Menü
Ostsee Zeitung | Ihre Zeitung aus Mecklenburg-Vorpommern
Anmelden
Rügen Internat wurde Zuhause für ein „Landkind“
Vorpommern Rügen Internat wurde Zuhause für ein „Landkind“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:47 10.01.2019
"Abenteuer Internat" heißt das neue Buch von Gudrun Lange aus Bergen Quelle: Maik Trettin
Bergen

Sie war das Mädchen vom Dorf: Gudrun Lange hat über ihre Kindheit auf Rügen geschrieben. In ihrem autobiografischen Buch „Mein Leben als Landkind“, das 2012 erschien, schildert sie den Alltag im alten Bauernhaus in Mölln, Hausschlachtungen und Kollektivierung der Landwirtschaft und natürlich den Schulalltag. 1961 ließ sie die Geschichte enden. In dem Jahr verließ sie die vertraute Heimat und zog nach Bergen ins Internat der Erweiterten Oberschule (EOS), um das Abitur zu machen. In ihren Geschichten fanden viele Leser eigene Erlebnisse wieder und warteten gespannt auf eine Fortsetzung. Die ist nun erschienen. „Abenteuer Internat“ heißt das neue Buch der Bergenerin. Darin beschreibt sie die vier Jahre, die sie im Mädcheninternat der EOS an der Bergener Waldstraße verbrachte.

In dieser Zeit wird aus dem „Landkind“ eine selbstbewusste, lebenslustige junge Frau. „Ich mochte gerne Jungs und feiern“, sagt die heute 72-Jährige ohne Umschweife und gekünstelte Verlegenheit über diese Zeit. Wer nun aber eine Sammlung amouröser Abenteuer und Party-Schilderungen wie in einem Groschen-Roman erwartet, wird enttäuscht sein. Es sind kleine Episoden aus dem Alltag eines heranreifenden Teenagers, die Gudrun Lange da erzählt. Daraus erfährt man ganz nebenbei etwas über das Bildungssystem in jener Zeit, über die politische Lage und kulturelle Entwicklungen – vor allem aber über die Gedanken, Freuden und Sorgen eines Mädchens, das erwachsen wird.

In der Kleinstadt weitgehend auf sich gestellt

Der Start in diesen neuen neuen Lebensabschnitt verläuft für die 14-Jährige alles andere als glatt. Sie hat schon beim Aussteigen aus dem Auto das Gefühl, sich blamiert zu haben. Statt eines Zimmers wird ihr ein Klapp-Bett im Kulturraum zugewiesen. Sie verbringt die erste Nacht unter dem Bildnis eines lächelnden Walter Ulbricht, fühlt sich in dieser Zeit das erste Mal ausgegrenzt. In den folgenden Jahren stört sich das ehemalige „Dorfmädchen“ immer wieder an dem fehlenden Zusammenhalt der Menschen, mit denen es jetzt zusammenlebt. Man arrangiert und respektiert sich, ohne dass die Geborgenheit der Gemeinschaft dauerhaft entsteht. Die Ich-Erzählerin ist wieder und wieder hin- und hergerissen zwischen dem behüteten und gewohnten Leben am Wochenende zu Hause in der Familie und der Aufregung und den Abenteuern, die die Zeit im Internat bereithält. Hier, in der Kleinstadt, ist sie auf sich gestellt. Die Eltern nehmen sie im Alltag nur noch selten im übertragenen Sinne an die Hand und weisen ihr den Weg durchs Leben.

Langweilige Typen in der Tanzstunde

An vieles, was Gudrun Lange aus ihrer Zeit an der EOS in Bergen schildert, werden sich auch spätere Jahrgänge noch mit Wehmut erinnern: an die Treppe vom Hauptgebäude zum hölzernen Internat an der Waldstraße, an den Sportunterricht im „Waldfrieden“, an den Physikraum mit dem Hörsaalcharakter. Und vieles werden andere Schüler ähnlich erlebt haben: die Faschingspartys im Saal der Molkerei oder im „Mecklenburger Hof“, die Wehrkundeausbildung, das Bangen vor den Prüfungen, die erste Liebe, die Standpauken der Internatsleiterin, wenn man sich heimlich durch das Fenster davongestohlen hatte oder zu spät aus dem Kino zurück kam. Eine Strafe war das Kartoffelschälen. Und auch Gudrun Lange hatte das Schälmesser nicht selten in der Hand. Mal lassen sie und ihre Freundinnen den Unterricht sausen – nur wegen des Nervenkitzels. Auch für die Tanzstunde können sie sich nicht so recht begeistern: „Für uns sind es ziemlich langweilige Typen, kein Wunder, dass kaum Mädchen dabei sein.“ Ganz angetan ist sie dagegen vom Schwimmlager in Thiessow, in dem sie mit anderen Schülern während der Sommerferien als Küchenhilfe arbeitet. Dort gibt es auch Gelegenheit, „zu strahlen“. „So sagten wir damals, wenn wir verliebt waren und mit jemandem ,gingen', wie es heute heißt.“

Viele Details sind Gudrun Lange beim Schreiben wieder eingefallen. An fast alles konnte sie sich selbst noch erinnern. Außerdem hat sie mit früheren Mitschülern und anderen Ehemaligen gesprochen, die schlummernde Erinnerungen weckten. Gelegenheit dazu gab es auch bei der Hundertjahrfeier der Schule 2013. Auch wenn es ihr heute wie früher schwerfällt, sich Namen und Geburtstage zu merken: Was in jenen Jahren passiert ist, hat die Bergenerin nicht vergessen. „Mich hat diese Zeit nie losgelassen“, schreibt Gudrun Lange, „auch nach so vielen Jahren nicht. Wahrscheinlich weil es die Zeit war, die ganz allein mir gehörte.“

Erste Auflage schon vergriffen

1946 wurde Gudrun Langeauf Rügen geboren. Sie wuchs in Mölln im Westen der Insel auf. 1961 kam sie an die Erweiterte Oberschule (EOS) in Bergen, wo sie 1965 ihr Abitur machte. Ursprünglich wollte sie Ärztin werden, absolvierte zuvor eine Ausbildung zur Krankenschwester und studierte von 1971 bis 1974 Landwirtschaft. 1992 gründete sie einen privaten Pflegedienst auf der Insel und arbeitete von 2005 bis 2011 im Hospiz am Bergener Krankenhaus.

2012 erschien ihr Buch „Mein Leben als Landkind“. Dort, wo diese Geschichte endet, setzt „Abenteuer Internat“ an. Die erste Auflage ist bereits vergriffen, die zweite ab dem 14. Januar 2019 zunächst in der Stadtinformation in Bergen, dann im Gingster Buchladen und der Binzer Bücherstube erhältlich.

Maik Trettin

Auf einer Einwohnerversammlung wurden Pläne, Kosten und Angebote einer möglichen Sportschwimmhalle vorgestellt. Während Bergener Bürger begeistert waren, erhoben einige Volksvertreter Einwände.

09.01.2019

Im Landkreis Vorpommern-Rügen stieg die Zahl der beschäftigten im vergangenen Jahr auf rund 74 500.

09.01.2019

Marika Emonds ist die Neue im Museum der Stadt Bergen. Sie bringt Ideen zur kulturellen Bildung und Museumspädagogik mit

09.01.2019