rostocker überfallen haben. Mit einer Softairwaffe wurde der 21-Jährige beschossen, man nahm ihm das Bargeld ab.

„Die Tatabstände wurden kürzer, die Täter immer aggressiver“, stellt Polizeisprecherin Yvonne Hanske fest. Als Haupttäter hat die Polizei einen 20-Jährigen ausgemacht, der als „herausragender Intensivtäter“ bekannt ist und erst im September 2012 aus dreijähriger Haft entlassen worden war — der Beginn der Raubserie. „Er hat die Gruppe um sich geschart“, sagen die Ermittler. Die Männer und Jugendlichen kennen sich aus ihrem Wohnumfeld Dierkow/Toitenwinkel. Bei den Taten waren sie zumeist alkoholisiert und spornten sich gegenseitig an: Sie filmten zum Beispiel mit den Handys Gewaltausbrüche gegen Mülltonnen.

Schon die Jüngsten der Gruppe gehen mit viel krimineller Energie vor. So sollen die 14- und 15-Jährigen Mitte Januar einen Mann auf einem Parkplatz am Dierkower Kreuz „abgezogen“ haben. Laut Polizei überraschten sie den 58-Jährigen im Auto, rissen Türen auf, warfen mit Schneebällen. Dann raubten sie die Aktentasche. Ihnen gehören zwei Softairwaffen, die die Polizei beschlagnahmte und durch die die Raubüberfälle für die Justiz besonders schwer wiegen.

Die Polizei geht davon aus, dass mit aller Härte gegen die Räuber vorgegangen werden wird. Dem erwachsenen Täter (22) könnten fünf Jahre Haft drohen, für die Jugendlichen und Heranwachsenden gilt noch das Jugendstrafrecht.

14-Jährige kommen nur selten in Haft
Von mehr als 60 000 Häftlingen in deutschen Gefängnissen waren 2012 nur 581 jünger als 18 Jahre, gerade

einmal zwei waren im Alter des 14-jährigen Straftäters aus Rostock, der derzeit in der Jugendanstalt Neustrelitz dem Haftrichter vorgeführt wird.

Im deutschen Jugendstrafrecht steht der Erziehungsgedanke im Vordergrund, nicht die Bestrafung. Es ist ein Sonderstrafrecht für junge Täter im Stadium zwischen Kindheit und

Erwachsenenalter, das gilt für Jugendliche von 14 bis 18 Jahren und findet zum Teil auch Anwendung bei Heranwachsenden bis 21 Jahren.

2012 gab es in Mecklenburg-Vorpommern 152 Gefangene im Jugendstrafvollzug, bundesweit waren

es 5370 Häftlinge. Personen unter

14 Jahren sind strafrechtlich nicht

verantwortlich.

Doris Kesselring