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Ribnitz-Damgarten Fläche für Mais und Raps halbieren
Vorpommern Ribnitz-Damgarten Fläche für Mais und Raps halbieren
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12:35 11.01.2019
Wo Wege waren sind wie hier in der Umgebung von Greifswald heute häufig nur noch Felder Quelle: Nabu
Vorpommern

 Die intensive Landwirtschaft, flächendeckender Pestizideinsatz, die Nutzung der Felder bis an die Wegekante, das Umpflügen von Wegen und Monokulturen haben in den letzten Jahren zu einem drastischen Rückgang der Insekten in Deutschland geführt. „Ihre Biomasse hat in den letzten Jahren um bis zu 75 Prozent abgenommen“, sagte der Göttinger Professor Christoph Leuschner bei seinem Vortrag „Stummer Frühling auf dem Acker - Wird Rachel Carson’s Prophezeiung zum Artenschwund wahr?“ im Greifswalder Krupp-Kolleg. Die Amerikanerin hatte schon 1962 in ihrem Buch „Der stumme Frühling“ vorhergesagt, dass Schädlingsbekämpfungsmittel so viele Insekten vernichten, dass viele Vögel kein Futter mehr finden. Darum werde in der Zukunft kein Vogel mehr mit seinen Liedern den Frühling begrüßen können.

Es ist der Preis einer hochproduktiven Landwirtschaft mit riesigen Raps- und Maisfeldern sowie massenhaftem Dünger- und flächendeckendem Pestizideinsatz insbesondere bei Mais, Rüben, Raps und Wintergetreide. „Jede Steigerung des Weizenertrags um eine Tonne je Hektar bedroht den Bestand von weiteren zehn Ackerwildkräutern“, so der Professor. Auch Vielfalt der angebauten Feldfrüchte ging drastisch zurück. Schon 2009 dominierte Wintergetreide mit etwa 60 Prozent vor Ölfrüchten, die noch in den 1960er Jahren nur eine geringe Rolle spielten.

Zunächst ist festzuhalten, dass konkrete Zahlen zur Abnahme von einzelnen Insekten für bestimmte Gebiete und ein quantitativer Vergleich der Population der einzelnen Arten bei unterschiedlichen Bewirtschaftungsformen Mangelware sind. Auch ist die Zahl derjenigen, die die großteils sehr kleinen Tiere bestimmen können, überschaubar. In der Datenbank der Blattkäfer Mecklenburg-Vorpommerns sind knapp 10.000 Arten verzeichnet.

Blühende Rapsfelder sind schön, aber bieten nicht so vielen Arten Lebensraum Quelle: E-Mail-LN-Lauenburg

Extensiver Raps- und Maisanbau verringert Artenvielfalt drastisch

Im Kreis Vorpommern-Greifswald gibt es eine rühmliche Ausnahme. Seit 2000 läuft bei Kühlenhagen auf etwa 15 bis 20 Hektar ein Versuch, den zunächst das Bundesforschungsministerium und dann die Energiewerke Nord als Kompensation für einen Natureingriff bezahlten. „Auf den Extensiv-Parzellen konnte mindestens das Doppelte der typischen Acker-Käfer gegenüber den konventionell bewirtschafteten Flächen nachweisen“, verdeutlicht der Etmologe Holger Ringel das Ergebnis. Er ist Käferspezialist. Nur auf dem Extensivacker kämen beispielsweise die Sand-Dicknase, der Sand-Kleinrüssler oder der 16-Punkt-Marienkäfer vor. In erster Linie hängt deren Vorkommen vom Vorhandensein der Wirtspflanzen ab. „Auf den konventionell bewirtschafteten Flächen mit Mais- und Rapsanbau leben nur die üblichen Verdächtigen wie die Getreidehähnchen. Von Artenvielfalt kann keine Rede sein.“ Heißt nichts anderes, als dass alle Arten, die sich auf bestimmte Pflanzen als Nahrungsquelle spezialisiert haben, das Nachsehen haben.

Einen Moschusbock auf einer Doldenblüte auf Nahrungssuche Quelle: E-Mail-OZ-Leserbriefe

Nabu kritisiert Greifswalder Bürgerschaft

In Vorpommern gibt es eine Reihe von Initiativen, die daran arbeiten, dass Carsons Prophezeiung nicht wahr wird. So setzt sich die Greifswalder Finc-Stiftung mit Partnern dafür ein, dass historische Wege im Umfeld der Hansestadt wiederhergestellt werden. Die Flora der Wegränder bietet Lebensraum für viele Pflanzen und Insekten. Als Vorzeigeprojekt gilt die Greifswalder Agrarinitiative, in der sich die größten institutionellen Landeigentümer aus Greifswald und dem Umland zusammengeschlossen haben. Seit 2013 arbeiten auf Anregung der Succowstiftung die Verpächter Uni und Stadt Greifswald, Nordkirche, Peter-Warschow-Stiftung und die Pächter gleichberechtigt an Leitlinien für eine nachhaltige Landwirtschaft. Cosima Tegetmeyer vom Nabu ist indes sehr enttäuscht, dass die Bürgerschaft 2018 den Einsatz von Glyphosat auf städtischen Flächen nicht verboten hat. „Das zementiert den jetzigen Zustand“, kritisiert sie. Tegetmeyer fordert darum ein Mitspracherecht der Naturschutzverbände.

Der Bestand der Feldlerchen ist stark geschrumpft Quelle: dpa

Nachhaltigkeitspreis für Zinzower Landwirt

„Ökolandbau ist besser, aber nicht perfekt“, sagt Christoph Leuschner. Er verweist dazu auf das Projekt „Franz“, das 2018 den deutschen Nachhaltigkeitspreis Forschung gewonnen hat. Hier arbeiten die Umweltstiftung Michael Otto und der Deutsche Bauernverband zusammen. Daran beteiligt ist mit Marco Gemballa, dem Chef der Agrargenossenschaft Zinzow, ein Landwirt aus Vorpommern-Greifswald. „Das Projekt zeigt in zehn Demonstrationsbetrieben, dass eine moderne, leistungsfähige Landwirtschaft mit dem Erhalt der biologischen Vielfalt vereinbar ist“, heißt es in einer Presseerklärung. Gemballa und Co. legen beispielsweise auf fünf bis zehn Prozent der Fläche Blühstreifen und Blühflächen an, mischen blühende Untersaaten in Getreidefelder oder lassen kleine Flächen frei, in denen Feldlerchen und Kiebitze brüten können.

Bürger und Bauern gemeinsam für Blühflächen

Greifswald verweist beispielsweise auf die 5000 Quadratmeter Wildblumenwiesen, die in diesem Jahr an Straßen angelegt wurden. Olaf Manzke, der Sprecher des Landkreises Vorpommern-Rügen, sieht seine Region auf gutem Weg. Er erinnert an eine ganze Reihe gemeinsamer Initiativen von Bauern und Bürgern. „In unserem Kreis vervierfachte sich die Blühflächen und Blühstreifen von 2015 bis 2018“, sagt er. „Allein in der Gemeinde Sundhagen sind beispielsweise 4,5 Hektar Blühwiesen in Zusammenarbeit von Bauernverband, Ehrenamtlichen und Landwirten, die auch die Technik zur Verfügung stellten, entstanden.“ In Papenhagen existierten nach Auskunft eines Landwirts sogar 15 Hektar Blühweiden. Eine in Pöglitz angelegte Blühfläche habe eine Auszeichnung des Nabu bekommen, nennt Manzke noch ein Beispiel.

Kornblumen und Klatschmohn bieten vielen Insekten Lebensraum Quelle: dpa-Zentralbild, Stefan Sauer

Professor: Mehr Geld und mehr Fläche nötig

Für Christoph Leuschner steht fest: Damit Carsons Prophezeiung nicht wahr wird, sind mehr Fläche und mehr Geld nötig. Darum ist auch die Agrarpolitik gefordert, damit die Landwirte ohne Existenzgefährdung umsteuern können. „Es müssen Ausgleichszahlungen in ausreichender Höhe bereitgestellt werden“, verdeutlicht der Professor. „Wir brauchen im Intensivgrünland fünf Prozent ökologischer Vorrangflächen“, sagt er. Beim Ackerland plädiert Leuschner für zunächst mindestens sieben Prozent Flächen mit einer Bewirtschaftung, die die Biodiversität fördert. Außerdem müsste die Anbaufläche von Energiepflanzen wie Mais und Raps halbiert werden.

Eckhard Oberdörfer

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