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Rügen Auf der Walz: Gesellentreffen in Lieschow
Vorpommern Rügen Auf der Walz: Gesellentreffen in Lieschow
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21:30 06.05.2018
Knapp 60 Gesellen kamen am Wochenende in Lieschow auf Rügen zusammen. Hier fand in diesem Jahr das traditionelle Treffen der „Freien Voigtländer“ statt. Klar, dass auch gesägt und gehämmert wurde: Die jungen Handwerker errichteten einen kleinen Bierpavillon auf dem Gelände von Bauer Lange. Quelle: Anne Ziebarth
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Andere Menschen klagen über die langen Wartezeiten „bis man mal einen Handwerker bekommt“, Landwirt Thomas Lange lebt diesbezüglich gerade im Luxus. Über 50 Handwerksgesellen aus ganz Deutschland und der Schweiz haben der 51-jährige Landwirt und seine Frau Christina derzeit auf ihrem Hof in Lieschow zu Gast. Die jungen Männer sind Gesellen der Vereinigung „Freie Voigtländer“ und feiern in diesem Jahr ihr Gesellentreffen auf der Insel Rügen. Fast alle Gesellen, die ihren Weg nach Lieschow gefunden haben, befinden sich auf der Walz, der traditionellen Wanderung der Handwerker nach Abschluss der Lehrzeit. Pflicht ist diese Wanderzeit, die sich – je nach Vereinigung – über einen Zeitraum von mindestens zwei bis drei Jahren erstreckt, schon lange nicht mehr. Trotzdem lassen sich derzeit schätzungsweise rund 500 Gesellen in Deutschland das Wandern nicht nehmen und suchen Abenteuer und berufliche Erfahrungen in der Fremde.

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Bei Bauer Lange kamen am Wochenende über 50 Gesellen aus Deutschland und der Schweiz zum jährlichen Treffen zusammen.

Die Gesellen haben einen Holzpavillion errichtet

Unterwegs wird stets gearbeitet, so auch bei Bauer Lange. „Ich hab überlegt, womit die Jungs mir helfen können und habe mich für den Bau eines kleinen Holzpavillons entschieden“, so der Landwirt. „Das Material, alte Balken und einen verwachsenen Pappelstab, hatte ich noch auf dem Hof, jetzt wird es sinnvoll und künstlerisch verarbeitet.“ Zwar klappte es am Sonnabend nicht bei allen Gesellen mit dem frühen Aufstehen, aber bis zum Richtfest am Mittag waren dann auch die Dachsparren und Richtkrone am Pavillon befestigt. „Sie nennen mich Vaddern“, stellt der Landwirt fest. „Da fällt einem überhaupt erst mal auf, wie alt man ist. Aber ich empfinde die Bezeichnung als Ehre. Sie fühlen sich hier Zuhause.“ Die Entscheidung, das Treffen der Gesellen auszurichten, sei eine Bauchentscheidung gewesen. „So etwas kann man nicht nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachten. Das Erlebnis ist einmalig und unbezahlbar.“

50 Kilometer Bannkreis um den Heimatort

Für die Gesellen ist der Bauernhof kurz vor der Insel Ummanz aber nur eine Station auf ihrer Reise, in Gedanken sind viele schon wieder auf der Walz. Fabian Goeth aus Koblenz möchte die nächsten Wochen im Norden verbringen. „Angeln und die norddeutschen Wälder kennenlernen. Das hört sich doch gut an“, überlegt der 26-jährige Schreiner. „Die Arbeit findet mich sowieso.“ Gereist wird mit leichtem Gepäck. In Tüchern eingewickelt („Charlottenburger“) haben die Gesellen nur eine zweite Kluft und Waschzeug mit, vieles findet Platz in den unzähligen Taschen der Kluftjacken. So fördert Fabian Goeth nicht nur sein Gesellenzeugnis aus der Rückentasche zu Tage, sondern auch die in Plastikfolie eingeschweißte Landkarte. Auf ihr ist rund um Koblenz ein Kreis mit Totenkopfsymbol eingezeichnet. „Das ist der Bannkreis“, erklärt sein Kamerad Simon Kremers aus Wittlich (Eifel). „Ein Geselle auf der Walz darf nicht näher als 50 Kilometer an sein Heimatdorf heran. Gesellenehrenwort.“

Mecklenburg-Vorpommern zählt nicht zu den Top-Destinationen

Simon Kremers hingegen kann wieder Kurs auf seine Heimat nehmen. „Ich bin jetzt seit knapp vier Jahren unterwegs, war auf der Walz sogar in Japan und Rumänien“, erzählt der 28-Jährige. „Das war unglaublich spannend und toll, aber jetzt ist es auch genug.“ Eine Arbeitsstelle in Mecklenburg-Vorpommern will er auf dem Rückweg voraussichtlich nicht mitnehmen. „Die Löhne sind hier sehr niedrig, das macht die Region nicht so attraktiv für die Walz. Denn entgegen der weit verbreiteten Ansicht, die Gesellen würden nur für Kost und Logis arbeiten, bekommen wir Tariflohn.“ Genau wissen die Gesellen selten, wo sie als nächstes Arbeiten und Schlafen werden: Die Anreise verläuft fast immer spontan, Tipps für den nächsten Einsatzort gibt es allerdings über das Netzwerk der Gesellen. „Wir stehen dann einfach vor der Tür, stellen uns vor und fragen nach Arbeit“, berichtet Marc Reich aus Chur (Schweiz) mit einem schelmischen Lächeln. „Würden wir uns vorher Anmelden, wäre die Wirkung weg. Das kommt nicht rüber. Wir sind ja keine Bewerber.“

Kein Handy, kein Navi, keine SMS

Die Strecken zwischen den Orten können die Gesellen zu Fuß, per Rad oder aber per Anhalter zurücklegen. Bei einem anderen Thema ist die sogenannte „Schachtordnung“ rigoroser: Während der Walz ist kein Handy erlaubt. „Sonst ruft ja alle naselang die Mutter an und macht sich Sorgen, wenn der Sohn um 21 Uhr noch keinen Schlafplatz hat“, sagt Marc Reich und lacht. Das bedeutet aber auch: Kein Navi, keine Suchmaschine und keine Kurznachrichten. Korrespondenz mit der Liebsten erfolgt ganz klassisch. „Mein Freund schickt mir Postkarten und Briefe“, erzählt Christin Schubert aus Waldenburg (Baden-Württemberg). „Das ist jedes Mal etwas ganz besonderes.“

Anne Friederike Ziebarth

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