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Schwof, Klamauk und Politik

Barth Schwof, Klamauk und Politik

Die Gaststätte „Zur Burg“ wird abgerissen. Für die Barther ist es ein Ort mit vielen Höhepunkten ihres Lebens.

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1954: Horst Voller lernte seine Gerdi beim Burg-Tanz kennen.

Barth. Roland Neudert, einst beliebter Sänger von Stimmungs-, Schunkel- und Gefühlsliedern in der DDR, fand sie „einfach grässlich“, die gute alte Burg. So ganz unrecht hatte der Mann aus seiner Sichtweise ja auch nicht. Mit den Garderoben- und Sanitärangeboten war es hinter dem Bühnenvorhang nicht zum Besten bestellt.

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2013: „Viva“ bedeutet „Es lebe . . .“. Doch hier war der Name kein Programm. Die Belebung der Burg nach der Wende misslang.

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Andere Künstler nahmen es gelassener, rockten auf der kleinen Bühne, führten auch klassische Programme auf. Obwohl das hauseigene Klavier eine sehr eigenartige Tonstimmung hatte . . .

Dem Publikum war das zumeist egal. In der Burg konnte man schwofen, hier lernten sich junge und ältere Lieben kennen. Horst Voller zum Beispiel erinnert sich: „Am Himmelfahrtstag 1954 war ich bei der Seepolizei in Parow.“ Seine Truppe unternahm eine Herrenpartie nach Zingst. „Mit der Kleinbahn fuhren wir von Stralsund nach Barth, von da mit dem Schiff nach Zingst.“ Die Rückfahrt war von Barth aus für 20 Uhr angesetzt, doch dann kriegten die Männer mit, dass es in der Burg eine große Tanzveranstaltung gab. Die Vorgesetzten wurden überzeugt, die Rückreise um vier Stunden zu verlegen. Ein Glücksfall für Horst Voller — er lernte Gerdi Blumenstein kennen. „Knapp zwei Jahre später waren wir verheiratet.“

In der Burg lernte der Barther Karneval das Laufen — mit exquisiten Dekorationen und für damalige Verhältnisse toller Lichttechnik —, alles von BCC-Mitgliedern aufgebaut und installiert.

An ganz andere Veranstaltungen erinnert sich Holger Friedrich: „Am 7. Oktober 1989 fand in der Burg die letzte DDR-Republiksgeburtstagsfeier statt. Einen Monat später gab es an gleicher Stelle die wohl größte Einwohnerversammlung, wo Partei und Staatsführung — sprich Rat der Stadt — den Bürgern Rede und Antwort zu aktuellen Themen standen. Was ist mit der Republikflucht? Warum wurde das Schützenfest abgesagt? Wann gibt es Wohnungen?“

Im Mai 1990 konstituierte sich die Stadtvertretung. Über 350 Zuschauer saßen im Saal, als Optikermeister Peter Weinhardt (CDU) Stadtpräsident wurde, seine Stellvertreter waren Edmund Pamataitis (Bund Natur und Umwelt) und Hans Radau (PDS). Bürgermeister wurde Otto Klimmer (SPD) mit 23 Ja- und neun Nein-Stimmen.

Die Zeit in der „Burg“ war dann traurig — es begann ein langsames Sterben. Nun ist das Aus besiegelt.

Gereimte Erinnerungen
Schön, wenn eine kleine Stadt

für jung und alt was zu bieten hat.

Die alte Burg war so ein Gebäude,

hier fand ein jeder seine Freude.

Es wurde getanzt, wurde gelacht, meist bis weit nach Mitternacht.

An der Bar stand Tine Lewerenz.

Zu Fuß kam man

aus Rubitz und Kenz.

Vieles hat die Burg gesehen,

nun muss sie leider von uns gehn.

Eine Gedenktafel muss her —

denn die Burg gibt‘s nicht mehr.

Sind wir auch alle

nicht mehr jung.

Was bleibt, ist die Erinnerung.

Große Politik mit Gregor Gysi
Auch „große Politik“ fand in der Gaststätte „Burg“ in Barth statt. Es sollte daran erinnert werden, dass neben anderen Politikern auch Gregor Gysi, damals Vorsitzender der PDS-Bundestagsgruppe in Berlin, am 20. August 1996 in der „Burg“ zu einem politischen Forum weilte. Mit dem Werbespruch „Gysi kommt“ weilte er damals im Löwenschen Saal des Stralsunder Rathauses, hatte etwa 200 Gäste am Nachmittag in Zingst, die gleiche Besucherzahl in der Barther Burg und etwa 180 Besucher am nächsten Tag in Dierhagen.

Dieter Flechsig

Über 1000 Lehrlinge erlernten hier ihren Job
In den fünfziger Jahren ging ich in die Burg ins Kino — im kleinen Saal in der oberen Etage. Es befand sich auch ein Kassiererkabinett im Vorraum. Aus diesem Kinosaal wurde in den sechziger Jahren die Ausbildungsstätte des HO-Kreisbetriebes. Hier begann 1971 meine Tätigkeit als Ausbilderin. Alle Berufe des Einzelhandels erhielten hier ihre Lehrunterweisungen.

Anfangs waren wir drei Mitarbeiter. Mit der Zahl der Lehrlinge stieg auch die Zahl der Ausbilder, so dass wir zeitweise zehn Ausbilder und eine Sekretärin waren. In den 20 Jahren, in denen ich dort gearbeitet habe, sind über 1000 Lehrlinge ausgebildet worden. Noch heute sehe ich in vielen Bereichen ehemalige Lehrlinge, die ihren Mann stehen.

Auch der sogenannte Kulturraum wurde vielfach von uns für die Ausbildung genutzt. Nach 1990 fand in den Räumen der Unterricht einer Firma statt.

Heute sage ich: Es waren keine Idealbedingungen in den Räumlichkeiten, aber Not macht erfinderisch und wir haben versucht, das Beste daraus zu machen, um den Jugendlichen eine Zukunft zu geben.

Bemerken will ich noch, dass ich an meinem 20. Geburtstag meinen Mann in der Weinstube kennengelernt habe. Das war vor 55 Jahren. Gern denke ich an die „Burg“. Sie war viele Jahre mein Lebensmittelpunkt.Ingrid Bandlow

Die ‘Burg‘ war viele Jahre mein Lebensmittelpunkt.“Ingrid Bandlow, damals Leiterin

der HO-Ausbildungsstätte

Christa Lückemann (Jhrg. 1947) Hans-Joachim Meusel

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Barth
In wenigen Wochen wird es die große Tanzgaststätte „Zur Burg“ in Barth (Vorpommern-Rügen) nicht mehr geben. Das Gebäude, das in den vergangenen Jahren langsam verrottete, wird abgerissen.

Die beliebte Tanzgaststätte in Barth (Vorpommern-Rügen) wird abgerissen. Viele Menschen in der Region haben schöne Erinnerungen daran.

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