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Ribnitz-Damgarten Unliebsame Passagen bei Arndt gestrichen
Vorpommern Ribnitz-Damgarten Unliebsame Passagen bei Arndt gestrichen
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00:00 23.10.2017
Greifswald

Die SED hat sich in den 1950er-Jahren im Kampf gegen Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) der Helden der Befreiungskriege wie Scharnhorst, Gneisenau, Jahn und Arndt bedient. Das weist der Greifswalder Professor für Geschichte der Neuesten Zeit, Thomas Stamm-Kuhlmann, in einem Aufsatz in Heft 6 der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Jahrgang 2017, nach.

In „Die Befreiungskriege in der Geschichtspolitik der DDR“ geht er ausführlich auf die 1950er-Jahre ein. Seit 1954 führte die Greifswalder Uni wieder offiziell den Namen Ernst-Moritz-Arndt-Universität. In der Begründung ihres Antrags hatte man – wie zeitgenössisch üblich – auch den Klassiker Lenin zitiert. Dieser hatte Arndt zu den besten Männern Preußens gezählt.

Wie Stamm-Kuhlmann schreibt, verfolgte Stalin, gestützt auf Lenin, die Linie, dass die Sowjetunion dem „noch nicht gänzlich von der Bourgeoisie und dem Imperialismus gesäuberten Land in seinem Kampf gegen die drei westlichen Besatzungsmächte“ beizustehen hatte. Die „Geschichte der Überwindung Napoleons (bot) symbolisches Kapital, dass man in der DDR einsetzen wollte, auch wenn der Feind nicht mehr Napoleon, sondern NATO hieß.“ Kanzler Adenauer setzte bekanntlich auf die Westbindung der BRD. DDR-SED-Chef Walter Ulbricht bezeichnete dessen Kabinett als Vasallenregierung, die gestürzt werden müsse. Damit Arndt in die Traditionslinie passte, wurden unliebsame Passagen in seinem Werk gestrichen. In der 1953 in Rudolstadt gedruckten Autobiografie „Erinnerungen aus dem äußeren Leben“ fehlen 93 der 400 Seiten des Originals. Gestrichen wurden alle Passagen, „in denen sich Arndt feindselig gegenüber Russland geäußert hatte.“ Äußerungen wie „Je reiner ein Volk, je besser, je vermischter, je bandenmäßiger“ (Deutsches Volkstum) seien ignoriert worden.

Eine besondere Rolle bei der Reklamierung des Erbes der Befreiungskriege für die DDR spielte Albert Norden, der dazu im November 1952 in Leipzig einen programmatischen Vortrag hielt. Im März desselben Jahres hatte Stalin den westlichen Siegermächten einen Friedensvertrag mit einer gesamtdeutschen Regierung vorgeschlagen. Adenauer sah darin einen Versuch, die Übereinkunft („Deutschlandvertrag“) zu verhindern, durch die die Bundesregierung im Austausch gegen den Beitritt zur Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG) die Souveränität bekommen sollte, führt Stamm-Kuhlmann aus. Der Vertrag wurde im Mai unterzeichnet.

In der Logik der DDR-Führung wären die bundesdeutschen Soldaten in der EVG eine Kopie der deutschen Kontingente in der Armee Napoleons gewesen, die 1812 in Russland einmarschierte. Frankreich ratifizierte indes den EVG-Vertrag nicht. Dieser Konflikt wurde durch den Beitritt der BRD zur Westeuropäischen Union und zur NATO gelöst.

Info: Die Zeitschrift steht in der Freihandbliothek in der Loefflerstraße .

eob

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