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Rügen Bei Ernte von Kugel getroffen: Hobby-Jäger freigesprochen
Vorpommern Rügen Bei Ernte von Kugel getroffen: Hobby-Jäger freigesprochen
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00:01 24.09.2016
Irgendwo in Norddeutschland: Unter der Beteiligung von Jägern wird Raps geerntet. Quelle: Wolfgang Glombik/archiv

Es ist lange her. Aber Nico Nachtigall (Namen durch die Redaktion geändert) kann sich genau erinnern, wie er bei der Rapsernte auf dem Trecker saß, zwei Schüsse hörte, die Scheibe des Fahrerhauses bersten sah und plötzlich keine Luft mehr bekam. „Da wusste ich, dass ich getroffen worden war“, sagte der 40-Jährige vor der Bergener Außenstelle des Amtsgerichts. Das hat drei Jahre nach dem Unfall auf einem Acker bei Kaiseritz über die Klage gegen den Schützen, den Rentner und Hobby-Jäger Peter Pirol, verhandelt.

Wenn sich zwischen Wild und Schützen Menschen befinden, kann ich nicht schießen.“Staatsanwalt

Der ist ein langjähriger Freund des Landwirts, bei dem Nachtigall arbeitet. An diesem 3. August hatte er sich mit seinem Gewehr auf dem Dach seines Autos positioniert, das am Rande eines Feldgebüschs auf eben jenem Acker stand, auf dem Raps geerntet wurde. Der Sohn des Landwirts fuhr den Mähdrescher, der Angestellte Nachtigall den Trecker mit den Anhängern, auf die das Korn umgeladen wurde. Beide bewegten sich auf Peter Pirol zu, als eine Bache mit Frischlingen aus dem Raps rannte. Vier Schüsse habe er abgegeben, sagt Pirol später. Wie viele es wirklich waren, kann in der Verhandlung nicht geklärt werden. Pirol selbst hatte bei der Vernehmung bei der Polizei von drei Schüssen gesprochen, andere Zeugen hörten zwei, manche nur einen. Fakt ist, dass eine Kugel durch den unteren Teil des gläsernen Fahrerhauses des Treckers dringt, der parallel neben dem Mähdrescher fährt. Sie trifft Nachtigall auf der linken Bauchseite, streift Darm, Milz und Leber bevor sie in seinem Körper steckenbleibt und zieht auch die Lunge und die Nieren in Mitleidenschaft. Der Mähdrescherfahrer sieht das zerstörte Fahrerhaus des Treckers, stoppt seine Maschine und gibt dem Schützen offenbar Zeichen, das Schießen einzustellen. Der missversteht das anfangs. Er habe gedacht, der Drescherfahrer wollte ihn auf einen getroffenen Frischling aufmerksam machen, der weitergelaufen sei, erzählt er. Erst dann habe er begriffen, was geschehen sei.

Nachtigall kann sich an das, was geschah, nachdem er getroffen wurde, nicht mehr erinnern. „Es war wie ein Stich“, sagt er. Dann fiel ihm das Atmen schwer. Mit einem Rettungshubschrauber wurde der lebensgefährlich Verletzte in die Uniklinik Greifswald geflogen, lag zehn Tage auf der Intensivstation. Der heute 40-Jährige wird dauerhafte Schäden davontragen, attestiert ihm ein Arzt. Seine Verdauung ist beeinträchtigt, noch heute muss er zweimal wöchentlich zur Physiotherapie und darf maximal zehn Kilo anheben. Wegen der Übernahme der Kosten streitet er sich mit der Berufsgenossenschaft, die auf das Urteil seit drei Jahren wartet.

Das fällte die Richterin in Bergen nach einem Verhandlungstag: Sie sprach Peter Pirol vom Vorwurf der Fahrlässigkeit frei. Es sei nicht mehr nachzuvollziehen, dass er gegen Sorgfaltsnormen verstoßen habe. Die Wahrheitsfindung sei in diesem Fall erschwert worden, „weil merkwürdige Sachen passiert sind“. So soll das Geschoss angeblich vom Knochen eines getroffenen Schweins in Richtung Traktor abgelenkt worden sein. Genau nachweisen lässt sich das nicht. Als die Polizei rund eine Stunde nach dem Unfall eintraf, war von den erlegten Tieren nichts mehr zu sehen. Ein zweiter, unbeteiligter Jäger hatte sie „wegen der Wärme“aufgebrochen. Er konnte sich nur an ein Tier erinnern. Das soll – wie auch immer – in der Kühlkammer des Landwirtschaftsbetriebes gelandet sein und wurde den Polizisten präsentiert, die es beschlagnahmten.

Wo sich zum Zeitpunkt der Schüsse das Auto mit dem Schützen befand, wo der Mähdrescher und der Trecker, wo die Schweine – bei all dem mussten sich die Beamten auf die Hinweise des Mähdrescherfahrers und des Jägers verlassen. Nach dem Unfall ging die Ernte weiter und das Feld wurde aufgeräumt. An der Kugel, die die Ärzte aus dem Körper von Nachtigall holten, fanden sich weder Spuren eines Schweins noch des Ackerbodens. Und so konnte auch der Ballistiker, der in dem Prozess als Sachverständiger auftrat, seine Berechnungen nur mit ungefähren Angaben anstellen. Demnach hätte sich das Schwein zwölf Meter vom Trecker entfernt befunden, als es getroffen wurde und der Schuss abprallte.

„Das kann passieren“, sagte ein Forstfachmann aus Brandenburg, der als Sachverständiger hinzugezogen worden war. Der Staatsanwalt sieht das anders: „Wenn sich zwischen Wild und Schützen Menschen befinden, kann ich nicht schießen. Das Risiko ist zu hoch!“, begründete er seine Forderung nach einer Verurteilung wegen Fahrlässigkeit. Es gebe ein öffentliches Interesse festzustellen, wie Jäger jagen dürfen. „Sonst werden auch künftig Erntearbeiter gefährdet.“ Er hat gegen das Urteil Berufung eingelegt.

Viele Landwirte gegen Jäger auf dem Acker

Erntejagden sind rechtlich möglich, dennoch verzichten viele Landwirte und Jäger auf Rügen darauf. „Jäger haben auf unserem Acker nichts zu suchen, wenn wir bei der Ernte sind“, formuliert ein Landwirt aus dem Norden der Insel, der selbst auf die Jagd geht. Es sei viel zu gefährlich. Unfälle können nicht ausgeschlossen werden, wie die Vergangenheit zeigt.

Wenige Tage vor dem erwähnten Unfall bei Kaiseritz war bei der Rapsernte zwischen Binz und Serams ein Mähdrescherfahrer angeschossen und leicht verletzt worden. Zahlreiche andere Unfälle werden gar nicht erst bekannt, weil sich die Beteiligten meist außergerichtlich einigen, wenn es um Sachschäden geht. So wurden auch in diesem Jahr Landmaschinen durch Querschläger beschädigt.

„So etwas kann man nicht ausschließen“, weiß Kreisjägermeister Holger Nebel. Deshalb gäbe es an Schießständen ja strenge Sicherheitsvorkehrungen. „Da arbeitet keiner, wenn auch nur annähernd in die Richtung geschossen wird, in der sich Menschen aufhalten“, sagt Nebel, der für einen Verzicht auf die Erntejagd plädiert. „Viele Landwirte auf Rügen stellen die Ernte ein, sobald sich ein Jäger auf dem Acker blicken lässt oder untersagen ihm die Jagd zu dem Zeitpunkt“, so Nebel. Auch der Kugelfang, der Boden, in dem das Geschoss steckenbleibt, biete keine Garantie. Je nach Bodenbeschaffenheit könne die Kugel abgelenkt werden. Sicherheit müsse endlich Vorrang vor dem Jagderfolg haben, fordert Nebel. Man könne nach der Ernte jagen; viele Wildtiere kämen nämlich nach dem Verschwinden der Maschinen zurück in ihren angestammten Lebensraum, also auf den Acker. Das Fleisch der während der Ernte erlegten Tiere sei durch die Stresshormone ohnehin oftmals nur schlecht zu verwerten. Zudem sei der Nutzen für die Bauern zweifelhaft, gibt ein Landwirt zu bedenken: „Bei der Ernte ist es viel zu spät für die Bestandsregulierung. Das muss vorher und kontinuierlich passieren.“

Maik Trettin

Maik Trettin

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