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Rügen „Jeden Dienstag ist Chortag“
Vorpommern Rügen „Jeden Dienstag ist Chortag“
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08:00 05.12.2018
Probe ausnahmsweise im Keller: Die Sängerinnen bereiten sich mit ihrem neuen Chorleiter Alex Bergstedt auf ihr erstes Weihnachtskonzert vor. Quelle: Lena Roosen
Bergen/Samtens

An diesem Abend wird im Keller geprobt. Im schummrigen Licht stehen die 18 Frauen vom Samtenser Frauenchor dicht gedrängt unter Heizungsrohren. Beste Stimmung, als der neue Chorleiter Alex Bergstedt die Übungen zum Einsingen anstimmt. „Auf keinen Fall schreien oder pressen und nicht nervös werden“, mahnt der 56-Jährige kurz vor dem Weihnachtskonzert im DRK-Heim in Bergen-Süd. Oben füllt sich der Saal, zahlreiche Stühle müssen vor 19 Uhr noch herangeschleppt werden. Etwa 60 Senioren warten gespannt auf das weihnachtliche Programm „Tausend Sterne“, großer Beifall, als die Frauen im schicken schwarz-weiß Dress mit roten Schals die Bühne betreten.

„Früher, noch zu DDR-Zeiten, wurde uns die Chorkleidung von der VdgB, der Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe, gestellt, alles war bestens organisiert“, berichtet Thea Tessmer, die heute aus Altersgründen nicht mehr mitsingt, aber die Anfänge des Chors seit 1984 genauestens kennt und miterlebt hat. Damals war sie Parteisekretärin, erzählt die Seniorin mit geschwellter Brust. „Alles war perfekt organisiert, auch unsere Chorlager in Binz oder Drewoldke, wo wir mit LPG-Bussen hingebracht wurden.“ Auch zum Pressefest der Ostsee-Zeitung seien die Damen schon vor 1989 eingeladen worden und oft seien sie im Sommer in die Kleingärten ausgeschwärmt und hätten dort gesungen – Volkslieder, Heimatlieder – „ja, und Liebes- und Scherzlieder“, fügt die 76-Jährige lachend hinzu.

Früher war alles besser? Nein, so denken die zahlreichen „Alt“-Chorsänger nicht. Fast, so könnte man sagen, sind die meisten stolz, dass die Gesangsgruppe die Wende überlebt und manche „chaotische“ Zeiten in Eigenregie durchgestanden hat. „Ohne Chorleiter waren wir auch eine Zeit lang, in den 1990er Jahren, in dieser Zeit haben wir uns selbst über Wasser gehalten“, berichtet Hella Lorenz, die den Chor mit Gudrun Wieser gegründet hat. „Wir waren damals junge Frauen, hatten Lust zum Singen und haben nach Mitstreiterinnen gesucht.“ 14 Tage später „stand“ der Chor, mit zunächst zehn Mitgliedern und der ersten Chorleiterin Gerlinde Holz. Noch heute sind die Proben immer am Dienstagabend, damals in der Böttcher-Schule, heute in der Samtenser AWO-Kindertagesstätte. „Das ist zum Ritual geworden, jeder Dienstag ist Chortag“ – das sagen alle Frauen begeistert. Was den musikalischen Damen besonders gefällt: „Jeder ist gleichwertig, es gibt eine hohe gegenseitige Wertschätzung und eine sehr gute Gemeinschaft“, beschreibt Kerstin Kuhn die Samtenser Sängerinnen, auch sie ist eine Frau der ersten Stunde. Sie berichtet auch viel von der Zeit unter Chorleiter Knut Furthmann, der jetzt den Taktstock an den gebürtigen Hamburger Alex Bergstedt übergeben hat. „Mit Furthmann haben wir regelrecht Karriere gemacht – es gab viele Konzerte, auf der ganzen Insel und alle zwei Jahre eine Fahrt nach Schweden, auch zu Chortreffen mit Partnerchören“, erzählt Kuhn. Beim Stichwort Schweden fangen manche in der Runde an zu schmunzeln. „Bei einer der Reisen hat die rechtzeitige Schlüsselübergabe nicht geklappt und wir mussten uns, hinter den Bus gekauert, draußen umziehen.“ Anekdoten über Anekdoten, auch die von den Landfrauen aus Schleswig-Holstein, die zu Besuch kamen und „Erbsensuppe“ mitbrachten, die sich beim ersten Schluck als „Rosinen-Bowle“ entpuppte.

Unter Furthmann wurde der Chor 2016 mit dem Ehrenamtspreis des Landes ausgezeichnet, nicht zuletzt, weil auf Eintrittsgelder verzichtet wird, damit jeder das musikalische Hobby mit den Sängerinnen teilen kann. Das wird auch unter dem neuen Chorleiter Bergstedt so bleiben. „Am wichtigsten ist mir, die Vielseitigkeit zu erhalten, die die Freude der Chormitglieder beflügelt.“ Er will das ohnehin schon gute Niveau des Chors noch steigern und ist ein ausgesprochener Mutmacher.

„Es gibt viele Dirigenten, die sagen, wer nicht singen kann, kann nicht mitmachen – das ist vollkommen falsch“, sagt der gebürtige Mecklenburger mit vielen Stationen, von Hamburg bis Brasilien. Er habe den meisten „Unheilbaren“, also Leuten, die angeblich nicht singen konnten, innerhalb von fünf Minuten richtige Töne entlockt. „Stimmbildung ist ganz wichtig, weniger wichtig ist es, Noten lesen zu können, es kommt darauf an, dass sich die Sänger einprägen, ob es auf ihrem Notenblatt rauf oder runter geht.“

Aus etlichen seiner Laien-Chorsänger seien Solisten geworden, berichtet Bergstedt stolz und voller Optimismus. Der führt auch dazu, dass sich der Musiker, der auch an regionalen Musikschulen und privat Unterricht gibt, durchaus vorstellen kann, mit dem Samtenser Frauenchor eines Tages auch größere Werke einzustudieren. Allerdings, das ist sein Credo: „Ich werde nichts durchsetzen, was die Sänger nicht möchten.“

Lena Roosen

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