Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Rügen Anstehen für den Führerschein: Wartezeiten in Fahrschulen
Vorpommern Rügen Anstehen für den Führerschein: Wartezeiten in Fahrschulen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:00 21.09.2018
„Innerhalb eines Jahres ist das ganze Szenario umgekippt“, sagt der Andreas Dirwelis, der seit 1991 eine Fahrschule betreibt. Quelle: Herold Gerit
Binz

Mittwochabend, 18.30 Uhr, Binzer Dünenstraße: Andreas Dirwelis schließt die Bürotür seiner Fahrschule auf. Schon ein paar Minuten hatte Jenny mit ihrer Mama davor gewartet. Die 17-Jährige möchte ihren Führeschein machen und sich anmelden. „Der Kurs im Dezember ist mit 23 Leuten eigentlich schon voll. Die nächsten Termine sind ab Ostern“, sagt Dirwelis. Die junge Binzerin hat Glück. Sie ist noch als Letzte in den Dezember-Kurs gerutscht. „Meine Klassenkameraden haben gesagt, dass ich jetzt anfangen muss, sonst wird es in diesem Jahr nichts mehr“, erzählt Jenny. Schon beim Erste-Hilfe-Kurs musste sie warten, bekam statt des gewünschten Juni-Termins erst einen Lehrgangspatz im August.

„Das Fahrschul-Szenario auf der Insel hat sich im letzten Jahr grundlegend gewandelt“, weiß Andreas Dirwelis, seit 2001 ehrenamtlicher Kreisvorsitzender der Innung der Fahrlehrer Rügens. Denn immer mehr Fahrschüler treffen auf immer weniger Fahrlehrer. Lange Wartezeiten sind die Folge, auf die sich Führerscheinanwärter inzwischen einstellen müssen. Schnell mal die Fahrerlaubnis zu machen, das geht längst nicht mehr. Ein schneller Theorieunterricht samt Prüfung sei in der Regel zwar kein Problem, doch für die Fahrstunden müsse mehr Zeit eingeplant werden, so der 55-Jährige. Er sei gerade dabei, den 31 Schülern aus seinem Juli-Kurs die Fahrpraxis zu ermöglichen.

„Zurzeit ist ein richtiger Boom“, bestätigt auch Andreas Giertz. Der Baaber betreibt seit 1990 seine Fahrschule. Er ist zertifizierter Bildungsträger für alle Klassen sowie in der Berufkraftfahrersausbildung tätig mit den Standorten Bergen und Baabe. „Wir sind inzwischen fast alle Einzelkämpfer ohne Angestellte. Und Nachwuchs ist nicht da.“ Giertz hatte sich vor Jahren ein zweites Standbein aufgebaut mit Taxi- und Krankenfahrten. Im Sommer fahre er mehr Taxi als mit Fahrschülern. Im Winter sei es umgekehrt.

Vor Jahren sah der Markt noch völlig anders aus. In den 90er Jahren waren auf der Insel die Fahrschulen wie Pilze aus dem Boden geschossen. „Damals waren wir an die 100 Kollegen, davon 30 Inhaber von Fahrschulen“, so Andreas Dirwelis, der seine Fahrschule 1991 eröffnete. Im Jahre 2008 gab es noch 25 Fahrschulen mit 35 Angestellten. „Um die Jahre 2008 bis 2013 hatten wir dann einen riesen Aderlass durch den Geburtenknick.“ Dadurch gab es plötzlich ein Überangebot an Fahrschulen. Viele haben ihr Gewerbe aufgegeben oder sich andere Betätigungsfelder gesucht oder sind in andere Regionen abgewandert, in denen es finanziell attraktiver ist. Andere sind in Rente gegangen, ohne das Nachfolger nachkam. „Der Markt hat sich selektiert. Vor allem die unpersönlichen Fahrschulen waren schnell weg, überlebt haben die Familienunternehmen. Fahrschule ist ein sehr persönliches und individuelles Geschäft“, so Dirwelis.

Übriggeblieben sind auf Rügen noch zehn Fahrschulen mit drei Angestellten. Es gibt zwei in Sassnitz, Bergen und Binz sowie eine in Sellin, Baabe, Garz und in Gingst. Auf die treffen 600 Fahrschüler im Jahr. „Es ist wie im Handwerk, die Nachfrage ist groß“, so Dirwelis. Der Fahrlehrer erlebe gerade eine enorme Aufwertung. Seit 2015 gibt es keine Fahrschulen mehr in Dranske, Altenkirchen und Sagard. „Die ersten mit Wartelisten waren die beiden Fahrschulen in Sassnitz“, sagt Andreas Dirwelis.

Sechs bis acht Wochen Wartezeit gebe es auch, um einen Erste-Hilfe-Kurse belegen zu können. Der werde nur noch vom DRK in Bergen angeboten. Andere Anbieter wie Johanniter, Malteser oder Arbeitersamariterbund haben sich aus dem Markt zurück gezogen.Wartelisten bei den Fahrschulen sind allerdings kein Insel-Phänomen. Auch eine alternative Suche jenseits der Rügenbrücke bringt nicht viel. Zeitnah einen Platz zur Fahrausbildung zu ergattern, ist auch in Stralsund schwierig (die OZ berichtete).

Richtig eng könnte es werden, wenn sich kein Nachwuchs an Fahrlehrern findet in den nächsten Jahren. Doch die Aussichten sind nicht gerade einladend. Fahrlehrer ist kein Ausbildungsberuf, eine Lizenz kostet 10000 Euro. Fahrlehrer haben eine Sechs-Tage-Woche, unflexible Arbeitszeiten, Theoriestunden am Abend, Nachtfahrten. Und: In zehn bis 15 Jahren hat der Fahrlehrer wahrscheinlich ausgedient wegen der Vollautomatisierung der Fahrzeuge. „Es wird dann vielleicht noch ein Fahrzeugeinweiser sein“, blickt Dirwelis in die Zukunft.

Um sich gegenseitig zu helfen, übernehmen Fahrlehrer auch mal Prüfungstermine. Das Verhältnis untereinander ist sehr gut, sagt Dirwelis. Gab es früher knallharte Konkurrenz, fährt man heute sogar zusammen in den Urlaub. Aber auch die jungen Fahrschüler seien heute ganz anders als die vor 20 Jahren. „Sie sind voll strukturiert“, meint Andreas Dirwelis. Der Führerschein gehöre inzwischen zum Portfolio. Es gäbe keine Probleme mit Pünktlichkeit, Disziplin und Lernhaltung. Bei der Finanzierung – die Fahrerlaubnis kostet zwischen 1800 und 2500 Euro – helfe meist die ganze Familie mit. „Oft kommt die halbe Klasse zusammen zum Kurs. Es macht mir viel Spaß mit den jungen Leuten. Die Jugend ist viel besser als ihr Ruf“, findet Dirwelis.

Herold Gerit

Auf Rügen gibt es immer weniger Fahrlehrer für immer mehr Fahrschüler

21.09.2018

Sellin. Mit dem Wissen um die germanischen Traditionen wollen die Selliner fröhlich ein kleines Fest in der Natur feiern: genannt Mabon.

21.09.2018

Eine Meinungsverschiedenheit im Straßenverkehr ist am Samstag in Sassnitz (Landkreis Vorpommern-Rügen) in einen handfesten Streit ausgeartet. Ein Mann wurde im Gesicht verletzt - bei dem Opfer handelt es sich um einen Bundespolizisten.

20.09.2018