Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Ribnitz-Damgarten Umstrittene Abschiebung: Wann ist eine Fachkraft eine Fachkraft?
Vorpommern Ribnitz-Damgarten Umstrittene Abschiebung: Wann ist eine Fachkraft eine Fachkraft?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:08 26.09.2018
Vladyslav Sereda würde mit seiner Familie gerne in Ribnitz-Damgarten bleiben. „Deutschland ist jetzt unsere Heimat. Wir fühlen uns wohl hier“, sagt der 40-jährige Ukrainer. Quelle: Robert Niemeyer
Ribnitz-Damgarten

„Wenn ich und meine Familie in die Ukraine zurückkehren müssen, dann wäre das schlimm und traurig, weil mein Papa in den Krieg soll und da kann er auch getötet werden.“ Zeilen aus einem Brief Davyd Seredas an die Ausländerbehörde des Landkreises Vorpommern-Rügen. Zeilen eines elfjährigen Jungen, der das Leben in seiner neuen Heimat eigentlich nur genießen möchte. Zeilen eines Jungen, der trotzdem in großer Angst lebt, Angst, seinen Vater zu verlieren.

„Er kann alles“

Abermals droht einer offenbar gut integrierten Flüchtlingsfamilie in Ribnitz-Damgarten die Abschiebung. Abermals herrscht Unverständnis über diesen Schritt. Davyd Sereda, achte Klasse, Abschlussnote 1,1, ausgezeichnet mit dem Bernsteinpreis der Bernsteinschule. Ilja Sereda, 13 Jahre, besucht das Gymnasium, tanzt, wie sein Bruder, beim Folklore-Ensmble Richard Wossidlo. Mutter Vita Selenchuk-Sereda, 36 Jahre alt, arbeitet in der Jugendherberge in Ribnitz. Und schließlich Vladyslav Sereda, 40 Jahre alt. Er arbeitet für die Firma Rosengart & Elektro Vagt.

„Er kann alles, er bräuchte keine Ausbildung“, sagt Firmenchef Roland Vagt über seinen Mitarbeiter, den er sehr gerne behalten würde „Er kann alleine arbeiten, er weiß, was zu tun ist. Er ist eine Fachkraft.“

Das sehen andere Behörden anders. Vor allem die Agentur für Arbeit. Denn eigentlich sei mit der Ausländerbehörde bereits alles geregelt gewesen. Der mögliche Weg: Die ukrainische Familie reist aufgrund des abgelehnten Asylantrags freiwillig aus. Und mit Vladyslav Sereda als anerkannte Fachkraft reist sie wieder ein, diesmal ohne Asylverfahren, sondern ganz offiziell mit Arbeitsvisum.

Doch während die Ausländerbehörde Seredas einjährige, ukrainische Ausbildung zum Elektrohelfer anerkennt – wenngleich auch nur als Ablehnungsgrund – ist er für die Agentur für Arbeit nach deutschem Recht offenbar nicht qualifiziert genug, um eine Fachkraft zu sein. Eine Rückreise mit Arbeitsvisum sei deshalb nicht möglich. Ein juristisches Dilemma.

Bis zum 12. Oktober gilt die Ausreisefrist für die Familie. „Doch auch jetzt droht schon die Abschiebung“, sagt Margitta Berg. Die Ribnitz-Damgartenerin kümmert sich ehrenamtlich als Beistand um die Familie, hilft ihr unter anderem bei Behördengängen.

Familie oft getrennt

2015 kam die ukrainische Familie nach Deutschland. Doch die Odyssee begann viel früher. 2010 verlor Vladyslav Sereda seinen Job. Und weil er in seinem Heimatland keinen neuen fand, ging er nach Moskau, wo er drei Jahre lang als Elektriker und Trockenbauer gearbeitet hat. Eine harte Zeit für die Familie. „Ich habe meine Familie selten gesehen. Die Kinder wuchsen ohne mich auf“, erzählt der heute 40-Jährige. Drei Monate war er in Moskau, länger durfte er aus rechtlichen Gründen nicht am Stück in Russland arbeiten. Dann war er jeweils für zwei bis drei Wochen zu Hause, dann ging es wieder für drei Monate nach Moskau.

Die Idee, nach Deutschland auszuwandern, entstand im Herbst 2014 bei einem Besuch bei Verwandten in Oldenburg in Niedersachsen. „Wir wollten keinen Asylantrag stellen, sondern ein Arbeitsvisum beantragen“, sagt Sereda. Doch dafür hätte er einen Arbeitsvertrag mit einem deutschen Unternehmen vorlegen müssen. Konnte er nicht. Stattdessen erhielt er ein Arbeitsvisum in Polen.

Die Militärpolizei an der Tür

Während er dort arbeitete, klingelte die ukrainische Militärpolizei zu Hause bei seiner Familie. Sereda sollte eingezogen und in den seit 2014 andauernden Krieg in der Ostukraine geschickt werden. „Ich habe die Tür nicht geöffnet. Ich hatte jedes Mal Angst. Ich war allein mit zwei kleinen Kindern“, berichtet Vita Selenchuk-Sereda.

Das polnische Arbeitsvisum ihres Mannes lief sechs Monate und wurde nicht verlängert. Der Weg zurück in die Ukraine kam nicht infrage. Da fiel die Entscheidung, in Deutschland einen Asylantrag zu stellen. „Wir wollten einfach wieder zusammen sein“, sagt die 36-Jährige.

In Deutschland konnten sie das. Und die Familie tat, was sie konnte, um hier anzukommen. Deutsch lernen, Arbeit suchen und finden, Vereinsmitgliedschaften, die Kinder, die an den Schulen mit sehr guten Leistungen glänzen. Doch möglicherweise reichen diese Anstrengungen, sich zu integrieren, nicht aus. „Deutschland ist jetzt unsere Heimat. Wir fühlen uns sehr wohl“, sagt Vladislav Sereda.

Und er wird gebraucht. „Der Fachkräftemangel ist allgegenwärtig“, sagt Roland Vagt, „und viele Deutsche wollen sich nicht mehr die Finger schmutzig machen. Wenn Herr Sereda weg ist, finde ich keinen Ersatz“, sagt der Firmenchef, der für das Handeln der Behörden wenig Verständnis hat. Auch die Mitschüler der beiden Söhne haben sich eingesetzt, unter anderem Briefe an die Ausländerbehörde geschrieben.

Die Zeit läuft ab

Wie es mit der Familie weitergeht, ist offen. Der Asylantrag wurde abgelehnt. Eine Duldung, die aufgrund einer begonnenen Ausbildung möglich gewesen wäre, ebenfalls. Im März hatte Sereda eine Ausbildung bei Rosengart & Vagt begonnen, musste sie aufgrund der Ablehnung jedoch nach sechs Wochen wieder abbrechen, weil er, so die Begründung, aufgrund seiner einjährigen Lehre zum Elektrohelfer in der Ukraine bereits eine Ausbildung habe.

„Am 4. November 2017 haben wir gegen diese Entscheidung Widerspruch eingelegt. Bis heute gibt es darauf keine Reaktion“, sagt Margitta Berg, die befürchtet, dass der Fall einfach ignoriert werde und die Familie einfach abgeschoben wird. Berg: „Die Zeit läuft davon.“

Robert Niemeyer

Motor-Kraftsportler überzeugt im Bankdrücken

26.09.2018

Zweitliga-Volleyballer bezwingen den hoch gehandelten FC Schüttorf mit 3:0

26.09.2018

Für den Bau der Behelfsbrücke über das A-20-Loch bei Tribsees trafen am Dienstag die ersten Stahlsegmente ein - OZ-Reportage von der Baustelle. Spätestens Anfang Dezember soll dort der Verkehr rollen.

26.09.2018