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Volle Kisten für bescheidenes Glück

Bad Sülze Volle Kisten für bescheidenes Glück

Einmal pro Woche machen sich die Helfer der Bad Sülzer Tafel auf den Weg, Bedürftige in den Dörfern der Region mit Lebensmitteln zu versorgen

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Sandra Braatz überreicht Jürgen Grünheid eine Kiste voller Lebensmittel. Der 54-Jährige lebt in Kavelsdorf und kümmert sich um seine 82-jährige Mutter. FOTOS (3): ROBERT NIEMEYER

Bad Sülze. Als müsste das Klischee erfüllt werden. „Hier kommt ein richtig harter Fall“, sagt Krystian Wegner und steigt aus dem kleinen Transporter der Bad Sülzer Tafel.

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Einmal pro Woche machen sich die Helfer der Bad Sülzer Tafel auf den Weg, Bedürftige in den Dörfern der Region mit Lebensmitteln zu versorgen

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Umgekippte Eimer, Waschmaschinen, Kühlschränke, herumliegender Müll, im hinteren Bereich des matschigen Grundstücks meckern ein paar Ziegen, am Wohnhaus bröckelt der Putz.

Sandra Braatz öffnet die Heckklappe des Wagens, zieht eine Kiste voller Lebensmittel heraus. Niemand öffnet, kein Geld ist hinterlegt. Trotzdem: Die Hilfe soll ankommen. Braatz und Wegner lassen die volle Kiste vor der Tür stehen. Kassiert wird dann halt beim nächsten Mal.

Braatz und Wegner gehören zum Team der Bad Sülzer Tafel, das Woche für Woche Bedürftige in den Dörfern der Region mit Lebensmittelspenden beliefert. Wer nicht mobil ist, trotzdem Hilfe benötigt, den versorgt der Bringdienst der Tafel. Obst, Gemüse, Wurst, Käse, Schokolade – was auch immer die eingeworbenen Spenden der vielen Lebensmittelhändler einbringen, wird verteilt. „Aber wir sind nicht dafür da, sie zu füttern. Wir unterstützen nur, schließen gewisse Lücken“, sagt Krystian Wagner.

Seit vier Jahren ist Sandra Braatz dabei. Über ihren Lebensgefährten kam die 43-Jährige zur Bad Sülzer Tafel, derzeit im Bundesfreiwilligendienst. Wenn diese Zeit endet, will sie trotzdem irgendwie weitermachen. Vorher war sie unter anderem über eine Leiharbeitsfirma Reinigungskraft bei der Bundeswehr. Vor allem ihre Tochter, die in die zehnte Klasse geht und bald eine Lehre beginnen möchte, soll einen guten Start ins Berufsleben haben. Das kostet natürlich. Ein eigenes Auto kann sich Braatz nicht leisten. „Das Geld ist knapp“, sagt Braatz, die ebenfalls Hartz IV bekommt.

Geld steht nicht an erster Stelle

Tatenlos zu Hause rumsitzen möchte sie trotzdem nicht. Mit einem Lächeln im Gesicht öffnet Jürgen Grünheid seine Haustür, als Sandra Braatz klingelt. Der 54-Jährige war Landschaftsgärtner, jetzt lebt er von Hartz IV, kümmert sich außerdem um seine 82-jährige Mutter. „Es ist gut, dass es diese Unterstützung gibt. Viele haben ja nicht genug Geld“, sagt Grünheid. Ein herzlicher Empfang, ein kurzer Plausch, ein lockerer Spruch – die Stimmung ist gut an diesem grauen Januar-Morgen.

„Die Menschen sind bescheiden. Sie sind glücklich. Sie müssen nicht jedes Wochenende zu McDonalds gehen“, sagt Krystian Wegner. Viele, gerade Ältere, hätten während ihres Arbeitslebens genug aufgebaut, besitzen oft ein eigenes Haus. „Das sind gestandene Leute. Die haben alles. Geld steht hier nicht mehr an erster Stelle“, sagt Krystian Wegner.

Seit 2010 engagiert sich der 56-Jährige bei der Tafel. „Ich hab gedacht, ich mache mal was Vernünftiges, anderen Menschen helfen“, sagt Krystian Wegner. 2008 verlor er seinen Job, war bis dahin als Vorarbeiter zumeist auf Montage. Nach einem Jahr ABM in einem Sozialladen in Ribnitz ging er als Ein-Euro-Jobber zur Bad Sülzer Tafel. „Ich war von Anfang an begeistert. Ein tolles Team. Und die Hilfe kommt da an, wo sie gebraucht wird.“ 100 Euro legt er monatlich zurück. „Für meine Zwillinge, um ihnen zum Beispiel zum Geburtstag etwas Schönes kaufen zu können.“

Auspacken, putzen, einpacken

Um sieben Uhr morgens beginnt der Einsatz. Die Spenden abladen, Gemüse kontrollieren und putzen, Lebensmittel sortieren, in Kisten packen. Eine Stunde ist Zeit, die Tour vorzubereiten. Bis zu 30 Lebensmittelkisten laden die Tafel-Mitarbeiter dann in die verschiedenen Transporter. Um acht geht es los, noch eine Zigarette, dann schwärmen sie aus. Vier Touren werden gefahren. Sandra Braatz und Krystian Wegner sind heute im Bereich Eixen/Semlow unterwegs. Sechs mal halten sie an. Auch in den Regionen Tessin, Ribnitz-Damgarten und auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst beliefert der Bringdienst der Bad Sülzer Tafel Bedürftige.

50 Cent Aufschlag

Einmal pro Woche bekommen die Bedürftigen Besuch von den Helfern der Bad Sülzer Tafel. Normalerweise kostet das Verpflegungspaket an den festen Ausgebestellen 1,50 pro Person. Kommt der Bringdienst, kostet es 50 Cent mehr. „Wir können nicht jeden Wunsch erfüllen“, sagt Sandra Braatz. Im Winter gibt es mehr Wurst, im Sommer mehr Gemüse. Doch gerade im Sommer, wenn die Urlauber mit all ihrer Kaufkraft in der Region sind, gehen die Spenden zurück.

Dankbar nehmen Diana und Heiko Müller ihre Kisten entgegen. Die Geschwister haben den Transporter bereits vor ihrem Wohnblock in Kavelsdorf erwartet. „Ich bin so froh über die Hilfe. Das ist wunderbar“, sagt die 49-Jährige. Seit 1991 ist sie arbeitslos, war bis dahin Gärtnerin, „Gurkenschlosserin“, wie sie sagt. ABM, Ein-Euro-Jobs, mehr war seitdem nicht zu holen in dem kleinen Dorf.

„Aber wir wollen hier nicht weg. Wir sind hier aufgewachsen“, sagt Heiko Müller.

Vor allem mit der Wende hätte sich auf dem Land vieles verändert. Betriebe brachen weg, damit auch Jobs, wer nicht wegziehen wollte oder konnte, blieb oft auch ohne Job. „Zu DDR-Zeiten waren die Sorgen nicht so groß. Jedes Dorf hatte einen Konsum, einen Kindergarten. Und die Menschen konnten arbeiten. Sie haben zwar nicht viel verdient. Aber das Geld reichte zum Leben“, sagt Krystian Wegner.

Mehr als Lebensmittel

Seit ein paar Jahren ist Ramona Lassarzig arbeitslos. Das Geld ist knapp. Ihr Hartz IV-Antrag wird noch bearbeitet. 130 Euro bekommt sie für einen kleinen Job. Ihr Mann ist Rentner. Zusammen haben sie im Monat etwa 860 Euro zur Verfügung. „Das ist nicht viel“, sagt die 56-Jährige.

Braatz und Wegner sind an diesem Morgen etwas unter Zeitdruck. Um 9 Uhr müssen sie in Semlow sein, wo sich eine der sieben Ausgabestellen der Bad Sülzer Tafel befindet. Doch mehr als Kiste abliefern und Geld kassieren soll schon drin sein. „Wir helfen nicht nur mit Lebensmitteln. Es geht auch ums Reden, nach Sorgen fragen“, sagt Krystian Wegner. Viele, gerade ältere, einsame Menschen, würden sich freuen, die Helfer der Tafel zu sehen. „Zwei, drei Minuten reichen da schon aus“, sagt Sandra Braatz, „und wir freuen uns auch, die Leute wiederzusehen, zu sehen, dass es ihnen gut geht.“

Robert Niemeyer

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