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Windmühlen, Würstchen, Wunderkerzen

Barth Windmühlen, Würstchen, Wunderkerzen

Premierenfieber in Barth: Die OZ hörte sich kurz vor der ersten Aufführung von „Don Quijote“ unter Theaterleuten und Besuchern um.

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Mit Decken und Kissen im Gepäck kamen Birgit Lang aus Barth, Gisela Taubert aus Berlin sowie Henri Menzel aus dem Vogtland zur Premiere in den Barther Theater-Garten. Fotos (2): Susanne Retzlaff

Barth. Barth — Es knisterte schon ein bisschen lauter im Freiluft-Foyer des Theater-Gartens. Und das waren weder die knusprigen Würstchen auf dem Grill noch raschelnde Roben, die man ohnehin vergeblich suchte, auch nicht die Flügel der Windmühlen. Es war die besondere Spannung vor der Premiere, die auch auf das Publikum übersprang.

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„Wenn man auf der Bühne steht, versucht man, die Menschen im Publikum nicht zu sehen. Sonst würde man zu leicht aus seiner Rolle fallen“, erklärt Antje Möller (22), Darstellerin der Maritorne.

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Eher zwanglos trafen Einheimische, Urlauber und Kulturschaffende bei Bowle und Bratwurst vor dem Abenteuerspielplatz der Barther Boddenbühne zusammen. Etwas versteckt bei den Windmühlen sitzt Martin Schneider . „Ja ich bin nervös, das ist ja eine kleine Geburt“, gesteht der Leiter der Boddenbühne und Regisseur Minuten vor seiner „Niederkunft“ mit „Don Quijote“. „Es soll kurzweilig werden“, also dampfte der 29-Jährige den über tausendseitigen Roman von Miguel de Cervantes auf Gartengröße ein. Udo Klenner (55), Bühnenbild und Ausstattung, war mit Schneider gemeinsam „ein bisschen schwanger und immer noch guter Hoffnung. Schließlich gab es bei der Generalprobe glücklicherweise ein paar Hänger“. Um ein weiteres Exemplar und einen Blumenstrauß

ergänzte Petra Tedow die kleine Windmühlenausstellung im Freiluft-Foyer. „Ich muss doch gucken, was die Kollegen machen“, erklärte die Inspizientin der Spielstätte Usedom. Die dortige Hafenbühne gibt mit „Nochmal ein Ding drehn“ eine „sozialistische Gaunerkomödie“ von Rudi Strahl.

Kissen und Decken statt Samt und Seide — gut gerüstet kam ein munteres Quartett zur Premiere. „Ich gehe hier immer ins Theater und bin sehr gespannt“, Birgit Lang aus Barth hat in ihren Erinnerungen an die Schulzeit gekramt, um sich auf das Stück vorzubereiten. Extra aus Berlin ist Gisela Taubert angereist — fast nur für das Kultur-Ereignis. Henri und Elke Menzel aus dem Vogtland haben ihren Urlaub schon öfter in Barth verbracht und erkunden nicht nur die Theaterlandschaft zwischen Rügen und Redefin. Literarisch unvorbelastet wollen sie sich überraschen lassen und nehmen an der Kasse ihre Wunderkerzen in Empfang.

Knistern vor, Knalleffekte während, Feuerwerk und Wunderkerzen zum Finale und begeisterter Applaus nach der Premiere — Antje Möller ist einfach nur glücklich. Vor heimischem Publikum überzeugte die Bartherin als frech-frivole Wirtsfrau Maritorne. 2007 hat sie „der Zufall“ entdeckt“. Da hat das Theater tanzende Elfen für den Sommernachtstraum gesucht“, erzählt die 22-Jährige. Im Schulverein tanzte sie bereits, also ging sie zum Casting und wurde genommen. Seitdem ist sie als Darstellerin dabei, im Sommer- und im Sylvesterstück. „Das wäre schon ein Traum“, flirtet sie mit einer Schauspielkarriere, aber natürlich lernt sie erst einmal etwas „Anständiges“ und macht eine Ausbildung als Heilerziehungspflegerin. Aber jetzt will sie ganz schnell die Glückwünsche ihrer Eltern entgegen nehmen. Susanne Retzlaff

Der Esel ist ein Fahrrad
Windmühlen wurden zum Sinnbild für den sinnlosen Kampf Don Quijotes. Das Cover des Programmheftes zeigt moderne Windräder. Nicht die einzige Änderung am Werk, aber der einzige Fingerzeig, der in die Gegenwart weist.

Es geht in der Barther Aufführung um Alonso Quesano, um jenen spanischen Edelmann also, der sich Don Quijote nennt und die Welt retten will. Jemand, der das goldene Zeitalter beschwört, ein Ritter von der traurigen Gestalt, der zwar guten Willens ist, aber keinen rechten Plan hat. „Die Tore des Wahnsinns haben sich für ihn geöffnet“, klagt Don Quijotes Haushälterin (Helga Weinhöfer), als die Wandlung ihres Herrn offensichtlich wird. Denn die Abenteuer, die der nunmehrige Ritter erlebt, sind nicht das, was sie zu sein scheinen. Riesen oder Windmühlen? Das ist nicht das einzige Problem.

Entweder sieht unser Held schlecht oder er ist vorübergehend geistig verwirrt. Trottelig, aber immer reinen Herzens.

Miguel de Cervantes‘ Romanvorlage (in zwei Teilen 1605 und 1615 erschienen) wurde für die Barther Bühne zurechtgestutzt (Buch und Regie Martin Schneider) und auch mit ein etwas Wortwitz aufgepeppt.

Die Inszenierung der Vorpommerschen Landesbühne bringt Studenten der Theaterakademie Vorpommern mit Darstellern des Barther Amateur- und Jugendensembles zusammen, von einem manchmal improvisatorischen Charme lebt dieses Stück auch. Hauptdarsteller Norbert Koch, der einen etwas manischen Don Quijote gibt, und Peter Dulke, der den bauernschlauen Sancho Pansa verkörpert, tragen einen Großteil der Show weg, sie ragen auch darstellerisch heraus. Natürlich lässt sich vieles nur andeuten: Der Esel ist ein Fahrrad, das Pferd ist aus Holz und hat einen Stecken. Und die Bühne im Theatergarten (Kostüme und Bühnenbild Udo Klenner) besteht im Grunde aus zwei Schrägen, die universell den wechselnden Szenen dienen.

Ein Ritterroman ist Unterhaltungsliteratur, auch dieses Stück will eher nur unterhalten. Das bunte Treiben ist manchmal etwas krawallig geraten. Es ist das manchmal Unperfekte, das hier für einen heiteren Abend sorgt. Was allzu klamaukig gerät, wird anderseits mit gut einstudierten Kampf- und Fechtszenen wieder aufgehoben, dazu wird auch ein bisschen getanzt und gesungen. Ein zuweilen närrisches Treiben, irgendwo zwischen Monty Pythons „Ritter der Kokosnuss“ und Kindergeburtstag, sehr zur Freude der rund 300 Besucher. Don Quijote wird im Handlungsverlauf geläutert. Er ist es, der mit seinem Idealismus immer wieder aus der Menge herausragt und auch jenen Zuschauern, die in alldem einen tieferen Sinn suchen, den Abend rettet. Das tut Don Quijote mit der etwas unerwarteten Poesie eines kämpferischen Träumers: „Diese Welt ist ein magischer Ort, manchmal schrecklich und manchmal wunderschön, aber es lohnt sich immer für sie zu kämpfen.“

Einziges Theater der Region
Am 1. April 2000 eröffnete die im Jahr zuvor aus dem ehemaligen Kulturhaus der Zuckerfabrik entstandene Barther Boddenbühne. Die weitere ständige Spielstätte der Vorpommerschen Landesbühne Anklam GmbH ist das einzige feste Theater in der Region. Zwei hauseigene Amateurtheatergruppen, das „Barther Jugendensemble“ und das „Barther Amateurensemble“, bereichern regelmäßig den Spielplan. 2011 wurde der Theater-Garten mit „Robin Hood“ eingeweiht.
„Don Quijote“ ist im Barther Theatergarten bis zum 24. August

zu sehen. Aufführungen stehen

jeweils montags, donnerstags

und samstags um 20 Uhr auf

dem Programm.

Theaterkarten sind unter

☎ 03 82 31/66 380 erhältlich.

 

Thorsten Czarkowski

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