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Rügen Als in Vitt noch Muskelkraft zählte
Vorpommern Rügen Als in Vitt noch Muskelkraft zählte
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13:47 01.02.2019
Mit 88 Jahren ist Rita Stahnke die älteste Einwohnerin in Vitt und erinnert sich noch gut daran, dass hier bis 1980 das Wasser noch aus dieser Pumpe rangeholt werden musste. Quelle: Wenke Büssow-Krämer
Vitt

Einen ganz besonderen Stand hat Rita Stahnke bei ihren Nachbarn im Ort. Mit ihren 88 Jahren ist sie die Dorfälteste. Auch wenn sie hier nicht gebürtig ist, weiß die rüstige Seniorin bestens über Vitt zu berichten. 1950 kam sie als Flüchtling von Stettin aus auf die Insel und lernte hier ihren zukünftigen Ehemann Kurt Stahnke kennen. Im Haus der Schwiegermutter, in dem auch schon die Großeltern von Kurt lebten, wurde das Paar heimisch.

„Hier hatte jeder Land- und Fischwirtschaft. Auch mein Mann war Fischer“, sagt Rita Stahnke. Nachdem die Fischer von der See zurück waren ging es täglich aufs Feld. „Wir alle hatten Getreide und Kartoffeln, aber auch Kühe, Schweine, Schafe, Enten, Gänse oder Hühner“, blickt sie zurück. Die Fischer und Bauern hatten ihr Soll an den Staat abzugeben, bekamen aber auch keine Lebensmittelkarten. „Wir mussten uns von dem ernähren, was es hergab“, so Rita Stahnke. Auch an die Arbeiten am Haus erinnert sie sich. Als Farbe noch Mangelware war, wurde jedes Jahr die Kreide vom Ufer geholt, um damit die Häuser neu zu weißen.

Als sie nach Vitt kam, verfügte der Ort immerhin schon über Strom. „1946 wurde hier Licht möglich. Wasserleitungen wurden erst 1980 verlegt“, sagt die Dorfälteste. Nur zu gut erinnert sie sich an die vielen Wege zur Pumpe im Ort, die die Muskelkraft forderten. Auch die erforderliche Handwäsche – ohne Wasseranschluss war eine Waschmaschine nutzlos – kostete Arbeitszeit und -kraft. Als die Landwirtschaft langsam abgebaut wurde und Ställe ungenutzt blieben, wurden diese zu Ferienwohnungen umgebaut und vermietet. Viele Besucher sind hier zu alljährlichen Stammgästen geworden. „Wir haben gegenseitig unsere Kinder groß werden sehen.“ Auch heute noch vermietet die Seniorin ihr Häuschen direkt nebenan.

Wenn von Vitt die Rede ist, hört man die Leute oft von 4711 sprechen. „47 Einwohner lebten hier in elf Häusern. In jedem Haus gab es einen Fischer. Elf Fischer, die zusammen als Gewerkschaft tätig waren“, so die Seniorin. Heute haben nur noch 18 Einwohner ihren festen Wohnort in Vitt. Die meisten Kinder sind weggezogen und die Häuser der Eltern wurden nach deren Ableben verkauft. Bedauert wird dabei, dass die Käufer diese Schmuckstücke des Ortes dann nur als Ferienhaus nutzen und nur ein paar Wochen im Jahr vor Ort sind.

„Damals gab es mehr Zusammenhalt. Einer hat dem anderen geholfen“, sagt Rita Stahnke. Gerade die Fischerfeste sind in bester Erinnerung geblieben. „Dazu wurde dann die Gulaschkanone der Armee ausgeliehen, die auch ordentlich mitgefeiert hat.“ Aber auch zur Weihnachtsfeier der Fischer kam das ganze Dorf zusammen. Im Nachbarhaus war die Volksarmee stationiert, die von hier aus den Strand überwachte. Vor allem wenn „Westboote“ ankamen, wurde besonders kontrolliert. „Wir waren gut bewacht“, so Rita Stahnke.

Zwei Töchter und einen Sohn bekamen Rita und Kurt Stahnke. „Die Kinder sind hier seelig aufgewachsen und haben frei gelebt. Selbst die Enkel haben hier noch das Schwimmen gelernt.“ Die Wege zur Schule waren sicher schwerer. Bei Wind und Wetter, ob Regen oder Schnee, ging es zu Fuß nach Putgarten, um von da aus weiter zu kommen. 20 Kinder im Ort boten jedoch immer eine gute Gemeinschaft, sodass niemand allein unterwegs war. Heute ist in Vitt nur noch ein Kind zu finden.

Einen steinigen Anfang hat Rita Stahnke damals in Vitt erlebt, als sie als Flüchting in die eingeschworene Gemeinschaft eintauchte. Zurück wollte sie jedoch zu keinem Zeitpunkt. „Ich liebte Vitt und liebe es immer noch“, sagt die Seniorin. Sie hofft, ihren Lebensabend hier auch weiterhin mobil verbringen zu können. Vitt ist zu ihrer Heimat geworden. Noch fährt sie selbst mit dem Auto zum Einkaufen in den nächsten Ort. Montags steht Sport auf dem Plan und dienstags wird im Chor gesungen.

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