Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Ribnitz-Damgarten Vom Hafenort zur Künstlerkolonie
Vorpommern Ribnitz-Damgarten Vom Hafenort zur Künstlerkolonie
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
05:48 09.03.2018
Ahrenshoop: Ostseebad mit dem Markenzeichen Kunst und Kultur. Quelle: Fotos: Susanne Retzlaff

Ein Bäcker, ein aktiver Fischer, ein paar Geschäfte, Cafés, Restaurants, kleine Pensionen, große Hotels, schmucke Ferienhäuser, die Reha-Klinik und dazwischen immer wieder Werkstätten, Ateliers und Galerien, die zeitlose und zeitgenössische Kunst zeigen, Keramik, Kunsthandwerk und Kreativ-Kurse anbieten. Beim alljährlichen Jazzfest tanzen die Sommergäste auch einmal auf der Bäderstraße und auf der jährlichen Auktion in der Strandhalle erzielen Gemälde beachtliche Preise. Langen Nächten der Kunst und des Films folgen helle Literatur- oder Kammermusiktage. Kultur wird groß geschrieben im Ostseebad, das einen Ruf zu verteidigen hat.

Auf der Dorfstraße flanierten damals noch Kühe. Marianne Clemens (105) Enkelin von Otto Kaysel

Parallelgesellschaft

Doch, es gab ein Ahrenshoop lange bevor die Künstler das Dorf „kolonialisierten“. 1311 erstmals urkundlich erwähnt, wuchs das etwas nordöstlich am Meeresarm „Loop“ gelegene „Arneshoop“ zu einem so beachtlichen Hafen heran, dass Pommernherzog Bogislaw VI. es 1392 zu einer richtigen Handelsstadt ausbauen wollte. Aus Angst vor Konkurrenz machten die Rostocker Patrizier die Pläne zunichte und ließen den aufstrebenden Hafen zerstören. Von Wald und Wasser umgeben erscheint „Arnshop“ um 1578 auf einer Karte von Magister Tilemann Stella aus Siegen. 1648 bis 1815 schwedisch wurde Mitte des 18.

Jahrhunderts die Seefahrt Haupterwerbszweig der Ahrenshooper, vor Landwirtschaft und Fischerei. Der „Schifferberg“, mit über 14 Metern höchster Gipfel im Dünendorf, erinnert an die Ansiedelung auswärtiger Schifferfamilien. Immer wieder aber zerstörten Feuer und Fluten Ställe und Katen 1896 war der Jurist Otto Kaysel, Senator aus Ludwigslust, einer der ersten Städter, die ein „Ferienhaus“ mitten in Ahrenshoop erwarben. „An der Müritz gab es ihm inzwischen zu viele Schickimickis“, sagt dessen Enkelin Marianne Clemens und schmunzelt. Sie feierte im November 2017 ihren 105. Geburtstag und ist als Tochter eines „Malweibes“ fast Zeitzeugin der Künstlerkolonie, die Ahrenshoop berühmt gemacht hat.

Kaysels Kate sollte aber auch solides Heim für seine Tochter Ottilie (genannt „Otty“) sein, die sich in den Kopf gesetzt hatte, Malerin zu werden. Weil ihr als Frau die akademische Ausbildung versagt blieb, wollte sie bei Paul Müller-Kaempff in die Lehre gehen und das Haus wurde so auch Treffpunkt der im Dorf lebenden Künstler. „Die hatten ja nicht viel und waren auch nicht überall gleich willkommen“, erklärt Marianne Clemens.

Freundliche Übernahme

Die Malerin und Grafikerin Anna Gerresheim verbrachte bereits ihre Ferien in Ahrenshoop, als der junge Müller-Kaempff bei einer Wanderung 1889 das lauschige Fischerdorf in den Dünen für sich entdeckte. Das Ende der Welt sei Ahrenshoop damals gewesen, beschreibt Malerkollege und Bürgermeister Hans Götze, noch nicht einmal eine Straße habe zum Dorf geführt, Kühe liefen zwischen den Häusern umher und die Leute waren arm. Müller-Kaempff gründete 1892 mit Gleichgesinnten eine Künstlerkolonie und zwei Jahre später in der Dorfstraße die Malschule St. Lucas, in der auch seine Schülerin Otty Kaysel einiges Talent bewies.

Unterdessen fertigte die Ahrenshooper Bevölkerung im Auftrag und nach Vorlage der Künstler zwar kunstgewerbliche Arbeiten an, ein willkommener Nebenverdienst, doch zu Zeichenstift oder Pinsel griff sie eher selten. Eine der wenigen Ausnahmen war Alfred Krohn aus dem Grenzweg. 1890 stürzte der damals 16-Jährige in Übersee von einem Schiffsmast, musste die Seemannskarriere aufgeben und statt auf Schneider oder Schuster umzusatteln, wie in solchen Fällen üblich, half er auf dem Feld oder beim Fischen und begann zu zeichnen. Seine „Mühle in Ahrenshoop“ hängt im Kunsthistorischen Museum Rostock.

Die recht emanzipierten „Malweiber“, die mit ihrer Ausrüstung und eher bequemen Kleidung – meist ohne Mieder – durch die Landschaft zogen, sorgten für Gesprächsstoff. Manch schaulustiger Intellektueller war neugierig geworden und ließ sich, wie immer mehr Badegäste, in das bis dahin so abgeschiedene Dorf locken. So hatte sich der junge Rechtsanwalt Dr. Rudolf Ziel aus Leipzig einfach vorgenommen, Otto Kaysel zu heiraten. „Auf Wunsch der Künstler hatten die Dorfkinder Waschwannen voller Sumpfdotterblumen gepflückt, mit denen sie das Haus und die Kirche in Wustrow schmückten“, erzählt Marianne Clemens von der Hochzeit ihrer Eltern im Mai 1910.

Regelmäßig, meist mehrmals im Jahr, reiste die wachsende Familie nach Ahrenshoop. „Ich habe gern im Sand gebuddelt und in der Ostsee gebadet, damals ein großes Ungeheuer. Ich glaube, das hätten die Einheimischen nie getan“, erinnert sich Marianne Clemens auch an klamme Betten, feuchtes Holz und nasse Keller, wenn sie nach ein paar Monaten Leipzig in ihre Kate an der Küste zurückkehrten. Und sie erinnert sich an die Fischer in ihren Holzbooten mit den braunen Segeln. „Und auf der Dorfstraße flanierten damals noch Kühe.“

Susanne Retzlaff

Mehr zum Thema

Das aktuelle Kalenderblatt für den 5. März 2018

05.03.2018

Das aktuelle Kalenderblatt für den 6. März 2018

06.03.2018

Flaschenpost - was für ein herrliches altmodisches Ding. An einem Strand in Australien taucht jetzt eine Nachricht aus Deutschland von 1886 auf. Die Experten sind sich sicher, dass sie echt ist. Länger war solche Post wohl noch nie unterwegs.

06.03.2018

Drei Handball-Duelle werden in Ribnitz ausgetragen

09.03.2018

Motor-Kraftsportler bestreiten morgen zweiten Bundesliga-Wettkampf

09.03.2018

Ahrenshoop verändert sich rasant, registrieren Alteingesessene, auch mit gewisser Sorge.

09.03.2018
Anzeige