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Ribnitz-Damgarten Zahl der Küstenvögel geht dramatisch zurück
Vorpommern Ribnitz-Damgarten Zahl der Küstenvögel geht dramatisch zurück
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00:00 25.03.2014
Auch die Kiebitze haben es als Bodenbrüter in der Region nicht leicht. Die Zahl der Küstenvögel geht zurück. Quelle: Thorsten Krüger/Nabu

Gerhard Schneider will die Vogelwelt im Nationalpark retten. Die Zahl von bodenbrütenden Küstenvögeln hat nach Einschätzung des 80-jährigen Zingsters dramatisch abgenommen. Wenn das so weitergehe, werde er seinem Enkel bald keine Vögel mehr zeigen können.

Eine Ursache hat der passionierte Jäger auch schon ausgemacht. Eierdiebe in Form von Fuchs und ähnlich räuberischem Wildgetier dezimieren die heimischen Vögel. Und eine Lösung hat Gerhard Schneider auch parat. Mit der Flinte müsse dem Tun von Fuchs und Artgenossen ein Ende gesetzt werden. Seit etlichen Jahren fordert Gerhard Schneider die Jagd auf das Raubwild. Doch die Mitstreiter für diese Idee lassen sich fast an einer Hand abzählen.

Auch während der jüngsten Zusammenkunft der Mitglieder des Nationalpark-Kuratoriums — das Gremium wurde seinerzeit für den Interessenausgleich von Nationalpark und Bewohnern der Region ins Leben gerufen — liefen seine Forderungen nach dem Abschuss von Prädatoren wie Fuchs und Marderhund gleichsam ins Leere. Er habe sich gar vorhalten lassen müssen, nur in der Gegend herumballern zu wollen, sagt Schneider verärgert.

Der Zingster gehört dem Kuratorium seit dessen Gründung an. Er vertritt darin den Landesjagdverband. Dass mit dem Verschwinden der heimischen Natur, „was hier alles kreucht und fleucht“, das Tafelsilber praktisch ohne Gegenwehr hergegeben werde, will er verhindern. Den Naturschutz sieht der dem Kommerzdenken von Touristikern geopfert. Selbst einstige Mitstreiter für seine Idee hätten ihr Engagement zurückgefahren, weil sie beispielsweise als Nationalparkmitarbeiter selbst Gäste durch die Natur führten. Andere verdienten ihre Brötchen im Tourismus.

Anders lief es zu DDR-Zeiten, als dem Raubwild in der Region noch aktiv nachgestellt wurde. Die Jagdgenossenschaften auf Darß und Zingst hatten sogar einen Wanderpokal für den aktivsten Raubwildjäger. Mit der Wende schliefen diese Bemühungen der Bestandsregulierung von sogenannten Prädatoren gänzlich ein. Selbst eine Initiative des Nationalparkamtes in frühen Nachwendejahren währte nicht lange. „Wenn wir die Vogelwelt retten wollen, müssen wir jetzt etwas tun“, ist Gerhard Schneider überzeugt.

Ganz so dramatisch schätzt der Leiter des Nationalparkamtes Vorpommern, Gernot Haffner, die Situation nicht ein. Aber auch er bestätigt eine seit Jahren rückläufige Zahl von Küstenvögeln — ein nicht nur im Nationalpark, sondern ein landesweit zu beobachtendes Phänomen. Gleichwohl werde dem Raubwild ein Riegel vorgeschoben, zumindest auf den Inseln wie Großer und Kleiner Kirr, der Barther Oie usw. Dort würde das Raubwild konsequent bejagt. Auch wenn das dem eigentlichen Prozessschutz im Nationalpark zuwiderlaufe. Allerdings beschränke sich das auf den isolierten Räumen der Inseln. Ziel ist es laut Haffner, auf den Boddeneilanden auch den letzten Eierdieb auf vier Beinen zu schießen. Auf dem Festland wird das Raubwild allerdings nicht gezielt gejagt. „Hier sind wir gar nicht in der Lage, den Bestand dieser Wildarten zu regulieren.“ Die Inseln aber müssen raubwildfrei sein.

Den Rückgang der Vogelzahlen macht der Nationalparkchef allerdings nicht allein am Heißhunger des Raubwildes auf die Gelege der Küstenvögel fest. Da gebe es schon mehrere Gründe: Wetter, Nahrungsangebot oder Brutbedingungen spielten eine nicht zu vernachlässigende Rolle. So würden Brutpaare immer wieder von Wassersportlern gestört, die unerlaubterweise an der Kirr anlandeten und dort herumspazierten.

Erst im November 2013 war die Problematik Thema einer Anhörung im Landtag von MV. Großschutzgebiete wie der Nationalpark stellten in diesem Zusammenhang aber nur einen Aspekt dar.

Räuber als Hinweisgeber
Als Prädator (Räuber) wird ein Organismus bezeichnet, der sich von anderen, noch lebenden Organismen oder Teilen von diesen ernährt, heißt es in einem Online-Lexikon. Nach einer verbreiteten Definition werden als Prädation nur ökologische Beziehungen zweier Arten bezeichnet, bei denen eine Art (der Prädator oder Räuber) die andere Art tötet und als Nahrungs-Ressource nutzt. Prädatoren sind keine Aasfresser, weil zumindest beim ersten Angriff die Beute noch lebt. Das Auftauchen von Prädatoren wird als Hinweis auf die Existenz von bestimmten Beutetieren, etwa bodenbrütende Küstenvögel, genommen.



Timo Richter

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