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Ängstlich, reizbar und erschöpft: Überforderung statt Mutterglück

Babyseite der Woche: Baby-Blues und Wochenbettdepressionen Ängstlich, reizbar und erschöpft: Überforderung statt Mutterglück

In Deutschland sind etwa 20 Prozent aller Mütter von der sogenannten postpartale Depression betroffen. Die Dunkelziffer dürfte bedeutend höher sein. Die Glowerin Mandy Bischoff spricht über das Problem

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Suchte sich Hilfe und kann ihre kleine Familie endlich genießen: Mandy Bischoff mit Freund Stefan Suhr und Klein-Alina vor zwei Monaten in Mukran.

Quelle: Fotos: Steffi Besch

Glowe. Neun Monate stetig wachsende Vorfreude auf das Baby, gefolgt von stundenlangen Strapazen der Wehen und endlich das Wunder der Geburt. Und dann? Sollte nicht eigentlich Euphorie und ein unbeschreibliches Glücksgefühl einsetzen? Stattdessen: heulendes Elend und nagende Schuld- oder Versagensängste. Was ist los?

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In Deutschland sind etwa 20 Prozent aller Mütter von der sogenannten postpartale Depression betroffen. Die Dunkelziffer dürfte bedeutend höher sein. Die Glowerin Mandy Bischoff spricht über das Problem

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INSEL INTIM

Stefanie Büssing

berichtet aus

Rügens Szene.

☎ 03838/2014835

Kurz nach der Geburt fallen viele Mütter in ein Stimmungstief. Der Hormonspiegel, vor allem Östrogen und Progesteron, sinkt nach der Geburt plötzlich. Gleichzeitig produziert der Körper der Frau das Hormon Prolaktin, das für die Milchbildung verantwortlich ist. Der hormonelle Wechsel, der auch noch weitere Hormone betrifft, kann zu starken Stimmungsschwankungen führen. Weitere Symptome können Müdigkeit, Erschöpfung, aber auch Traurigkeit und eine erhöhte Empfindsamkeit sein. Dieser Zustand kann kann nur einen Tag aber auch bis zu einer Woche dauern. Der Baby-Blues, den 80 Prozent der Mütter haben sollen und der dadurch „normal“ ist.

Die Wochenbettdepression oder postpartale Depression hingegen tritt in den ersten zwei Jahren nach der Geburt auf, kann sich aber schon in den ersten Wochen nach der Entbindung bemerkbar machen. In Deutschland sind jährlich etwa zehn bis 20 Prozent aller Mütter betroffen. Die Dunkelziffer dürfte bedeutend höher sein. Denn welche Frau gesteht sich schon gerne ein, dass sie statt dem ersehnten Mutterglück nur Frustration und Überforderung fühlt?

Auch Mandy Bischoff und Stefan Suhr aus Glowe freuten sich unheimlich auf ihre Tochter. „Alina war geplant. Durch ein frühes Beschäftigungsverbot hatte ich Ruhe, war viel an der frischen Luft, habe gut gegessen und war entspannt. Es machte sich lediglich eine natürliche Unruhe breit, also zum Beispiel, dass das Kinderzimmer fertig werden muss und ob das mit dem Stillen so klappt. Aber ich habe mir keine Sorgen gemacht“, erzählt die 32-jährige Restaurantfachfrau. „Alles lief gut. Und die Geburt wirklich super für das erste Kind. Und für Stefan, der bereits zwei Kinder aus erster Ehe hat, die beide per Kaiserschnitt geboren wurden, war diese Geburt auch ein besonderes Erlebnis.“

Alina Suhr kam am 4. Februar im Bergener Sana-Krankenhaus zur Welt. Am ersten Tag war das Zimmer von Mutterglück erfüllt, es wurde fotografiert und gelacht, Lautstärke und Unruhe auf der Station fielen nicht weiter auf. „Nach den üblichen drei Tagen, sollte ich am Sonntag entlassen werden. Doch schon am Samstag ging es los. Ich fing an zu heulen. Ich war ängstlich und unsicher und habe schon um Beistand bittend vor dem Schwesternzimmer gestanden“, so Mandy Bischoff. Stationsschwestern, Freundinnen und Hebamme sagten alle das Gleiche. Das sind die Hormone, das ist normal. Der Baby-Blues eben. In dem ganzen Gefühlschaos und der neuen Situation als frischgebackene und gefälligst fröhlich zu seiende Mutter, trat Papa Stefan nach der Entlassung seine Schicht an. Der Schiffsmechaniker auf der Stena-Line-Fähre „Sassnitz“arbeitet eine Woche an Bord und ist dann eine Woche zu Hause. „Meine Schwiegermutti Heike kam zwar aus Sassnitz, aber ich habe mir einfach nicht helfen lassen. Ich unternahm den Versuch, mein altes Leben weiterzuführen. Den gewohnten Rhythmus beizubehalten. Kochen, Putzen, Stillen, Wickeln - das musste doch irgendwie alles gleichzeitig möglich sein. Aber ich habe eben nicht alles hinbekommen, zumindest genügte es nicht meinem Anspruch. Das hat mich so aus der Bahn geworfen. Ich hatte das Gefühl nicht mehr Herr der Lage zu sein“, erinnert sich Mandy wenige fast Monate später bei einem Treffen in Mukran. Der Ton wurde rauer, sie weinte viel, war gereizt und genervt und putzte lieber als vernünftig zu essen - und nahm innerhalb kürzester Zeit die in der Schwangerschaft zugenommenen 12 Kilo wieder ab. „Ich war ständig unzufrieden. Mir ging es einfach nicht gut. Und meine Unruhe übertrug sich natürlich auf die Kleine. Immer wenn Stefan Zuhause war, kümmerte er sich viel um Alina.“ Mandys Muttergefühle waren stark gedrosselt. „Sie hatte zu hohe Erwartungen an sich selbst. Dann die neue Verantwortung. Mandy hat alles richtig gemacht mit Alina und dennoch ständig an sich gezweifelt. Sie konnte nicht schlafen, hatte Herzrasen. Sie fragte sich warum im Freundeskreis immer alles so schön ist mit den Kindern. Die Babys so ruhig und pflegeleicht und ihres nicht. Da suchte sie schon wieder nach einem Fehler bei sich“, berichtet der 35-Jährige. Sie war deprimiert und überfordert.

Gefühle von Traurigkeit, Empfindsamkeit, Reizbarkeit, aber auch Erschöpfung und Ruhelosigkeit sind häufige Anzeichen für eine Depression. Viele Frauen reagieren nach der Geburt auch extrem ängstlich oder mit Konzentrationsstörungen. Sie fühlen sich isoliert, unverstanden und nicht fähig, mit dem Neugeborenen umzugehen. Die zwiespältigen Gefühle, die man seinem Kind gegenüber hegt, führen zu Schuldgefühlen, Versagensängsten, Niedergeschlagenheit.

In einer Nacht schrie Alina so laut und lange, dass sich Mandy nur noch die Ohren zuhielt - und schließlich ihr Problem erkannte. Sie wandte sich sofort an ihre Hebamme Ute Lerch. „Ich habe sie und das Kind sofort eingepackt und ins Krankenhaus gebracht. Das Wohl des Kindes war gefährdet und Mandy brauchte dringend Hilfe. Ein Psychiater aus dem Haus unterhielt sich mit ihr und empfahl die Einnahme einer kleinen Dosis Antidepressiva. „Das machte etwas munter. Auf das Hoch folgte aber sogleich ein Tief. Und daraufhin ein neuer Termin und eine höhere Dosis. Jetzt bin ich eingestellt, alles konstant. Ich gehe zum Psychologen und alle zwei Wochen kommt eine Säuglingsberaterin zu uns nach Hause“, sagt Mandy mit einem Lächeln auf den Lippen. „Ich verstecke mich nicht und erzähle davon, weil ich der Meinung bin, dass bei diesem Thema viel geschwiegen wird und es Müttern peinlich ist, nicht so klarzukommen, wie es von allen erwartet wird.“

Oft sind es ganz ordentliche, gebildete und strukturierte Frauen. Die Taffen, die mitten im Leben stehen. Tendenziell kopflastige Mittdreißiger, beobachtet Hebamme Ute Lerch. „Ruhe ist wichtig, Zeit für sich und das Kind. Und Energie ist in den ersten Wochen essentiell. Das heißt Schlafen wenn das Baby schläft und Familie und Freunde um Unterstützung bitten. Zum Beispiel ein warmes Essen vorbeizubringen“, so die 35-jährige Fachfrau. „Und wer merkt, dass es nicht besser wird nach ein paar Wochen, sollte sich wirklich Hilfe holen. Bei der Hebamme oder dem Hausarzt.“ Mandy und Stefan haben es geschafft. Die gemeinsame Lösung des Problems hat das Paar gestärkt. Jetzt können sie beide die Zeit mit klein Alina genießen und Stefan sorgenfrei an Bord gehen.

Ursachen einer Wochenbettdepression sind vielfältig

Die Ursachen können ganz unterschiedlich sein. Neben den hormonellen Ursachen spielen auch seelische, körperliche und soziale Faktoren eine Rolle. In der Vergangenheit liegende Schwangerschaftskomplikationen oder traumatische Erlebnisse können genauso zu dieser Reaktionsform führen wie Veranlagung oder mangelnde Unterstützung durch den Partner. Meistens sind es mehrere Umstände, die eine Mutter in diese seelische Ausnahmesituation schlittern lassen. Entscheidend für die Wöchnerinnen sei die Erkenntnis, dass sie mit diesen Problemen nicht alleine stehen und dass es ganz normal ist, wenn man erst in die Rolle der Mutterschaft hineinwachsen muss. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass man nur pures Glück nach einer Geburt empfindet.

Steffi Besch

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