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Wenn man es zu Hause nicht mehr aushält

Stralsund Wenn man es zu Hause nicht mehr aushält

460 Meldungen zum Verdacht von Kindeswohlgefährdungen gab es 2012 in Vorpommern-Rügen. Die meisten Anrufe kommen von der Polizei, aber nicht selten bitten Kinder und Jugendliche selbst um Hilfe.

Stralsund. Sie hat es nicht mehr ausgehalten zu Hause. Immer wieder ist der Vater betrunken, ein normales Leben kann die Elfjährige in diesem Umfeld in einem nordvorpommerschen Dorf vergessen. Sie haut ab, findet Unterschlupf bei einem Klassenkameraden. Doch nach zwei Tagen wird der Druck so groß, dass sie es nicht mehr aushält: Sie vertraut sich ihrer Klassenlehrerin an — und so kam die Kleine erst einmal im Kinder- und Jugendnotdienst des Internationalen Bundes in Stralsund unter. „Wir haben sie dann über eine längere Zeit betreut“, bestätigt Ines Littmann-Hinze, Leiterin der Einrichtung.

Dieser Fall ist einer von insgesamt 460 Meldungen, die wegen des Verdachts der Kindeswohlgefährdung im letzten Jahr beim Kreis Vorpommern-Rügen eingegangen sind. 242 waren es in Stralsund, 121 im ehemaligen Nordvorpommern und 97 auf der Insel Rügen. Betroffen waren insgesamt 548 Kinder.

Das Jugendamt ist nach wie vor in puncto Kinderschutz an vier Standorten präsent: Grimmen, Ribnitz-Damgarten, Bergen und Stralsund. Hier gibt es Bereitschaftsdienste, die gerufen werden, wenn ein Kind in Not ist. Und dann wird entschieden, wie man am schnellsten helfen kann. Dabei gilt immer der Grundsatz: Hilfe vor Eingriff. Manchmal sind eben sozialpädagogische Hilfsangebote für die Familien schon die Rettung, aber nicht selten muss eine so genannte Inobhutnahme angeordnet werden.

„Das heißt, die Kinder kommen entweder in ein Bereitschaftspflegefamilie oder eben in den Kinder- und Jugendnotdienst. Wir können auf jeden Fall an allen vier Standorten des Kreises schnell reagieren“, sagt Sybille Buch, zuständige Leiterin des Fachgebietes im Jugendamt, und betont, dass man nach der Kreisneubildung nach einheitlichen Verfahren vorgehe.

Jährlich ist die Zahl der Meldungen zur Kindeswohlgefährdung gestiegen. Waren es 2009 in Stralsund noch 140 solcher Nachrichten, stieg die Zahl bis 2012 auf 242 Meldungen. „Die Menschen sind aufmerksamer geworden. Und in den meisten Fällen steckt auch eine begründete Sorge hinter dem Anruf beim Jugendamt“, sagt Sybille Buch und betont, dass Kinderschutz uns alle angehe. Nur so könne man die Grauzone verlassen.

Die meisten besorgten Anrufe kommen von der Polizei. „Die Zusammenarbeit läuft gut, denn die Beamten sind ja als Erste vor Ort und sehen, was los ist“, erklärt die 44-Jährige und untermauert diese Aussage mit Zahlen. 95 der 242 Hilferufe in Stralsund kamen im letzten Jahr von der Polizei, auf Rügen waren es 48 von 97, in Nordvorpommern allerdings nur 13 von 121.

Der Kinderschutz-Notruf wird aber auch von besorgten Familienmitgliedern oder Nachbarn gewählt. Und nicht selten wollen sie anonym bleiben. „Wir sind per Gesetz verpflichtet, jeder Meldung nachzugehen. Und das machen wir auch. Dabei werden die Eltern mit einbezogen. Und für uns gilt immer, lieber einmal mehr hinschauen, als einmal zu spät zu kommen“, erklärt Sybille Buch und ergänzt:

„Wer Hilfe braucht oder wer beobachtet, dass es Kindern nicht gut geht, kann sich auf jeden Fall im Jugendamt melden. Im persönlichen Gespräch kann man oft schon vieles auf den Weg bringen. Auch die Kinderschutz-Hotline und die Polizei sind rund um die Uhr erreichbar.“

Doch es gibt auch Kinder und Jugendliche, die selbst zeigen, dass sie in Not sind. So wie das eingangs erwähnte Mädchen aus dem Landkreis. „Nicht selten klingelt es an unserer Tür, und jemand bittet uns um Hilfe. Da wird keiner weggeschickt, wir informieren sofort das Jugendamt und beraten, was für den Betroffenen das Beste ist“, erklärt die Stralsunder IB-Bereichsleiterin Ines Littmann-Hinze, und unterstreicht, dass auch der Notdienst in der Friedrich-Naumann-Straße rund um die Uhr Hilfe anbietet.

Ines Sommer

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