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Rügen Abschied von den „Heiden“ — Filmkulisse in Vilmnitz abgerissen
Vorpommern Rügen Abschied von den „Heiden“ — Filmkulisse in Vilmnitz abgerissen
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00:00 13.11.2015
Das war‘s: Damit ist ein weiteres Stück Rügener Geschichte verschwunden. Mehrere Eiben mussten für die Baufreiheit weichen.
Vilmnitz

Schmerzliche Nachricht für Cineasten und Fans alter Bauernhäuser: Wie geplant wurde nun das Vorhaben zum Abriss des historischen Dreiseitenhofs in Vilmnitz umgesetzt. Damit verliert die Insel ein weiteres Denkmal, denn hier wurden einst Teile des DEFA-Spielfilms „Die Heiden von Kummerow“ gedreht.

Eigentümer Volker Mucha aus Wuppertal, der bereits vier Ferienhäuser in der Nähe besitzt, möchte im kommenden Jahr „den Hof in derselben Kubatur wieder aufbauen“. Der Ökonom und Unternehmensberater für Arztpraxen sammelte in den Herbstferien gemeinsam mit einigen Helfern 8000 der alten Ziegelsteine aus dem Abriss auf und lagerte sie auf Paletten, um sie später wieder verwenden zu können. Mucha hatte das Anwesen 2008 für knapp 90 000 Euro ersteigert, nachdem den Vorbesitzern bereits zehn Jahre zuvor die Wohnnutzung wegen Einsturzgefahr untersagt worden war.

Bis zuletzt hatten sich Denkmalschützer sowie eine Gruppe junger Familien für den Erhalt und eine behutsame Sanierung des Objekts eingesetzt. „Eine Sanierung des Bestandes mit alten Materialien hätte weit mehr als eine Million Euro gekostet“, meint Mucha. „Und auch dann wäre es kein Denkmal mehr gewesen.“ Wirtschaftlich nicht zumutbar, findet er, und so erteilte die zuständige Behörde 2013 die Genehmigung zum Abriss. Weil sich die Planungen für das denkmalgeschützte Ensemble jahrelang hinausgezögert hätten, „haben wir es zwischenzeitlich für den selben Preis wieder zum Verkauf ausgeschrieben, um uns den Ärger zu ersparen“, so Mucha. Dann aber sei wieder Bewegung in die Angelegenheit gekommen und sie hätten einen Bebauungsplan erstellen können.

Sybille Berger, ehrenamtliche Denkmalpflegerin des Landkreises und Mitglied der „Interessengemeinschaft alte Bauernhäuser“, trauert noch immer der alten Haustür und den mundgeblasenen Glasfenstern nach. „Die Tür haben wir entsorgt, weil sie unserer Auffassung nach nicht zu sanieren gewesen wäre“, bedauert Mucha heute. Dass es auf Rügen Spezialisten und Liebhaber gibt, die solche historischen Baumaterialien lagern, hätten ihnen die Denkmalschützer nicht mitgeteilt. „Überhaupt kam es nie zu einem persönlichen Austausch über diese Fragen“, sagt Mucha. Er will jedenfalls die alten Beschläge und Maueranker wiederverwenden und dänische Holzfenster einbauen.

Das Herz der Insulaner hing aber nicht nur deswegen besonders an dem historischen Anwesen, weil es sich um einen der letzten Dreiseitenhöfe der Insel handelte, sondern vor allem auch, weil es Drehort für den Kult-Film „Die Heiden von Kummerow und ihre lustigen Streiche“ war, bei dem auch Kinder der Insel mitspielten. Die Roman-Vorlage schrieb der auf der 20-Pfennig-Briefmarke der DDR abgebildete Schriftstellers Ehm Welk im Jahr 1937. Der 1884 geborene Autor soll darin den Alltag einer Gruppe von Dorfjungen im ersten Jahrzehnt des vorletzten Jahrhunderts in seinem Geburtsort Briesenbrow bei Angermünde beschrieben haben, den er kurzerhand nach dem Dorf Kummerow bei Schwedt benannte. In dem Roman bemühen sich Pastor und Lehrer vergebens, die Jungs zu „gottesfürchtigen und regierungstreuen Bürgern“ zu erziehen.

Die Dreharbeiten begannen 1967 in einer ost-/westdeutschen Gemeinschaftsproduktion, und die meisten Szenen wurden im heute zu Putbus gehörenden Vilmnitz gedreht. Neben den berühmten Schauspielern Theo Lingen und Ralf Wolter spielten dabei auch Kinder der Insel maßgebliche Rollen.

Jörg Resler wurde später Klinikchef auf der Nordseeinsel Borkum, Karin Heidemann, die inzwischen Kaltenbach heißt, spielte die Tochter des Pastors und Wolfgang Hinz den frechen lebenslustigen Lausbuben Herrmann, der dem Kirchendiener „auf den Kopf pinkelte“. Zwar seien die Innenaufnahmen dazu auf dem Kirchturm in Bergen entstanden, das Plumpsklo, von dem der so benetzte Kirchenmann dann floh, habe aber in Vilmnitz gestanden, erinnerte sich Wolfgang Hinz in früheren Gesprächen.

Die Dreharbeiten dauerten von Mai bis Juli 1967 und für die Kinder gab es für jeden der 40 Drehtage immerhin 40 Mark. Zur Premiere durften die Kinder zwar nicht in den Westen reisen, aber an der östlichen Nachpremiere nahmen sie teil.

Wenn „Die Heiden von Kummerow“ heute über den Bildschirm laufen, schalten noch immer jährlich rund zwei Millionen Zuschauer ihr Fernsehgerät ein.

So bedauern auch einige der Anwohner, dass der Hof nicht zu erhalten gewesen ist. Regina Pommer, die seit zwei Jahren im Haus gegenüber wohnt, findet es hingegen gut, dass sich auf dem Grundstück etwas tut. „Nur meine Katzen nicht, die waren früher den ganzen Tag in der alten Scheune“, sagt sie.

Denkmäler auf Rügen
Das Denkmal mit der Nummer 779 in der Dorfstraße 22, der Dreiseitenhof in Vilmitz, war nach Angaben des Denkmalamtes des Landkreis Vorpommern-Rügen stark von Zerstörung und Abriss bedroht. In dem Haus waren auch Teile des berühmten DEFA-Films „Die Heiden von Kummerow“ gedreht worden.
900 Gebäude, vom Gutshaus bis zur historischen Scheune, stehen laut Informationen aus der Denkmalschutzbehörde auf Rügen unter Denkmalschutz. Über 100 sind stark gefährdet, heißt es. Abseits der Tourismuszentren droht der Verfall der Denkmäler. Die Insel Rügen verliert jährlich immer wieder einige ortsbildprägende Gebäude.



Uwe Driest

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